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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

"Stinkie"

Kurzgeschichte von Claus


Sonntag war ich wieder einmal in Halle an der Saale.
Ich mag Halle, weil ich als Kind dort lebte.
An einer Ampel der Magistrale in Halle-Neustadt musste ich halten. Aus dem Auto sah ich Leute, die spazieren gingen oder auf den Bus warteten.
Vier achtjährige Jungen warfen mit Steinen und Dreckklumpen. Ziel war ein älterer, graubärtiger Mann in einem Rollstuhl. Nach den ersten Treffern aus kurzer Entfernung machte der Rollstuhlfahrer kehrt und entfernte sich rasch. Von den Kindern kamen Siegesschreie. Die Spaziergänger sahen weiter teilnahmslos zu. Keiner griff ein oder äußerte sich. Die Kinder entfernten sich. Sie suchten nach einer neuen Beschäftigung.
Meine Verwandten klärten mich auf. Das war sicher "Stinkie", ein älterer Mann mit zwei Beinprothesen. Meist verbrachte er den Tag im Kaufhallen-Eingang und beobachtete das bunte Treiben. Doch Kunden fühlten sich durch diesen Anblick belästigt. Er musste sich von dort entfernen. Auch am Kiosk will man ihn nicht. So fährt er ziellos durch Halle-Neustadt, Plaste-Beutel am Rollstuhl.
Mir fiel "Zither-Reinhold" aus meiner Kindheit ein. Alte Hallenser kennen ihn noch, obwohl er längst tot ist. Durch eine Krankheit hatte er das Hirn eines fünfjährigen zurückbehalten. Ein kleines, dünnes, zahnloses Männchen mit Bartstoppeln - so saß er in den fünfziger Jahren in Halles Stadtzentrum in Hauseingängen am Markt oder auf den Geschäftstreppen in der Großen Ulrichstraße. Er lächelte unmerklich und spielte auf seiner Zither. Stundenlang. Über 20 Jahre konnte man ihn sehen und hören.
"Zither-Reinhold" spielte, was ihm einfiel - im August konnte man Weihnachtslieder hören - stundenlang und immer mit dem Lächeln eines kleinen Kindes im Gesicht.
Um ihn herum sah man die Sympathiebeweise der Einwohner: Ein Apfel, ein Stück Kuchen, eine Geldmünze, eine Rolle Drops, Butterschnitten und hin und wieder einen Teller Suppe.
Nie wagte es einer, "Zither-Reinhold" zu ärgern oder ihn zu veralbern. Es wäre dem Übeltäter schlecht bekommen - ein paar Ohrfeigen von Passanten wären das mindeste gewesen. Wir alle mochten "Zither-Reinhold".
Wir unterhielten uns noch lange darüber, warum fast alle Zither-Reinhold mochten und "Stinki" ihnen gleichgültig war.
Wir fanden keine richtige Antwort, warum Menschen sich so geändert hatten...



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Eingereicht am 27. Januar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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