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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Spiegel unserer Zeit?

Von Lila Milchkuh


Maike hob das zerknitterte Papier vom Boden auf. Ihre Tränen tropften dabei unentwegt auf den heißen Pflastersteinboden.
Es war inzwischen schon zwei Uhr nachmittags und Maike musste sich beeilen, damit sie nicht schon wieder zu spät nach Hause kam. Sie hatte schon genug zu befürchten, erst die Fünf in Mathe und dann noch die zerknüllte und völlig verdreckte Hausaufgabe von heute. "Vater wird das bestimmt sehen wollen und er wird mir nicht glauben, dass es nicht meine Schuld war." Eigentlich war sie es bereits gewohnt von Liza und den anderen ständig geärgert zu werden. Doch als diese heute ihre Büchertasche vor gesamter Mannschaft entleerten und dabei ihre Sachen wegschmissen, fing Maike an zu weinen. "Heulsuse, Heulsuse!", hatten sie ihr nachgerufen und Maike drehte sich um, damit niemand sehen konnte wie traurig sie tatsächlich war.
Das zierliche Mädchen hatte noch einen ziemlich weiten Weg zurückzulegen. Zwar gebe es in dieser Gegend auch Busse doch Maikes Eltern hatten dafür kein Geld.
Maike wischte sich die letzten Tränen aus den Augen und öffnete die schwere Wohnungstür.
Dahinter erstreckte sich ein dunkler enger Flur, der wie immer furchtbar nach Alkohol stank.
"Komm sofort her!", ertönte eine raue und männliche Stimme aus dem Wohnzimmer. Das kleine Mädchen schritt vorsichtig zur Wohnzimmertür und blieb dort im Türrahmen stehen. Verschämt blickte sie ihren Vater an. "Es ist wie immer", dachte sie. "Er sitzt da in seiner dreckigen Unterwäsche und säuft." Fast hätte Maike wieder geweint, als sie an die Väter ihrer Klassenkameraden denken musste. Doch sie besann sich und bemühte sich, hart zu bleiben; schließlich sei Weinen was für Babys, sagte jedenfalls ihre Mutter. "Du Faules Stück, geh in den Keller und hol mir gefälligst was zu trinken, aber sehe zu, dass du dich nicht allzu dreckig machst!" Seine Stimme klang kalt und leer, er hielt es nicht einmal für nötig, seine Tochter dabei anzusehen. Ohne Widerworte zu geben ging Maike resigniert und gehorsam in den Keller.
Ohne ein Wort des Dankes zu bekommen, ging Maike in ihr Zimmer und setzte sich auf ihr Bett. In Ihrem Kopf war es plötzlich dunkel und laut, dauernd sah sie Bilder vor sich. Bilder von ihrer Familie, von einem Säufer als Vater und einer Mutter, die sich nicht für sie interessierte. Plötzlich fiel Maike wieder die Mathematikarbeit ein und ihr Herz klopfte dabei voller Angst noch viel lauter. "Und wenn ich morgen sage, ich hätte es daheim vergessen?", überlegte sie sich. Aber das schien auch keine gute Idee, denn dann müsste ich es morgen unterschreiben lassen. Sie kannte die Konsequenzen für schlechte Noten, und genau das war es, was ihr panische Angst machte.
Maike stand auf und ging wie ferngesteuert zum Seitenschrank ihres Zimmers. Sie öffnete die Schublade. "Das wird mir wieder helfen!", dachte sie fast schon ein wenig stolz auf sich, so als hätte sie dort einen Freund versteckt. Zwischen alten Papieren und Erinnerungsfotos kamen auch mehrere Packungen Schmerzmittel zum Vorschein. Fast schon routinemäßig mixte sie sich einen kleinen Cocktail und trank das Gemisch. Die Schwindelgefühle und das anfängliche Herzrasen waren jetzt auch nicht mehr so schlimm. Maike hatte sich bereits daran gewöhnt. Maike wartete etwa eine Stunde ab und nahm anschließend ihre Mathematikunterlagen und schritt vorsichtig die Treppe hinunter. Wieder stieg ihr der ekelerregende Bier- und Schnapsgeruch in die Nase. Maike wurde schwindelig, sie hielt sich am Gelände fest.
