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Die kleinen Dinge im Leben einer Frau

Kathrin Laut


Der perfekte Tag im Leben einer Frau ist meistens nicht der, der es eigentlich einmal werden sollte. Meistens werden genau die Tage zu Katastrophen, von denen du das Gegenteil gehofft hattest. Ich denke, viele Frauen wissen, wovon ich rede: man wacht morgens auf, total unausgeschlafen. Schlecht gelaunt stehst du auf und schleppst dich ins Badezimmer. Du ahnst zwar schon, dass du an diesem Tag nicht besonders gut aussiehst, doch als du in den Spiegel siehst, merkst du, dass du falsch liegst: "Schrecklich" passt wohl eher zu dem Gesicht mit diesen Augenringen, den zerzausten Haaren und - ach du Schreck - zu dem neuen Pickel, der mitten auf deiner Stirn prangt. Zu allem Unglück merkst du, dass du an sämtlichen Körperteilen rote Beulen hast. Mückenstiche, wird dir im gleichen Augenblick klar, als du unbewusst anfängst dich am Bein zu kratzen, und dir fällt wieder ein, warum du so schlecht geschlafen hast: ein dummes kleines Mückenvieh, das dir die ganze Nacht um die Ohren gesaust ist und sich dann über dich hergemacht hat. Du nimmst dir vor, das Vieh zu töten.
Da du ein optimistischer Mensch bist, denkst du: Es kann wohl kaum schlimmer kommen! Leider fällt dir just in dem Moment ein, dass ja heute abends die große Party von dem besten Freund deiner großen Schwester ist, zu der du herzlich eingeladen wurdest. Dein Optimismus, dass aus diesem Tag der schönste Tag deines Lebens werden könnte, verschwindet erst mal irgendwo in der Unordnung deines Zimmers. Drei Minuten fluchst du vor dich hin - wie ein Tag denn schon so beschissen anfangen kann -, dann wird dir klar, dass du eigentlich ein toller Mensch bist und dass dein Äußeres eigentlich gar nicht so wichtig ist. Außerdem, denkst du, siehst du fast jeden morgen Scheiße aus. Also erst mal unter die Dusche und dann weitersehen. Bewaffnet mit dem Lieblingsduschgel, Lieblingshaarshampoo, Rasierer und Pflegespülung geht es ab unter die Dusche. Natürlich weißt du genau, dass du dich an einem solchen Tag eigentlich nicht rasieren solltest, und natürlich tust du es trotzdem. Ganz logisch also, dass du nicht ohne eine schmerzhafte Verletzung aus der Dusche herauskommst.
Dass nach diesem wundervollen gelungenen Morgen der seit Wochen erwartete Abend kein Stück besser verlaufen kann, ist ja abzusehen. Stell dir vor: du hast am Nachmittag das Beste gegeben, als du versucht hast aus dem Schweinestall, der früher einmal dein Zimmer war, den Fußboden sichtbar zu machen. Zwei Stunden vor der Party hast du dann entsetzt festgestellt, dass deine Lieblingshose, in der du so schön schlank aussiehst und zu der du deine neuen Pumps anziehen kannst, ja gestern in die Wäsche getan hast, damit Mama waschen kann. Also erst mal in den Keller spurten und Hose suchen. Ein wahres Erfolgserlebnis ist es, dass du sie gleich auf dem ersten Wäschekorb findest. Dein Optimismus steigt und du lässt dich auch von der Tatsache, dass die Hose nur noch ein bisschen nass ist, nicht von deinem Hoch herunterholen. Also nur noch kurz bügeln... der Rest wird schon von alleine trocknen. Tja, schade ist nur, dass du unterwegs zum Bügeleisen an einem Spiegel vorbeikommst und dir wieder einfällt, warum der Tag ja eigentlich so scheiße war. Zu allem Überfluss fällt dir auf, dass dein Bauch eigentlich viel zu dick für das Top ist, das du dir gerade ausgesucht hast. Also neues Top suchen... ach nein, erst mal bügeln, dann Gesichtsmaske und dann das Top suchen. Man, was für ein Stress!
Zwei Stunden später: Du stehst, mit beinahe einer halben Stunde Verspätung, vor der Tür des Hauses, in dem die Party steigen soll. Du fühlst dich klein, dick und hässlich, aber besser als vor dem Schminken. Die letzten zwei Stunden waren der Horror, als du versucht hast mit jeder Menge Make-up und Puder den megafetten Pickel auf deiner Stirn zu übertünchen. Du sammelst deine ganze Energie für ein strahlendes Lächeln und betrittst die Höhle des Löwen. Deine Freundin kommt auf dich zu und dein Lächeln wird sogar echt. Allerdings nur, bis sie dich fragt, ob du einen Pickel auf der Stirn hast. Du antwortest mit einem zerknirschten "Ja" und nun bringt dich nicht mal mehr ein: "Siehst trotzdem hübsch aus" wieder zum Lächeln.
Gerade überlegst du ernsthaft, ob du nicht gehen sollst, als du ihn siehst: den Traummann. Du lässt dich zu einem Lächeln hinreißen, er grinst dich an und du denkst nur..... und dann fällt dir wieder ein, dass du ja einen Pickel auf der Stirn hast und dass er bestimmt darüber gelacht hat. Außerdem fängt der kleine Mückenstich an deinem Arm ganz furchtbar an zu jucken und du musst dich erst mal kratzen, was natürlich megapeinlich aussieht. Du wärst nach Hause gegangen und hättest dich in deinem Bett verkrochen, dich über dich selbst geärgert und um den schönen Mann geheult, den du ja eigentlich nicht kanntest, aber den du kennen lernen wolltest, den du aber nicht kennen gelernt hast, weil du einen Pickel auf deiner Stirn hast. Du wärst ja nach Hause gegangen und hättest dem Leiden ein Ende gemacht, wenn du nicht in dem Moment mit dem süßen Kerl zusammengestoßen wärest. Tja, und plötzlich kommt alles anders. Er lädt dich ein, mit ihm was zu trinken und du wirst ihn den ganzen Abend nicht mehr los, was du gar nicht schlimm findest, weil er ja sooooooo süß ist. Du denkst nur noch zweimal an deinen Pickel und plötzlich ist er dir egal. Überhaupt alles, was an diesem Tag so überaus schrecklich erschien, war ja eigentlich viel zu blöd um sich darüber aufzuregen. Dir wird klar, dass man es als Frau manchmal nicht leicht hat, aber du merkst auch, dass du damit gut klar kommst. Zumindest, wenn jeder ach so schlimme Tag so endet.



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Eingereicht am 13. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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