www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Streiche des Lebens

Eine Kurzgeschichte von Katja Krächan


Es war Montag. Der Tag in der Woche, der allgemein den Leuten nicht gefällt, weil es der erste Tag nach dem Wochenende ist. Überhaupt, so meine Erfahrung, sind Menschen montags schlechter gelaunt als an anderen Tagen. Das sollte ich mir mal erlauben! Ich arbeite nämlich auch am Wochenende!
Wie auch immer, an besagtem Montag hatte ich mir ja eigentlich frei genommen, wollte mich faul irgendwo hin pflanzen und den ganzen Tag einfach mal nichts tun. Gar nichts. Rein überhaupt gar nichts. Aber wie das Schicksal es eben mal wieder wollte, ging ich doch raus. Für mich war es schon relativ spät am Morgen - kurz nach 6.
Zuerst ging ich mal bei Frau Selwinger vorbei. Sie ist eine junge Frau, die jeden Werktag mit ihrem Auto in die Stadt fährt, um zu arbeiten. Meistens fahr ich mit ihr mit, weil ich gewöhnlich auch in die Stadt muss.
Dazu muss ich noch sagen, wenn es eine Frau gibt, die das Klischee der Frau am Steuer bestätigt, dann ist es Frau Selwinger. Was für haarsträubende Manöver ich mit ihr schon erlebt habe! Obwohl ich keinen Führerschein habe, musste ich schon so manches mal bei ihr ins Steuer greifen... Gestern z. B. als sie gleichzeitig überholen, Beschlag von der Scheibe wischen und eine CD wechseln wollte...
Aber darum geht's ja jetzt nicht. Ich ging also erst bei Frau Selwinger vorbei. Wie so oft, hatte sie wohl auch gestern vergessen, das Garagentor zu schließen. Find ich ziemlich blöd - wozu hat sie schließlich ein Garagentor, wenn sie es nicht schließt?
Ich überlegte kurz. Gleich würde sie wohl raus kommen und los fahren. Hmm,... ich könnte ja... Ja, ich entschied mich spontan, ihr die Luft aus den beiden Vorderreifen zu lassen.
Kaum war mein Werk vollendet, war sie auch schon zur Tür heraus gekommen. Bemerkt hatte sie das Ganze aber auch erst, als sie losfuhr. Hat die blöd geguckt, als sie die Bescherung gesehen hat!
Aber natürlich besteht nicht meine ganze Tätigkeit darin, die Reifen von Frau Selwinger zu entlüften.
Anschließend bin ich ein wenig spazieren gewesen. Unterwegs im Dorf traf ich unter anderem auch auf Herrn Fuchs. Ziemlich unpassend der Name, weil ich finde, er sieht mehr nach Streifenhörnchen aus, aber mich fragt ja keiner. Herr Fuchs ist Mathe-, Physik- und Chemielehrer am Gymnasium. Ich kenn ihn noch von früher, als ich fast jeden Tag dort war. Tja und Herr Fuchs, was soll ich sagen, ist eigentlich bei allen Schülern unbeliebt. Nicht zuletzt, weil er nicht immer ganz fair ist. Vergibt schlechte Noten, wenn die falschen Hausaufgaben gemacht wurden, obwohl er eigentlich ganz andere aufgegeben hat, als er kontrollieren will und solche Sachen. Er bevorzugt seine Lieblingsschüler und würgt den anderen so richtig eins rein. Als einmal in einer Klassenarbeit der Schnitt zu hoch war, hat er in der Aufgabenstellung einfach ein Minus vor eine Zahl gemacht und behauptet, die Schüler hätten alle Tomaten auf den Augen. Der Mann ist mit allen Teufelswassern gewaschen. (Und ich weiß, wovon ich rede.) Heute aber besonders mit Rasierwasser. Igitt! Der musste doch einen Kilometer gegen den Wind duften. Aber das würde ihm schon noch vergehen, ich hatte nämlich schon was geplant...
Es war mitten in der Chemiestunde der Zwölf b, als er sich schließlich wieder zu einer Gemeinheit entschloss. Naja, was heißt Gemeinheit!? In diesem Fall als Lehrer wahrscheinlich gerechtfertigt. Die Klasse hatte mal wieder keinen Plan, was sie eigentlich in der letzten Stunde gelernt hatte. Und so kam es wie es kommen musste: Herr Fuchs entschied sich für einen Test. Aber nix Schriftliches. Den Versuch der letzten Stunde nachstellen. Und weil er eben so ein Mensch ist, der sich auf seinen Lieblings- und seinen Hassschüler beschränkt, ließ er ausgerechnet die beiden den Versuch nachstellen. Ergebnis? Keine Ahnung. Bevor ich mehr mitbekam, stand die Schule schon halb unter Wasser. Einen Fehlalarm hab ich ausgelöst, der sogar in der Sporthalle die Sprinkleranlage aktivierte. Da wurde aus Volleyball fast Wasserball... Aber eben nur fast.
