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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

"Behördenpost"

Kurzgeschichte von Claus


Wie jeden Tag um diese Zeit blickte Frau Fröhlich auf die Wanduhr.
"Die Post könnte schon durch sein", dachte sie und nahm den Briefkastenschlüssel.
Kaum einer sah ihr die 85 Jahre an. Dennoch - das Treppensteigen machte ihr Schwierigkeiten. Aber diesmal lohnte es. Endlich mal nicht nur Werbung im Kasten, sondern einen Brief.
Sie freute sich, suchte ihre Lesebrille und betrachtete das Schreiben. Rechts oben keine Briefmarke, aber wie bei Behördenpost der Aufdruck: Deutsche Post mit Posthorn. Darunter: Entgeld bezahlt (ZL) usw.
Links fein säuberlich als Absender: irgend so eine Geldgesellschaft in Europa. Ganz modern - der Name halb deutsch und halb englisch.
"Sicher wieder so ein neumodischer Kram", überlegte Frau Fröhlich. " Vielleicht gar die von der Europa-Union, die die DM in Euro umbenannt haben. Wahrscheinlich sind das auch schon alte und vergessliche Leute. Meine Rente haben sie halbiert und Euro dahinter geschrieben. In der Kaufhalle und beim Bäcker und im Blumenladen haben sie auch Euro hinter die Preise gemalt, aber das Halbieren vergessen."
Frau Fröhlich las noch einmal die Anschrift.
Eindeutig: Ihr Vorname und Name, Halle-Saale stand auch da, Ludwig-Wucherer-Straße und die Hausnummer stimmten ebenfalls.
"Wenn die was verkaufen wollen oder mir gar einen Bausparvertrag, eine Sterbe- oder Lebensversicherung aufdrängeln, schmeiße ich den Mist weg", nahm sie sich fest vor und öffnete den Brief.
Ein vornehmes Geschäftsschreiben.
Sie las und verstand nur die Hälfte. Dann las sie noch einmal. Klingt fast so, wie in Ramonas Schnulzen-Romanen. Sie überflog noch einmal den Brief.

Sehr geehrte Frau Fröhlich,
vor einem Jahr hat die Firma... blabla bla... ein Sonderkonto bei unserem Geldinstitut eröffnet. Unsere interne Konten-Revision hat jetzt festgestellt, dass sich noch immer ein Betrag von 10. 000,- DM, aktuell sind das 5.112,92 € , auf diesem Konto befindet.
Diese Gewinnsumme sollte planmäßig Ende Dezember... blablabla.... an die Gewinner ausgezahlt werden. Wir hatten aber keine Auszahlungs-Anweisung von der Firma ... blablabla..... erhalten. Nach Rücksprache mit unserem Kunden haben wir nun erfahren, dass die zuständige Sachbearbeiterin Frau Schuster sich in Mutterschutz befindet. Wir freuen uns zwar gemeinsam mit Frau Schuster über ihr Baby, aber leider ist dabei u.a. Ihre Gewinn-Benachrichtigung, Frau Fröhlich, liegengeblieben!!
Wir möchten uns dafür im Namen der gesamten Firma entschuldigen und sind nun bestrebt, den 5.112,92 € Jackpot ganz schnell auszuzahlen.
Um jetzt alle bürokratischen Hindernisse zu vermeiden, haben wir dafür kurzfristig unsere Rufnummer: 0190-824539* für Sie freigeschaltet : Ihr Sofort-Anruf sichert Ihre Ansprüche und klärt die letzten Auszahlungs-Details!
Bitte melden Sie sich gleich, Frau Fröhlich, es ist ja schon genug Zeit verstrichen!

Mit freundlichen Grüßen

...blablabla...
Leiter Kundenabteilung

Eine Kopie der Auszahlungs-Vollmacht lag bei. Ebenfalls eine Entschuldigung der Geschäftsleitung der ...blablabla... wegen der Verzögerung.
"Donnerwetter", dachte Frau Fröhlich, "endlich mal eine Behörde, die mir nichts abknöpfen will, sondern mir was zukommen lässt."
Ramona, ihre Tochter, war im Mutterschutz. Beim Schwiegersohn wackelte es auch mit der Arbeit. Die Einschulung vom Enkel rückte näher. Da käme das Sümmchen gerade richtig.
"Behördenkram" und "Schreiberei" erledigte bei Frau Fröhlich seit dem Tode ihres Mannes immer die Tochter. Morgen wollte sie ohnehin vorbeikommen. Sollte Ramona die Behörde anrufen, damit nichts schief geht.
Frau Fröhlich konnte nachts vor Aufregung kaum schlafen.
Ihre Tochter erklärte ihr die Bedeutung des kleinen Sternchens hinter der Telefon-Nummer. Ganz unten konnte man es auch lesen, wenn man noch gute Augen hätte: (*) 1,86 € /pro Minute.
"15 Minuten hätte das Gespräch sicher gedauert, bis du gemerkt hättest, dass man dich nur abzocken will", sagte Ramona. "Fast 30 € wären das gewesen". "Über 50 Mark", überschlug Frau Fröhlich .
Jetzt passierte etwas, was man bei Frau Fröhlich nicht kannte: Für fast 5 Minuten war sie einfach sprachlos. Dann schüttelte Frau Fröhlich etwas traurig den Kopf und seufzte: "Solche Gauner! Wer schützt mich eigentlich vor solchen Banditen?"
Ramona konnte die Frage auch nicht beantworten. Einfach noch mal Glück gehabt.



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Eingereicht am 03. Februar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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