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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Alle Zeit der Welt

Von Helen Reinhardt


Wie oft denken Erdlinge doch über das Leben nach dem Tod nach. Sehr oft. Sie denken im Himmel wäre es aufregend, spannend; einfach ganz anders als auf der Erde. Oder dass es hier oben genauso wie unten ist, viele Menschen und weite Landschaften, oder dass es hier Engel gibt, menschenartige Wesen mit großen fedrigen Flügeln. Ich will nun alles klarstellen, ich will nun sagen, wie es hier oben wirklich ist.
Als ich noch lebte war ich ein ganz normaler Mensch: Ich hatte Freunde, ging zur Arbeit, hatte Beziehungen und war mit mir und meinem Dasein zufrieden. Dann starb ich, wie ich starb weiß ich nicht mehr. Ich wachte einfach nur auf, als ob nichts passiert wäre. Keine Schmerzen, keine Beschwerden. Alles war wie immer. Aber irgendwie war es auch anders, keine vertrauten Gegenden, ich war einfach nur allein. Keine Farben, nichts. Einfach nur nichts. Ich fing an nachzudenken, über die Leute die ich liebte, über die Vorstellungen des Lebens nach dem Tod. Über so viele Dinge, aber es war einfach nichts mehr wichtig. Alles war egal. Gefangen in der leere des Todes. Kein Vorwärts kein Zurück. Nichts einfach nur nichts. Es gab nichts was ich vermisste, niemanden nach dem ich mich sehnte. Hier gab es keine Gefühle, keine Angst, keine Fröhlichkeit, keine Verzweiflung. Jeder "noch" Lebende würde es hier langweilig finden, weil es hier einfach gar nichts gibt: keinen Computer, keinen Fernseher, keine Handys. Aber jeder Tote sieht das hier anders. Denn hier ist man frei, frei im Nichts. Auf der Erde ist man nicht frei, es gibt dort nicht die unbegrenzte Freiheit, das tun zu können was man will. Hier kann man es, aber man will es nicht, weil man hier alle Zeit der Welt hat, alles hat Zeit, nichts drängt. Man hat die Ewigkeit in seinen Händen und sie verschwindet nicht. Man denkt hier nur über all seine Fehler nach, die man gemacht hat und über so viel anderes. Man darf aber nicht denken, dass es hier andere gibt. Die gibt es nicht, man ist allein. Allein in der Unendlichkeit. In einer Unendlichkeit die keine Farbe und keine Formen hat. Man sieht nichts und fühlt sich trotzdem nicht allein. Diese unbeschreibliche Leere, man spürt sie. Denkt aber nicht, dass es Himmel und Hölle gibt, es gibt nichts von beidem. Weder Himmel noch Hölle. Alle Geistlichen erzählen davon und sie erzählen auch immer von Gott, der hier oben leben soll. Aber sogar hier findet man ihn nicht. Er ist unauffindbar. So nah und doch so fern. Genau wie die Erde. Aber langsam fange ich an zu verstehen, zu verstehen warum, warum die Leute sich die Geschichten über den Himmel und die Hölle ausdenken. Sie brauchen die Sicherheit, zu wissen, dass es hier auch Gut und Böse gibt. In Wirklichkeit haben alle Lebenden doch nur Angst vor dem Unbekannten. Es gibt hier so viele Dinge über man sich so seine Gedanken macht. Man muss mit diesen Überlegungen nicht aufhören, denn man hat ja alle Zeit der Welt, und die werde ich auch nutzen.



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Eingereicht am 23. Januar 2004.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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