"Du wagst es wieder mit einer Fünf nach Hause zu kommen?"
Der restliche Ablauf erstreckte sich für Maike wie in einem alten bekannten Film. Teilweise war sie sogar so benommen, dass sie nur noch Abschnitte wahrnahm. Etwa wie Vater den Gürtel aus seiner Hose zog und ihn ihr auf den Rücken schlug oder wie ihre Mutter plötzlich kopfschüttelnd in der Tür stand. Für Maike war dieser Tagesablauf nichts Besonderes; im Gegenteil für sie war das alles völlig normal. Maike saß wieder in ihrem Zimmer. Sie war zufrieden mit sich. "Ich habe die Schläge meines Vaters ertragen können ohne groß zu schreien", dachte sie. Das Mädchen drehte sich kurz um und schaute in den Spiegel. "Bei diesem Anblick, kann ich verstehen, warum ich nicht liebenswert sein kann." Ihre Haare sahen struppig und kaputt aus und waren eigentlich immer nur provisorisch zu einem Zopf gebunden. Ihre Haut war ganz und gar nicht schön. Sie sah überhaupt nicht aus wie ein anderes Mädchen, das 15 ist, denn im Gegensatz zu jenem wirkte sie sehr kindlich, genauer genommen etwas zurückgeblieben. Ihre alte Lieblingsjeans und der viel zu lange Pullover machten das graue Elend jedenfalls auch nicht viel besser. Maike drehte sich fast schon gleichgültig wieder rum und machte ihre Hausaufgaben fertig.
Für Maike war das alles normal. Sie kannte keinen andern Tagesablauf außer diesen, und schließlich war sie ja auch selbst schuld. Warum könne sie sich bloß nicht richtig konzentrieren, dachte sie empört bei sich.
Maike bemühte sich, ihren Hefteintrag säuberlich zu gestalten.
Die nächsten Tage und Wochen liefen für sie fast genauso schematisch ab. Nur dass sie diesmal keine schlechten Noten mit nach Hause brachte. Im Gegenteil, doch da gute Noten eine Selbstverständlichkeit sein sollten, machten sich ihre Eltern nie etwas daraus.
Maike hatte keine Freunde. Nicht mal eine beste Freundin. Sie würde sich viel zu sehr schämen, ein anderes Kind mit nach Hause zu bringen. Anfangs hatten einige aus ihrer Klasse noch gefragt, ob man den nicht mal gemeinsam etwas unternehmen solle. Doch sobald die Frage kam, ob man sie denn nicht einmal bei sich daheim besuche könnte, winkte Maike nur hysterisch ab. "Nein danke, wir renovieren gerade und haben eine Menge zu tun." Maike lies sich immer eine Susrede einfallen, obwohl sie sich doch nichts mehr wünschte als eine Freundin. Mittlerweile fragt keiner mehr nach dem schmächtigen Mädchen, fast alle halten sie für sonderbar und arrogant. Deshalb sitzt sie fast jeden Tag alleine in Ihrem kleinen Zimmer.
Manchmal wenn es ihr ganz besonders Schlecht ging und auch ihre Medikamente nicht mehr halfen, besorgte sie sich eine Rasierklinge. Sie versank dabei regelrecht in eine andere Welt und nahm kaum noch was um sich herum wahr. Wie betäubt sah sie zu, wenn sie die Klinge ansetzte und ihn langsam von der einen in die andere Richtung zog. Der Anblick des Blutes und der Wunde war für sie ein Symbol für Stärke. In ihrem Tagebuch schrieb sie sogar einmal: "Es ist so, als würde meine Seele für einen Augenblick lang wieder zu atmen beginnen." Schmerzen empfand sie dabei keine.
