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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Der einsame alte Mann

Wilhelm Senk


Langsam spazierte der einsame alte Mann durch den Park.
Er war langsam des Lebens müde geworden, viele Wunden hatte seine Seele abbekommen, aber alle hatte er überlebt, jede neue Wunde hatte ihn stärker werden lassen. Er war sehr hart geworden in dieser Zeit, mit niemanden sprach er, er ließ keinen an sich ran.
Auch heute wieder wollte er seine Ruhe, er setzte sich auf eine Parkbank und genoss die letzten Strahlen der untergehenden Sonne.
Auf einmal hörte er das leise Knirschen des Sandes, er drehte seinen Kopf zur Seite und sah wie auf der Nachbarsbank eine zierliche ältere Dame Platz nahm.
Sie schaute ihn mit großen Augen an, sein Herz schlug höher, er stand auf und ging langsam auf sie zu.
Doch sie war dadurch etwas verängstigt und stand sogleich wieder von der Bank auf und eilte vor ihm weg.
Ein Stückchen versuchte er mit ihr Schritt zu halten, aber sie war schneller, die Angst vor ihm ließ es aussehen als könne sie fliegen. Am nächsten Tag trieb es den einsamen alten Mann wieder in den Park, er wollte sehen ob sie wieder da war, und richtig, sie saß auf der Nebenbank und schaute zu ihm hin.
Aber als er sich ihr nähern wollte stand sie wieder auf und eilte weg. Er rief ihr nach, sie solle stehen bleiben, er wolle doch nur ein paar Worte mit ihr plaudern, aber sie schien zu verängstigt zu sein.
Tagelang wiederholte sich das Spiel, bis eines Tages ihre Neugier zu groß wurde, sie blieb auf der Bank sitzen, mit verschreckten Augen schaute sie den einsamen alten Mann an, er ging langsam auf sie zu und lächelte sie an, seine Augen bekamen einen seltenen Glanz.
Schüchtern lächelte sie zurück, vorsichtig nahm er auf ihrer Bank Platz, sie war noch immer sehr verängstigt, nur langsam konnte er sie überzeugen, dass er zwar ein Fremder zu ihr sei, aber doch nur ein paar Worte mit ihr tauschen möchte.
Sie sahen sich ab jetzt jeden Tag und schauten gemeinsam auf ihrer Parkbank der untergehenden Sonne zu. Oft schaute er sie an und der Glanz in seinen Augen wurden immer stärker.
Der einsame alte Mann hatte sich verliebt. Sie war noch vorsichtig aber Angst oder Scheu hatte sie keine mehr vor ihm.
Sie lernte ihn von einer Seite kennen die er allen anderen verschwiegen hatte, sie hätte ihn verletzlich gemacht.
Langsam fingen auch ihre Augen an zu glänzen wenn sie ihn sah und bald fühlten beide, dass sie sich liebten.
Man sah sie nun nur noch gemeinsam auf ihrer Parkbank sitzen. Der einsame alte Mann schwor ihr, dass er immer für sie da sein werde, sie schaute in seine Augen und spürte, dass er es ehrlich meinte.
Die Sonne ging langsam unter und warf ihre letzten Strahlen auf ihre nun gemeinsame Parkbank und als der einsame alte Mann zärtlich seine Hand auf ihre Schulter legte, wussten beide, sie brauchten nicht mehr alleine durchs Leben gehen.
Beide waren sehr glücklich zusammen, sie liebten sich auf ihre Art und nichts auf der Welt konnte sie trennen.
Trotzdem, sie hatten es nicht leicht, es war schwer mit dem Gebrechen des Alters, mit einer Krankheit zu leben, nicht wissend, wann das Ende naht. Der einsame alte Mann tat zwar alles, um ihr sein Geheimnis zu verbergen, doch irgendwie spürte sie seinen Kampf, die Spuren in seinem Gesicht vermochte sie schon ahnungsvoll zu deuten.
Sein starker Wille hielt ihn oft tagelang, sicherlich auch mit Mithilfe der vielen Medikamente, die er täglich schlucken musste, auf den Beinen, er versuchte alles, damit es ihr nur gut ging und sie nichts von seinem Schmerz mitbekomme.
Doch trotzdem merkte sie, dass er immer schwächer wurde, spürte dass er nicht mehr konnte, darum ließ sie ihn heute alleine auf ihrer Bank zurück, eilte davon um schnell zu einer Telefonzelle zu gelangen um einen Arzt zu rufen. Der einsame alte Mann blieb traurig zurück. Er vermisste sie sehr, er vermisste auf einmal ihre Nähe, aber er verstand, dass es nicht anders ging, er war zu schwach um mit ihr zu gehen um Hilfe zu holen.
Sein starker Wille hielt ihn noch ein wenig wach, ein wenig träumte er noch vor sich hin, er sah sie dann vor sich, er sah ihre Augen, er hörte ihre Samtstimme, er spürte wieder, wie sehr er ihre Nähe vermisste und wie schrecklich es war ohne sie zu sein, er senkte traurig den Kopf und Tränen rollten aus seinen Augen.
Oft dachte er, er könne nicht mehr leben ohne sie, aber dann fiel ihm ein, dass sie ja Hilfe holen wollte, ein wunderbares Zeichen, wie sehr sie ihn doch auch lieben muss, und er versuchte aufzustehen von ihrer gemeinsamen Bank, um ihr entgegen zu gehen.....



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Eingereicht am 04. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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