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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

"Sie sind das Herz, das Kernstück!"

Eine Kurzgeschichte von Natacha Labrousse


Die Scheibenwischer quietschten auf der Windschutzscheibe und der Regen peitschte erbarmungslos dem kleinen Toyota entgegen, der sich mutig dem Wetter stellte. Der Mann am Steuer hatte das Gefühl, in einer trockenen und geschützten Kapsel zu sitzen, die jeden Moment auseinander brechen konnte, so heftig war das Unwetter. Er hatte einen anstrengenden Tag gehabt. ‚So ergeht es jetzt bestimmt auch tausend anderen Menschen', dachte er. ‚Mein Stress ist eigentlich nichts Besonderes.'
Trotzdem fühlte er sich ausgelaugt. ‚So wie man sich eben fühlt, wenn man neun Stunden lang einem langweiligen Vortrag hatte lauschen müssen, der eigens für die Mitarbeiter der Firma im Rahmen der Osterweiterung gehalten worden war.' Dachte er gereizt und sarkastisch.
Man hatte gemerkt, dass die Informationen über die anstehenden Projekte möglichst simpel gehalten worden waren. Er gehörte zum Fußvolk der Firma und deshalb hatten das Motivationstraining und die Gehirnwäsche in Hinsicht auf die neue Corporate Identity einen extra Tagesordnungspunkt erhalten.
‚Es ist so furchtbar, dass ich der einzige war, der das in den Pausen angesprochen hat. Niemand hat gemerkt, dass wir für die Dummen gehalten werden, die das auszuführen haben, was sich die Firma vorstellt. Aber die Firma hat ja Recht. Niemand hat hinterfragt, ob die neuen Projekte Lohnniveausenkungen oder verringerte soziale Leistungen für die Mitarbeiter zur Folge haben würden. Kaum zu glauben, dass ich an einem Tisch mit Menschen saß, mit ihnen Zigaretten geraucht und Kaffee bis zu Erbrechen getrunken habe, ohne dass sie verstanden hatten, worum es ging.
Während des Vortrages war immer wieder betont worden: "...und ohne Sie werden wir unsere Vorhaben nicht verwirklichen können. Sie sind das Herz, das Kernstück der Firma und mit Ihrem Engagement und unserem neuen Image werden wir am Markt unschlagbar sein." Das Herz, ja, das sind wir, aber wir sind auch genauso ersetzbar, wie ein Statist in einem Robin Hood Film.'
Der Mann runzelte seine Stirn. Er war frustriert. Er wusste, dass er mehr schaffen konnte, als nur ein einfacher Angestellter in einem mittelklassigen Unternehmen zu sein. Er hasste den Gedanken, abhängig von einer Firma und der Idee eines anderen zu sein. Kreativität war da nicht gefragt. Er hatte zwölf Jahre seines Lebens geopfert und er war nie weiter gekommen, als bis zum Bearbeiterposten, der gleich vor dem Aktuar in der Unternehmenshierarchie kam.
Das kleine Auto kämpfte sich noch immer durch die Nacht und es wurde manchmal von Sturmböen durchgerüttelt. Aber der Mann dachte nicht an Unwetter. Für ihn war es eher eine Bestrafung vom Schicksal, todmüde durch die Nacht fahren zu müssen. Er hatte ja nie Glück. Egal, um was es ging, immer war er der arme Pechvogel, der nie das Ansehen bekam, das er verdiente.
Täglich wünschte er sich, es wäre etwas anderes aus ihm geworden. Schriftsteller oder Journalist, aber irgendwie hatte er nie die Gelegenheit gehabt, an diesem Vorhaben zu arbeiten. Schließlich musste er sich mit Kollegen, Vorgesetzten und seiner Freundin herumärgern. Das war alles ziemlich nervenaufreibend. Wie also konnte er noch an der Verwirklichung seiner Träume arbeiten? Er war einfach zu beschäftigt.
