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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Meine Wurzeln

Wilhelm Senk


Ich habe meine Kindheit im Waldviertel verbracht, bis heute besteht eine ungebrochene Beziehung zur Landschaft und eine starke Liebe zu den dort lebenden Menschen.
Mittlerweile sind die Jahre ins Land gezogen, vieles hat sich in den letzten vierzig Jahren verändert, man musste seinerzeit aus wirtschaftlicher Erfordernis der Heimat Lebewohl sagen, ein trauriger Abschied von liebgewonnenen Freunden.
Aber sich gänzlich von der Heimat lösen, unmöglich, zu tief verwurzelt in der Heimaterde, die Sehnsucht danach ist atmend und wird für immer Bestand haben.
Mein Blick schweift wieder zurück in meine Kindheit, tauche ein in eine Landschaft mit ihren atmosphärischen Erscheinungen, den faszinierenden Tag und Nachtwechsel, das Erleben der feinen und zarten Übergänge im Wechsel der Jahreszeiten, wo ich einst in diesen natürlichen Rhythmus eingebunden war, die Menschen geprägt von direkter Einfachheit.
Landschaft, Natur und die einfachen Menschen waren schon in meiner Kindheit eine Kraftquelle, gleich einer magischen Kraft, die bis heute noch immer in mir spürbar ist.
Meine Gedanken fliegen dahin, gleich einer Heimkehr schweben sie über mein idyllisches Dorf, lassen sich hernieder und machen Halt vor einem Bauernhof.
Bilder einer scheinbar längst vergangenen Zeit entstehen in mir, werden sichtbar, ich schaue von außen auf ein Fenster, blicke durch die Mauer, wissend, dass dahinter einmal meine Geburtswiege stand, ich höre auf einmal wieder vertraute Stimmen, das Bellen meines geliebten Schäferhundes, das Schnaufen der Pferde im Stall, alles hat den Anschein, als wäre ich in eine Zeitreise eingetaucht.
Ein Wunschgedanke wurde in mir wach, nie mehr entfliehen aus dieser heilen Welt, aus meinen naiven kindlichen Träumen, die Pracht der Natur in all ihren unterschiedlichen Facetten, deren Schönheit ich nicht mehr missen wollte.
Wie formvollendet wäre doch diese Welt, diese Landschaft, diese Natur, diese Idylle, zu welcher Spielfläche meiner Phantasie hätte es werden können, all meine Träume ausleben, die ich heute noch in mir trage, so kehre ich doch ein wenig wehmütig in das Heute zurück.
Zurück zu meinem geliebten Ursprung, mit ihren einsamen Landschaften, wo der Sternenhimmel so deutlich und klar zu schauen ist, wie sonst nirgendwo, und an so manchen Tagen die ganze Galaxie einem vor Augen liegt.
Manchmal der Nacht ein Sonnenuntergang voraus geht, mit dem die Sonne als riesiger, rötlich leuchtender Feuerball am Horizont verschwindet.
Die Atmosphäre wirkt bei uns im Waldviertel wie eine verstärkte Linse, die die Sonne über das bekannte Maß hinaus vergrößert, möglicherweise ist dies auch der Grund für die überdeutliche Präsenz der Milchstraße.
In solchen Sternstunden beginnt man seine Unruhe völlig zu verlieren, um in dieser natürlichen Einheit völlig aufzugehen, meine Heimat gleicht schon einer Seelenlandschaft, ein Naturtheater als Projektionsfläche der Phantasie.
Humanisten schätzen und lieben dieses Land, benutzen das Waldviertel als Spielfläche in ihren Bildern, die sie mit mythologischen Figuren und Allegorien der Antike verknüpfen, verweben und verschmelzen.
Mein Waldviertel, wo man in der teils unberührten Natur, Flora und Fauna noch in ihrer vollen Blüte und Vielfalt begegnen kann, entsprechend der Jahreszeit die Getreidefelder im vollem Wuchse stehen, die Landschaft fruchtbar und geordnet erscheint, auch hier ist die moderne Zeit eingekehrt, und doch ist etwas stehengeblieben, wird behutsam bewahrt, nicht völlig verdrängt von der Technik oder überlagert, es herrscht noch immer ein anderes Zeitgefühl.
Aber die Nächte des Wartens auf das Wiederaufleben der Natur werden kürzer, und ich spüre, der Wechsel der Jahreszeiten lässt das altern verspüren und lässt die Zeit nicht stille stehn.
Einen Vers habe ich da noch in Erinnerung, er möge nie zutreffen:
Leute und Land, in dem ich von Kinde an erzogen worden bin,
die sind mir fremd geworden, als hätte es sie gar nicht gegeben.
Mit denen ich gespielt habe, die sind jetzt müde und alt.
Bebaut ist das Land, gerodet sind die Wälder.



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Eingereicht am 13. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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