www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Wahre Liebe.

Von Wilhelm Senk


Der Mensch ist stets geneigt immer den Großen dieser Welt nachzueifern, sie als glänzende Vorbilder zu betrachten, sie zu verglorifizieren, sie zu verherrlichen ohne zu erkennen, dass die wahren Werte eines Menschen nicht im Rampenlicht der Welt feststellbar sind, sondern verborgen und nur ganz selten an die Öffentlichkeit gelangen.
Mit der Liebe verhält es sich ähnlich, die Welt bringt die Liebe in Versen, Liedern und schönen Worten millionenfach zum Ausdruck.
Ist es die wahre Liebe, oder sind es doch nur Lippenbekenntnisse?
In Anbetracht der vielen Worte über die idealen Vorbilder dieser Welt, der vielen Worte über die wahre Liebe, da kommt mir wieder eine wahre Begebenheit in den Sinn.
Dabei ist es oftmals leichter Geschichten über die Liebe zu erfinden oder sie so zu konstruieren, dass es den Anschein hat, die Liebe sei makellos und vollkommen, blüht und gedeiht im Sonnenschein des Lebens, und man wird dennoch enttäuscht, sobald sich Schattenseiten im Leben bemerkbar machen und die Liebe verblüht und verwelkt.
Diese leidige Erfahrung mussten und müssen laufend die Menschen über sich ergehen lassen, machtlos und ohnmächtig zusehen, wenn Schicksalsschläge ihr Leben verändern und damit auf die wahre Liebe ein harter Prüfstein wartet.
Lässt uns oftmals zweifeln, den Glauben an die wahre Liebe, wenn es da zum Glück nicht immer wieder Beispiele gibt, wo die wahre Liebe noch gelebt wird oder wurde.
Eine Liebe, verborgen vor der Welt, gelebt im Stillen, ohne Verse, ohne schöner Worte, Gedichte oder Liedern, nein, gelebt in Taten.
Als ich noch ein Kind war, da war es immer eine besondere Freude, wenn Onkel Willi zu Besuch kam. Er war mein Lieblingsonkel, nicht weil er einen ähnlichen Vornamen wie ich hatte, er hieß ja nur Willi, ich aber Wilhelm, nein, er war deswegen mein Lieblingsonkel ob seiner Liebenswürdigkeit, seiner Herzlichkeit, seiner Lebensfreude, sein Humor und seine Fröhlichkeit waren ansteckend, niemand konnte sich seinem Charisma entziehen.
Ja, Onkel Willi war schon was Besonderes. Sein Lachen war so erfrischend, so wohltuend, er trug sein Herz offen zur Schau, niemals in meinem ganzen Leben sah ich einen bösen Blick, seine Augen strahlten stets wie um die Wette.
Dabei war sein Leben von Armut und Entbehrung geprägt, von Kindheit an bei den Bauern in den Diensten, gerade die Schule hinter sich, und schon ging es ans Geldverdienen. Auswahl in den Kriegstagen gab es nicht, einen Beruf zu wählen auch nicht, was blieb, war die nächstbeste Arbeit anzunehmen.
Aber diese Umstände waren Onkel Willi egal, er nahm eine Stelle als Holzarbeiter im Forst an, die Forstverwaltung stellte ihm ein Häuschen im Grünen als Wohnstätte zur Verfügung, das Schicksal stellte ihm die Schwester meiner Mutter zur Seite.
Tante Maria war ebenfalls eine ruhige herzliche Person, sie passten gut zusammen, als hätte der liebe Gott seine Hände im Spiel gehabt.
Das Glück war perfekt, viele Kinder kamen auf die Welt, wurden liebevoll umsorgt, wuchsen zu anständigen und liebenswerten Menschen heran. Onkel Willi war ein umsichtiger und vielseitig begabter Mann, obwohl nur ein einfacher Holzknecht, konnte er mit seinen Gedanken so manchen Gelehrten im Ort schon mal in Verlegenheit bringen, es war halt seine Naturverbundenheit, sein Gefühl für die Dinge, die im Leben wichtig sind und welche eigentlich belanglos.