Er wollte seinen Frust herausschreien, aber als er zu seinem lautesteten Ton ansetzte, kam er sich albern vor. Lieber schloss er den Mund und grübelte über sein Geschick, das ihn einfach nicht losließ. Es musste doch eine Möglichkeit geben, aus diesem Dilemma herauszukommen. Er ärgerte sich darüber, dass ihm niemand die Chance geboten hatte, sich zu profilieren. Und er fragte sich, warum bis jetzt keiner sein Talent, seine Fähigkeiten erkannt hatte. Er war mehr wert, als jeder andere in der Firma oder in seiner Stadt.
‚Sie verschwenden meine Intelligenz. Sie halten mich mit ihren dummen Schulungen auf. Warum tun mir diese ignoranten Bastarde das an? Ich hab das Zeug dazu, ein Führer, eine Autoritätsperson zu sein. Aber sie lassen mich nicht. Sie wollen mich unterdrücken und diejenigen, die auf der selben Stufe in der Arbeit stehen, wie ich, sehen auch nicht das in mir, was ich sehe: Einen klugen, weltoffenen Mann mit Ambitionen! Wenn ich nur die Möglichkeit hätte, ihnen zu beweisen, was ich kann, wozu ich fähig bin, würde ihnen der Mund offen stehen.'
Auch mit seiner Freundin war er nicht zufrieden. Sie war ein launisches Miststück ohne Verständnis für seine schlummernden Begabungen. Warum er noch mit ihr zusammen war, war ihm ein Rätsel.
‚Wahrscheinlich liegt es am Sex,' gab er zu, ‚aber solange ich noch auf der untersten Stufe im Berufsleben stehe, wird es mir schwer fallen, eine Frau zu finden, die meinen Anforderungen genügt. Tja, so ist das eben, da musst du durch.' Wieder legte er seine Stirn in Falten. Sie hatte schon Furchen vom ständigen Stirnrunzeln bekommen und das störte ihn. Er dachte, jeder könne sehen, wie sehr ihn sein Leben wurmte. Wie unzufrieden er war. Hätte er nur mehr Mut und Durchhaltevermögen, hätte er es weiter bringen können. Er sehnte sich nach Ruhm und Nimbus.
Er hatte keine Lust, seinem Chef den ewig ergebenen Speichellecker vorzuspielen. Aber der Chef war einfach nicht bereit, in ihm den fähigen Mitarbeiter zu sehen, der er war. Der Mann war wirklich verärgert. Er hatte alle Anlagen, aber nichts wurde ihm geschenkt.
‚Ich fahre jetzt schon seit zwei Stunden bei diesem beschissenen Wetter durch die Gegend, es ist dunkel, und wer rechnet mir diesen Verdienst an? Niemand! Wie viele Andeutungen soll ich denn noch machen, damit jemand mein Potenzial erkennt und fördert?' Wut übermannte ihn. Er umgriff das Lenkrad fester und rüttelte kurz daran. Dabei machte er ein Geräusch, das sich wie "Gchrrrrr" anhörte.
Doch dann ergab er sich wieder dem Gefühl, das immer dann in ihm aufkam, wenn alles hoffnungslos war. Es sagte ihm, dass es irgendwann mal soweit sein würde, dass er sich keine Sorgen zu machen brauchte, denn bald würde sich sein Leben ganz von alleine ändern. Er nahm sich deshalb vor, den Rest der Fahrt ohne die störenden Gedanken über Vergeblichkeit und Unterwürfigkeit zurückzulegen. Alleine in der Nacht war das zwar leichter gesagt, als getan, aber er schaffte es, nur noch halb so viel zu nachdenken.
Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum ihn die Lichter des entgegenkommenden Lastwagen blendeten, kurz bevor er mit ihm zusammenstieß.
Hätte er Erfolg im Leben gehabt, hätte er in dieser Nacht schon ein Luxusauto gefahren und er hätte den Zusammenstoß überlebt.



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Eingereicht am 03. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.