Die Schüler werden es mir gedankt haben, dass ich sie mal für ein paar Stündchen von Herrn Fuchs & Co. befreit habe. Und der gute Herr Fuchs ist ein bisschen von seinem widerlichen "Eau qui pue" losgeworden.
So kann man auch einen Montag Morgen rum bringen. Obwohl das noch nicht alles war. Auf meinem Weg zum Bahnhof (in der Nähe arbeite ich nämlich seit etwa einem Monat in einem kleinen Restaurant), ging ich in der Kelterstraße vorbei. Ich muss dazu sagen, das Restaurant, in dem ich arbeite, ist ein kleiner katastrophaler Familienbetrieb und die Schwiegermutter des Inhabers, Frau Mieselbleu, ist die Putzfrau im Restaurant. Sie wohnt in der Kelterstraße. Ist zwar schon relativ alt, hat soeben die 70er-Hürde genommen, aber ein wirklich liebenswertes Geschöpf und für ihr Alter noch topfit!
Wenn ich mit Frau Selwinger morgens in die Stadt fahre, steige ich gewöhnlich an der Ecke der Kelterstraße aus und besuche noch kurz Frau Mieselbleu. Und auch wenn ich mir heute natürlich eine andere Mitfahrgelegenheit suchen musste, wollte ich die nette alte Dame noch kurz besuchen. Montags morgens besorgt Frau Mieselbleu immer ihre Einkäufe und wie ich gerade die Treppe hoch gehen wollte, hörte ich sie auch schon aus ihrer Wohnung kommen. Alles andere war nicht schwer. Sie drehte sich um, um die Tür abzusperren und ich riss an einem Schnürchen, an dem ich die Fußmatte befestigt hatte. Schon segelte sie mit Schwung rücklings die Treppe hinunter. Wollte ihr ja noch helfen, aber die Nachbarin hörte es schon poltern und war schnell zur Stelle, also brauchte ich auch nicht länger zu bleiben. Anstatt dessen widmete ich mich dem nächsten Problem.
Übrigens - um wieder auf dieses anfängliche Problem der Frau am Steuer zurück zu kommen: Das gibt's auch bei Männern. Zum Beispiel beim Markus Pusch. Der wohnt nämlich im gleichen Haus wie Frau Mieselbleu, ist aber noch Fahranfänger. Hauptproblem: Einparken. Da bin ich immer gern behilflich. Auch an diesem Morgen, als er von der Zivi-Nachtschicht zurückkam. Als er ankam, sorgte ich erst mal dafür, dass die vierte Bewohnerin des besagten Hauses in der Kelterstraße aus ihrer Parklücke hinaus fuhr, damit er mehr Platz hatte. Gut - vielleicht hätte ich sie nicht beide gleichzeitig fahren lassen sollen. Hab ich aber und Nummer vier, also Carolin Hähnel (Sie sieht übrigens nicht schlecht aus - liebt ihr Auto über alles) hat den armen Markus entsprechend zur Schnecke gemacht, als er sie, bzw. ihr Auto... eh... tangierte.
Somit war der Morgen endgültig gelaufen. Außerdem wollte ich ja weiter zum Restaurant, das eine halbe Stunde später öffnete. Dort stand heute mal was Herbstliches auf dem Speiseplan: Mittagstisch - eine leckere Pilzcreme-Suppe. Lange vererbtes Rezept und es war ja grade die Saison... Schön und gut. Viel hab ich noch nicht mitbekommen - arbeite ja noch nicht lange dort. Aber ganz unter uns, ich hätt ja lieber ein Mikrowellen-Fertiggericht gegessen, als dieses Gebräu. Und ich fand, das sollte ich auch den Gästen nicht zumuten. Also hab ich beim Bereitstellen der Teller erst mal den Stapel anständig ins Wanken gebracht und er ist natürlich volle Kanne umgekippt. War das ein Krach! Und nur ein einsamer Teller war bei der Aktion heil geblieben. Aber da ich ja grad nicht mal in der Nähe der Teller war... Wie auch immer Herr Mathyssek, der Inhaber und Koch des Restaurants hat erst mal die Trümmerhaufen beseitigt, während ich mich um die Suppe kümmerte. Das Ergebnis war eine ungenießbare Pilzcreme-Suppe und ein Lächeln im Gesicht der Kaufhof-Angestellten, als Herr Mathyssek neue Teller fürs gesamte Restaurant kaufte.