Schon oftmals wie ein kleiner Philosoph kam er mir vor. Er pflegte die Blumen im Garten, kümmerte sich um seinen Gemüsegarten, war ganz stolz auf seine Bienenstöcke, ja, das war seine große Liebe, die Bienen. Sein produzierter Waldhonig war ein leckerer Genuss. Obstbäume im Garten hegte er, Schwammerl brachte er immer wieder nach Hause, alle Familienmitglieder liebten den Onkel Willi von ganzem Herzen, daran hat sich bis zu seinem Tode nichts geändert.
Aber da gab es auch die Schattenseiten, das Schicksal geht schon eigenartige Wege, wurden doch beiden schlimme Wunden ihren Seele zugefügt, Tante Maria und Onkel Willi mussten zwei ihrer Kinder frühzeitig ins Grab nachschauen, Krebs und an den Lebensumständen gescheitert und zerbrochen, diese Schläge mussten verdaut werden, ohne selbst daran zu zerbrechen.
Aber die Kinder blieben in ihren Herzen, genauso als wären sie immer noch mitten in ihrem Leben, sie ließen sich nicht entmutigen.
Gott gegeben, Gott gewollt, wird schon einen Sinn haben, diese Einstellung und Lebensphilosophie ließ auch diese Zeit verstreichen, ohne das Bitterkeit aufkam und ihre Herzen verhärtete. Beide behielten ihre Liebenswürdigkeit, ihre freundliches Lachen, vielleicht etwas zurückhaltender als sonst, auch dann noch, als der nächste Schicksalsschlag sie plötzlich und unerwartet traf.
Tante Maria erlitt einen Schlaganfall und war von dieser Minute an halbseitig gelähmt.
Onkel Willi schien vor einer unlöslichen Aufgabe zu stehen, da gab es noch Kinder zu versorgen, die Arbeit im Wald, kein Honiglecken bei Minustemperaturen im Winter von oftmals 20 Grad und mehr, im Sommer die Hitze, die Zecken, das Ungeziefer, die Gartenarbeit, die Obstbäume und die Bienenstöcke.
Jetzt galt es auch noch seine Frau zu versorgen, die Räumlichkeiten waren umbauen, Einrichtungen im sanitären Bereich und vieles mehr, ja, Onkel Willis Liebe wurde auf eine harten Prüfstein gestellt.
Aber selbst diese Umstände änderten nicht die Lebenseinstellung von Onkel Willi, konnten ihn nicht entmutigen, er nahm es einfach hin. Noch heute bewundere ich ihm deshalb, da ich nie von ihm Klagen hörte, ich nie von ihm die Frage hörte: Warum?
Warum muss ich das alles hinnehmen, wo liegt der Sinn? Niemals hörte ich das!
Tante Maria lebte noch etwa 20 Jahre nach ihrem Schlaganfall, konnte kaum etwas zum Haushalt beitragen, aber Onkel Willi war ja da, fröhlich ging er in den Tag, machte Frühstück für Frau und Kinder, ging in seine Arbeit, kam zwar hundemüde nach Hause, aber da begann nochmals der Tag, es musste gekocht werden, die Wäsche gewaschen, gebügelt, der Garten und die Bienen gepflegt werden, der Haushalt in Ordnung gebracht werden, Arbeit über Arbeit.
Wenn wir Tante Maria und Onkel Willi besuchten, da saß zwar Tante Maria regungslos in der Wohnstube, aber in ihrem Gesichtsausdruck konnte man manchmal selige Züge erkennen, Onkel Willi spiele Musik im Radio, kochte uns auf, sang manchmal bei einem Liedchen mit, es war eine wohltuende Stimmung, eine besondere Atmosphäre, als hätten Engeln neben uns Platz genommen. Werde diese einzigartigen Begegnungen in meinem ganzen Leben nie wieder vergessen. Ich habe solche Empfindungen wie damals bis heute nie wieder gespürt.
Seit diesem Erlebnis weiß ich, was für mich ein Vorbild ist, seit dieser Zeit weiß ich, was wahre Liebe bedeutet.



Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.



»»» Kurzgeschichten Alltag «««

»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««

»»» HOME PAGE «««



Eingereicht am 10. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.