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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Hofgang

Von MK


Viel Bewegung hab ich hier nicht. Genau gesagt eine Stunde am Tag. Das sind 60 Minuten, in denen ich im Kreis gehe. Meist rechtsherum. Alle gehen rechtsrum. Einmal ging ich linksherum, schwamm gegen den Strom, kam mir als Rebell vor. Aber auch beobachtet. Nein, lieber mit der Masse, der Mensch ist ja ein Herdentier. Also nur noch rechtsherum.
Der kleine Weg, der den Kreis bildet, führt um einen Volleyballplatz. Ein Netz fehlt aber. Ich könnte eh nicht spielen. Außen säumt noch ein schmaler Rasenstreifen diesen Weg, dann kommen Mauern. Hohe Mauern. Da sind auch Fenster drin, mit Gittern davor. Die sorgen dafür, das keiner raus kann, offiziell, aber ich weiß, dass es sich andersrum verhält. Die Gitter sperren aus. Alles sperren sie aus, was mir jetzt als lebenswert erscheint. Die Farben, den Geruch des Regens oder das wunderbare Aroma des Frühlings. Die würzigen Düfte in der Erntezeit. Die Träume und zuletzt die Hoffnung. Die ganz besonders. Doch zu was auch Hoffnung? Wer hier hinter diesen Fenstern lebt hat jegliches Recht auf Hoffnung verloren. Mit Brief und Siegel. Dafür hat er das Recht, jeden Tag eine Stunde im Kreis zu laufen. Und das mach ich. Ich lauf schon sehr lange im Kreis. Bei jeder Witterung. Ich lauf im Regen und im Schnee, bei Sturm und Wetter, egal. Ich ziehe meine Kreise. Über den Sinn denke ich besser nicht nach, sonst lasse ich's noch bleiben. Und das ist doch meine Freude. Oder, ist das Freude? Ich weiß es gar nicht mehr. Wird schon so sein. Ich kann den Himmel sehen, wenn ich so laufe und nach oben schaue. Wenn ich einen Vogel seh, denk ich mir, was der wohl sieht. Für ihn ist der Kreis wohl winzig, ein unbedeutender Teil einer riesigen Welt voller Farben und Gerüche, voller Freiheit. Freiheit? Nicht denken, nicht denken.....
Meist sind es immer dieselben, die mit mir ihre Runden ziehen. Gelegentlich unterhalten wir uns. Über das Fernsehprogramm, das Wetter, eben über alles mögliche. Wir tun so, als wäre es hier normal, als wäre das hier die Realität. Ist das hier die Realität? Ich muss wohl davon ausgehen, doch insgeheim hoffe ich, dass ich jeden Moment erwache und alles war nur ein wirklich böser Traum. Doch Hoffnung oder Träume gibt es hier ja nicht; fast vergaß ich einen Augenblick lang. Es wäre schön, vergessen zu können. Ich hab's versucht. Stundenlang, mit aller Macht. Keine Chance. Jedes Atom hier zwingt mich, mir gegenwärtig zu werden. Der Gegenwart gegenwärtig zu werden. Die Hölle, ja, das muss es sein. Ich bin in der Hölle und hab's noch gar nicht gemerkt. Fast komisch. Da hat man alle Zeit der Welt zum Denken, und das Offensichtliche übersieht man einfach. Hm. Aber das Denken ist auch nicht leicht, wenn es das Einzige ist, was man hier tun kann. Denken und im Kreis laufen; eine Stunde am Tag.



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Eingereicht am 24. Januar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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