Viel mehr war dann auch nicht mehr los. Weil ich ja eigentlich eh frei hatte, bin ich auch früh wieder gegangen und hab noch mal einen kleinen Spaziergang gemacht. Diesmal bin ich bei den Mayers vorbei gekommen, deren kleiner Sohn Timo steht schon seit Monaten, seit er seine Begeisterung fürs Fußballspielen entdeckt hat, auf der Abschussliste der Nachbarn. Ich zeigte ihm mal, wie man richtig schießt. Herr Jungmann freute sich weniger über die neue Luftzufuhr in seiner Küche. Zumal der Fußball genau in seinem Nachmittagskuchen gelandet war. Natürlich kriegte Timo die Schuld. Fies, ich weiß. Aber das Leben ist eben manchmal ungerecht. Je eher der Kleine das lernt, desto besser.
Schließlich entschied ich mich noch zu einem kleinen Abstecher ins Casino. Da war ich auch schon länger nicht mehr, aber ne Zeit lang, bin ich auch dort regelmäßig hingegangen. Leider durfte ich später nicht mehr hin. Vermutlich weil ich zu viele fiese Tricks kannte.
Einen der Zocker hab ich wohl ziemlich in den Wahnsinn getrieben - Statistiker. Behauptete die ganze Zeit, als nächstes müssten eigentlich drei Zitronen kommen. Nach dem 35. Versuch hat er schließlich aufgegeben. Konnte ja nicht wissen, dass ich da was gedreht hatte, der arme Kerl! Aber diese Spielchen sind mir allmählich zu langweilig. Am Anfang ist es ja immer lustig, aber das kann schnell vergehen.
Ach so - war schon relativ spät, als ich raus kam und machte es mir zur letzten Aufgabe des Tages, noch einen letzten Besuch bei Herrn Gerlach zu machen. Er wohnt in dem großen Mietshaus neben dem Häuschen von Frau Selwinger. Ich entschied mich für eine meiner Lieblingsaktionen: Die Sicherungs-Nummer.
Der verschläft morgen mal schön, der Langschläfer. Sein Wecker hat keinen Strom mehr! Und ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass er bei seinem Chef auf Bewährung ist...
Natürlich haben meine Bosse noch ihre Meinung zu meiner Arbeitsweise Kund getan. Michael meinte: "Manu," (das bin ich) "Du weißt ja, dass die Sache mit den Reifen auch hätte schief gehen können!" Als Frau Selwinger den Reparaturdienst gerufen hatte, hatte der Azubi nämlich den Wagenheber nicht richtig positioniert und hatte sich nur deshalb nichts gebrochen, weil ihm die Radkappe im Weg war. Die hatte er erst zur Seite gelegt. "Schicksal.", meinte ich achselzuckend. "Immer noch besser, als wäre Frau Selwinger von dem Strommast auf der Landstraße erschlagen worden."
"Dafür war aber die Aktion in der Schule gut!", lobte er mich. "Damit hast Du nicht nur den Fuchs'schen Hassschüler davor bewahrt, von seinem Vater wegen der schlechten Noten zu Tode geprügelt zu werden, sondern auch dafür gesorgt, dass der Lieblingsschüler seinen Berufswunsch änderte. Er wird kein Chemiker werden, sondern Arzt." Klar - der kriegte ja auch die Schuld für die ganze Sache. Herr Fuchs hatte die ganze Zeit über seinen Hassschüler im Auge behalten und wusste, dass er noch nichts verkehrt gemacht hatte. Als aber die Sprinkleranlage losgegangen war, war aus dem Reagenzglas des anderen so ein violetter Qualm gestiegen…
"Außerdem habe ich schon gehört", fuhr Michael fort, "dass Markus und Carolin sich in einem Jahr verloben werden." Er schüttelte den Kopf. "Du bist mir einer! Das ist doch gar nicht Dein Gebiet!"
"Ja, aber sonst hätte der Pusch die nette Frau Mieselbleu umgenietet. Und es bot sich gerade an!", meinte ich verschmitzt. "Und die Giftpilzsuppe war ja noch gar nicht aufgestellt. Hatte also noch Zeit."
Mein Gegenüber nickte verstehend. "Eine Sache ist da aber noch: Ich meine - Timo ist klar. Den musstest Du vor diesem Raser in Sicherheit bringen. Aber was sollte das mit dem Casino?"
"Ach… Da war dieser Feld. Der mit dem Lottogewinn. Der hat schon genug Geld! Und als nach ihm der Schöninger spielte, hab ich ihn gewinnen lassen.", erklärte ich.
"Verstehe", meinte schließlich auch Gabriel, der die ganze Zeit nur zugehört hatte. "Der Kumpel vom Gerlach, der mit ihm zusammen dann die neue Firma gründet…"



Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unsere Autorin ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.



»»» Kurzgeschichten Alltag «««

»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««

»»» HOME PAGE «««



Eingereicht am 28. Januar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.