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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Toleranzl

Von Claus


Gymnasiast Ludwig Toleoberfranzl, genannt Toleranzl, hatte die Faxen dicke.
Sein Sozialkunde- und Geschichtslehrer Hintermooser musste doch spinnen. Note 4, obwohl er als einziger die Frage nach dem Kriegsbeginn richtig beantwortet hatte: "Stalins rote Horden hatten ohne Kriegserklärung Deutschland überfallen und rollten durch bis Berlin." Sein Vater, einer der größten Bauunternehmer in der Region, hatte das auch gesagt. Jeder wusste das. Nur der dämliche Hintermoser wusste es natürlich nicht.
Dabei war ihm das bei dem schon mehrmals passiert. Der Depp bestritt einfach, dass die Menschen damals in der DDR hungerten und in der Zone nur russisch gesprochen wurde. Jeder wusste das, weil es stimmte. Nur Hintermooser, dieser Bolschewik, wusste es wieder einmal besser.
"Ein verkappter Roter, der Hintermooser. Vielleicht sogar ein PDS-ler oder schlimmer. Der Sache gehe ich auf den Grund. "Diesem Kerl reiße ich die Maske vom Gesicht."
Toleranzl schwor Rache.
Das Abendland, die Freiheit und Menschenwürde durften nicht Kakerlaken wie Hintermooser überlassen werden. "Schlimm genug, dass sich dieses rote Gesocks in Berlin an die Regierung putschte, unter Führung des Kommunisten Schröder."
Toleranzl wurde richtig wütend.
"Paar in die Fresse, wenn er abends vom Kirchenchor zurück kommt, könnte nicht schaden", überlegte Toleranzl. Dann verwarf er den Gedanken. Das könnte gefährlich werden, denn Hintermooser war ein durchtrainierter Sportstyp.
"Den mach ich geistig fertig. Hab intellektuell eh mehr drauf als dieser schräge Vogel."
Toleranzl wusste auch schon, wie er es anstellen würde.
Hintermooser, sowie ein weiterer Lehrer, ein pensionierter Professor, der Tierarzt und der Apotheker hatten vor Jahren in ihrem kleinen bayrischen Städtchen eine Gesprächsrunde ins Leben gerufen. Jeden letzten Donnerstag im Monat trafen sie sich abends im "Stillen Zecher" und diskutierten über Gott und die Welt. Ruhig, sachlich und freundlich. Ohne Besserwisserei, ohne Beleidigungen oder Brüllerei. Beinahe unpolitisch, soweit das eben ging.
Diese freundliche Gesprächsrunde fand schnell Freunde: Meist kam der Pfarrer mit dazu, einige Geschäftsleute, interessierte Jugendliche und Ältere. Auch einige, die die abendlichen Fernsehprogramme nicht mehr ertrugen. Für manche auch nur ein Vorwand, um in Gesellschaft noch ein freundliches Bier zu trinken, ohne dass die Frau schimpfen konnte.
Manche hörten zu, andere diskutierten mit, einige nickten nur stumm mit dem Kopf.
Steuern; Kriminalitätsbekämpfung; Pisa-Studie; Probleme der Wiedervereinung; Ausländer; Euro-Einführung; Renten - alles Themen, die mal so diskutiert wurden. Ein Meinungsaustausch eben; und am Ende der Veranstaltung einigte man sich auf ein Thema für den nächst Monat. So lief das eben.
"Also heute Abend wieder", überlegte Toleranzl.
Der Raum war gut gefüllt. Tolranzel hatte einen der vorderen Plätze erwischt. Der pensionierte Professor machte einige einleitende Gedanken zum Thema "Kriminalität in der Region". Hintermooser warnte vor Übertreibungen. Der Apotheker kam auf sein Lieblingsthema zu sprechen: Die unerzogene Jugend, die machen kann, was sie will.
Dann ergriff Toleranzl das Wort. "Viele Probleme", so erklärte er, "hängen einfach mit der Vergangenheit zusammen; stammen noch aus der Zeit des Eisernen Vorhanges und der Wiedervereinigung."
Hintermooser war jetzt beinahe stolz auf seinen Schüler. Vielleicht war er doch nicht so engstirnig, wie manche behaupteten. Der Apotheker nickte dem Sohn des angesehenen Bauunternehmers erst einmal freundlich zu, obwohl er nicht wusste, wohin die Rede des Gymnasiasten ging.
"Der Stasi", so erklärte Toleranzl mit fester Stimme, "hat auch bei uns viele Stinkbomben gelegt. Leute, die uns verdeckt schadeten und schaden. Heimlich den Sozialismus installieren wollen."
Die Rede fand Interesse.
"Ja und jetzt", so Toleranzl, "haben uns die Amerikaner brisante Geheimdienst-Unterlagen überlassen. Nun geht es den roten Maulwürfen an den Kragen."
Toleranzl machte eine kurze Pause. Es war ruhig im Raum. "Man sagt sogar," sprach Toleranzl in die Stille, "dass es einen solchen Schädling auch bei uns gibt. Sogar an unserem Gymnasium soll ein Geschichtslehrer in Kürze auffliegen."
Hintermooser bekam plötzlich einen roten Kopf, was mit Politik nichts zu tun hatte. Der Pfarrer bekreuzigte sich leicht und rückte einige Millimeter von Hintermooser ab. Hintermooser ärgerte sich darüber, dass er unruhig wurde. Aber er war, neben den Kolleginnen, der einzige männliche Geschichtslehrer.
"Natürlich sind das alles nur Gerüchte", sagte Toleranzl. "Sicher wird alles geklärt. Es kann sich auch als falsch erweisen. Aber auch mein Vater sagte, dass ihn nichts mehr wundern würde."
Toleranzl setzte sich; niemand wollte mehr was sagen. Selbst das Thema für die nächste Veranstaltung wurde vergessen.
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt.
Toni Tauschhaber, der Leiter des Gymnasiums, sprach am nächsten Tag nach dem Unterricht mit Hintermooser. Beide hatten zusammen studiert und verstanden sich. "Hör zu", sagte Tauschhaber zu Hintermooser. " Eltern haben mich angerufen. Es gibt da ein böses Gerücht. Ich kenne dich und glaube dir. Aber die öffentliche Meinung; das Ansehen unserer Lehreinrichtung; du kennst doch unsere Kleinstadt..."
Bis zur Klärung der Angelegenheit ging Hintermooser an eine andere Schule in eine andere Stadt. Ob ganz freiwillig oder auf Anraten des Schulamtes - so ganz genau erfuhr man das nicht.



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Eingereicht am 12. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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