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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Schlaglöcher

Von Claus


Matze Moos war in tiefem Nachdenken versunken.
Seit einiger Zeit passierte ihm das öfter. Genau genommen seit seinem letzten Schwarzwald-Urlaub vor 5 Monaten.
In diesem Urlaub hatte er eine schicksalhafte Entdeckung gemacht. Nicht etwa Bollenhüte oder Schäufele. Nein, er hatte ganz einfach Schlaglöcher auf einigen Straßen Baden-Württembergs gesehen.
Die Wirtsleute konnten seine Fragen beantworten. "Also", sagte so ein freundlicher Schwäbele zum Hallenser Matze Moos, "also, nichts mehr damit, immer neue Asphalt-Decken auf die Straßen aufzuziehen. Auch hier gibt's jetzt knappe Kassen. Da müssen auch Schlaglöcher gefüllt werden bis zur nächsten Straßen-Sanierung."
Das war Musik in Matzes Ohren. Schlaglöcher also nicht nur in Halles Straßen, sondern jetzt auch im Westen.
Diese Erkenntnis veränderte Matzes Leben.
Auf seine Bewerbung als Straßenbau-Facharbeiter in einer württembergischen Kleinstadt erhielt er eine Zusage. Eine kleine Mietwohnung hatte er sich besorgt. Nächsten Monat war der Umzug.
In seinen 35 Lebensjahren hatten Schlaglöcher immer eine wichtige Rolle gespielt.
Beispielsweise als Kind. Als 8-Jähriger fuhr er mit seinem Fahrrad gutgelaunt Halles Landrain am Galgenberg hinunter. Plötzlich flog er durch die Luft. Er landete an einer gusseisernen Straßenlaterne mit einer gewaltigen Beule am Kopf. Ein schüsselgroßes Schlagloch hatte sein Vorderrad deformiert.
Von der Schule hielt Matze nicht viel. "Kostet nur Zeit und bringt kein Geld!" Trotz guter Noten beendete er nach der 8.Klasse die Schule. Was soll's, sagte er sich. "Ohne Moos nichts los! 10 Jahre Schule, dann Abitur, dann Studium? Nicht mit mir!" Zumal auch die Gehälter Studierter anfänglich meist nicht sonderlich hoch waren.
"Handwerk hat goldenen Boden", war seine Devise. Waren auch die Löhne in der DDR niedrig, mit handwerklichem Geschick, cleveren Ideen und guten Beziehungen konnte man manche Mark oder gar West-Mark zusätzlich verdienen.
So wurde Matze Straßenbau-Arbeiter mit Facharbeiter-Teilabschluss. Künstlicher Asphalt, so lernte in der Lehre, wird aus Erdöl hergestellt. Die durch Destillation gewonnenen Asphalte, die aus den nichtflüchtigen Kohlenwasserstoffen des Erdöles bestehen, werden zu Straßenbelägen verarbeitet.
Irgendwann wurden in der DDR Erdölprodukte immer knapper.
Neben der immer seltener werdenden Gesamt-Asphaltierung von Straßen trat das einfache Füllen von Schlaglöchern. Davon gab es genug. Matze hatte Arbeit ohne Ende. Schließlich musste Matze die Bestandteile selbst zusammenrühren. Die Bestandteile Sand und gemahlene Steine gab es genug. Der verbindende Erdölstoff war knapp.
"Knappheit muss kein Zeichen von Armut sein", philosophierte Matze. Er nahm überreichlich Sand und sparte am kostbaren Erdöl-Bestandteil. Es gab genug Häusle-Bauer, die eine solide Asphaltierung der Garagenzufuhr so unter der Hand auch gut bezahlten. "Privat geht vor Katastrophe", sagte sich Matze, und wäre an den Schlaglöchern fast reich geworden.
Als aber nicht nur einsetzender Regen Matzes verfüllte Schlaglöcher ausspülte, sondern selbst ein etwas stärkerer Wind die Schlaglöcher leer blies, wurde Matzes Meister Mühsam stutzig. Der Betrug flog auf, Meister Mühsam wusch Matze so richtig den Kopf. "Zur Strafe", so sagte Meister Mühsam in der Brigade-Versammlung, "oder besser zur Bewährung schicken wir dich zum Lehrgang. Bilde dich weiter und Qualifiziere dich."
Matze lernte theoretisch und praktisch große Straßenbau-Maschinen kennen.
So kam es, dass Matze nach der Wende eine große Gießasphalt-Einbaumaschine bediente.
"Feines Gerät", dachte Matze manchmal. "Hat nur einen Nachteil; es lässt sich nichts abzweigen." Dafür verdiente er aber gut.
Dann aber, einige Jahre nach der Wende, begann im Osten die Knappheit in den Kassen. Matze musste wieder mischen und Löcher füllen. Aber selbst den wertvollen Mischbestandteil gab es reichlich. Die alten und neuen Häusle-Bauer freuten sich und Matze verdiente. Seine Einkommen auf der Großmaschine waren "Peanuts " dagegen. "Ehrlich spart am längsten", tröstete sich Matze. Sein Geschäft florierte.
Das wäre sicher noch lange so weiter gegangen, wenn Matze nicht zu sehr übertrieben hätte.
Kurzum, Meister Mühsam, jetzt in der Stadtverwaltung / Unterabteilung Schlaglöcher, erhielt einen bösen Brief nach dem anderen von erzürnten Autofahrern. Unwillkürlich musste Meister Mühsam an Matze Moos denken. Jetzt fingen Gottes Mühlen langsam an zu malen. Matze flog.
"Schlaglöcher wird es immer und überall geben", tröstete sich Matze. Er war 35 Jahre, hatte einiges an Geld akkumuliert , der Arbeitsplatz im schönen Schwarzwald war ihm ziemlich sicher. Was ist schon Halle gegen die Große Kreisstadt Obersonnenwalde, sagte er sich.
Lediglich ein Problem beschäftigte ihn, versetzte ihn hin und wieder in ein tiefes Nachdenken: Meister Mühsam würde doch hoffentlich nicht auch eines Tages in Obersonnenwalde auftauchen? Er wird doch nicht etwa einen Bruder oder so was im Westen haben? Matze fand trotz Grübelns keine Antworten.
"Was soll's", tröstete sich Matze schließlich.. "Russland ist groß und der Zar ist weit"; das wäre schon ein großer Zufall.
Zumal ja Meister Mühsam sicher bald in irgendeinen Vorruhestand, Frühverrentung oder dergleichen ging.
PS: Kleine Nachbemerkung des Autors:
Ich mag Halle und ich mag die Hallenser. Schwarze Schafe gibt es überall. Ich halte es mit dem Hallenser Hans-Dietrich Genscher, der treffend sagte: "Hallenser - das sind Menschen mit so unendlich viel Charme, den sie aber gut verstehen zu verbergen."



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Eingereicht am 05. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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