Maike begann zu lachen. Es war ein leises und eher verzweifeltes Lachen. Sie erinnerte sich an jenem Tag, an dem ihre Mutter die Narben auf Maikes Beinen und Unterarmen sah. "Schau mal Schatz, unsere Tochter ist gestört!", spottete diese und ihr Vater meinte nur kurz: "Die will sich doch nur wichtig machen." Damals war sie 13, aber die Narben sind immer noch da, der Wunsch sich verletzen ab und zu auch noch.
Eines Tages wachte das Mädchen mitten in der Nacht wegen einem lauten Streit ihrer Eltern auf. Vorsichtig schlich sie zur Tür um zu lauschen.
"Dieses Balg macht uns doch nur Ärger. Ich wünschte sie wäre tot!" "Aber Georg!", hörte sie ihre Mutter rufen. "Sie ist doch genauso deine Tochter wie meine." Maike seufzte "Ein Unfall war ich, sagen die, und dass ich Schuld bin, dass es meinem Vater so schlecht geht." Sie hörte, wie verzweifelt ihre Mutter war, und die harte Stimme ihres Vaters. Sie hörte auch die Schläge und die vor Schmerzen schreiende Mutter. Eigentlich war das normal. Und eigentlich hätte sich Maike auch wieder umgedreht und hätte weiter geschlafen, doch heute ging das nicht. Etwas in ihr begann fast zu explodieren. Es war ein schreckliches Gefühl. Sie weinte sogar, obwohl sie sich schwor, nicht mehr so oft zu weinen. Sie hasste sich, sich und ihren Körper. Die Tabletten und Pillen, die sie einnahm damit sie sich besser fühlen konnte, halfen nichts mehr. Im Gegenteil, sie fühlte nichts als unendliche Trauer und dieses Stechen im Herzen. Plötzlich kam für Maike alles das hoch, was sie seit Kindestagen an zu verarbeiten versuchte. Irgendwie beschlich sie ein seltsames Gefühl, eines das sie nie gekannt hatte "Ich kann nicht mehr!", dachte sie. "Ich will nicht Schuld sein, dass meine Eltern unter mir leiden nur weil ich ihnen das Leben so schwer mache." Ohne wirklich darüber nachzudenken nahm sie die Rasierklinge, die sie vor einiger Zeit in einem Kästchen mit der Aufschrift "Für Notfälle" versteckt hatte. Maike musste immer wieder daran denken, wie sehr ihr eigener Vater sie schlug und wie wenig das ihre Mutter kümmerte. "Er wird schon wissen, warum er das tut, wahrscheinlich willst du es ja nicht anders." Hatte ihre Mutter immer nur gesagt und sich nicht weiter darum gekümmert. Sie musste auch an den Alkoholgestank im Haus denken und die Nächte, die sie als junges Kind durchlebt hatte. Maike war sich sicher. "Jetzt werde ich etwas tun, was richtig sein wird, ich kann einfach nicht mehr."
Noch einmal begann sie sich in ihrem Zimmer umzusehen, so als würde sie sich verabschieden von allen Erinnerungen, die sie auf dieser Welt zurücklassen würde. Dann begann sie noch einmal zu lachen. Kein Lachen der Freude. Sondern ein lautes schrilles armseliges Lachen, bevor sie die Klinge an der Halsschlagader ansetzte und zu Boden fiel.
Als der Polizist am Morgen danach nach Hinweisen für den Selbstmord suchte, fand er auch ihr Tagebuch. Immer wieder konnte er eine Frage darin lesen: "Warum hilft mir keiner und warum muss ich auf dieser Welt alleine sein?"
"Hmm, ein typischer Fall von Suizid solche hatten wir diesen Monat schon weitere 5 Stück in der Gegend." Seine Stimme klang gleichgültig. Er schritt über die Leiche hinweg nach draußen, ohne sie auch noch einmal anzusehen.



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Eingereicht am 01. Februar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.