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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Leben duftet

Eine Kurzgeschichte von Horst Feldle


"...Temperaturen drei bis fünf Grad - und die weiteren Aussichten: es bleibt regnerisch und sehr windig, bei Höchsttemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt." Jochen Felder hörte nur halb hin; auch die anschließenden Verkehrshinweise auf kilometerlange Staus konnten ihm an diesem trüben Novembermorgen nicht die Laune verderben. Heute war sein Tag! Genüsslich strich er sich extra dick Marmelade aufs Toast, während ihm Jutta noch eine zweite Tasse Kaffee einschenkte.
"Was wirst du denn anziehen?", fragte er seine Frau, obwohl er schon eine genaue Vorstellung davon hatte, wie sie aussehen sollte, wenn der Vorstand der CONFIDENTIA-Versicherung AG, Dr. Resch, ihn heute Abend zum Organisationsleiter des gesamten süddeutschen Raums ernennen würde. Jochen dachte an das neue schwarze Kleid, das er ihr im letzten Urlaub in Avignon gekauft hatte und welches so kurz geschnitten war, dass es mehr Bein zeigt als verdeckt. Er liebte es nach wie vor, wenn sich andere Männer nach seiner attraktiven Frau umdrehten. Zudem war er war stolz darauf, dass sie im Alter von 39 Jahren auch die Kleider und Röcke ihrer gemeinsamen 18-jährigen Tochter Marion tragen konnte und das manchmal, mit ihrem Einverständnis tat.
Aber Jochen wollte natürlich auch seinen Kollegen beweisen, dass er nicht nur beruflichen Erfolg hatte, sondern sich auch privat auf der Gewinnerstraße befand. Immerhin war er zehn Jahre älter als Jutta und, obwohl er diesen Gedanken immer wieder verdrängte, war ihm doch bewusst, dass es Lebensabschnitte gab, in denen sich diese zehn Jahre besonders bemerkbar machten. Umso mehr freute er sich auf die neidischen Blicke, wenn er heute Abend zum Rednerpult gehen würde um sich bei Dr. Resch für die bevorstehende Ernennung zum Organisationsleiter zu bedanken. In seiner Dankesrede hatte er sich genau zurechtgelegt, wie er den jungen Kollegen, nicht ohne Stolz, seinen Werdegang, sein Engagement und sein selbstloses Eintreten für die Firma schildern würde, und schließen würde er dann mit dem Dank an seine Familie, speziell an seine Frau Jutta, ohne deren Verständnis und Fürsorge er heute beruflich nicht da wäre, wo er sich nun mal befand.
Oh ja, Jochen genoss diese Vorfreude in vollen Zügen. Viele seiner Kollegen hatten in letzter Zeit versucht, ihm Steine in den Weg zu legen, an den Vertragsabschlüssen in seinem Zuständigkeitsbereich zu mäkeln, ja sogar Zahlen zu manipulieren, nur um ihn im Rennen um den Job des Organisationsleiters zu überholen. Ihnen hatte er es allen gezeigt, und es war eine Mischung aus Genugtuung und Schadenfreude, die es ihn kaum erwarten ließ, dass es Abend wurde.
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Nadine Baranger war wie immer früh auf den Beinen. Im November ebbte der Touristenstrom in der Provence zwar merklich ab, aber es gab speziell noch einige Engländer und Deutsche, die dem Schmuddelwetter in ihrer Heimat entfliehen wollten und ein paar Tage in der wärmenden Sonne Südfrankreichs verbrachten. Nadines kleine Pension "La Petite Maison" lag am Ortsrand von Fontaine de Vaucluse und ihre augenblicklichen Gäste, ein älteres Ehepaar aus London, wollten heute, zum Abschluss ihres Urlaubs, einen Tagesausflug nach Aix-en-Provence machen und früh starten.
Nadine hatte sich noch nie vom Bäcker beliefern lassen, sondern sie fuhr seit über 30 Jahren jeden Morgen mit dem Fahrrad in die kleine boulangerie, die auf dem Weg zur Sorgue-Quelle lag und kaufte dort ihr baguette. Der morgendliche Ausflug ins Dorf tat ihr gut; erstens war sie ansonsten doch sehr an das Haus gebunden und zweitens erfuhr sie oft schon vor allen anderen sämtliche Neuigkeiten, die sich im Dorf ereignet hatten. Ein baguette und zwei croissants, mehr würde sie heute nicht brauchen, denn die Engländer waren zurzeit die einzigen Gäste in ihrem Haus, die anderen Zimmer standen leer.
Es war noch dunkel, als Nadine ihr Fahrrad die leichte Anhöhe zur Pension langsam hinaufschob. Die Zeiten, als sie die Steigung in den Pedalen stehend durchtreten konnte, waren lange vorbei. In der Garage hinter dem Haus stand zwar immer noch der dunkelblaue Citroen-Maserati von Claude, aber Nadine hatte ihn seit dem plötzlichen Tod ihres Mannes vor drei Jahren nicht mehr benutzt. Verkaufen wollte sie ihn auch nicht; irgendwie hätte sie es als Verrat an Claude empfunden - ihr Mann hatte jede freie Minute und etliche Francs investiert, um das seltene Stück in einem Topzustand zu halten.
Ab und zu, wenn sie ganz alleine zu Hause war, und ihr die Ansprache durch die Gäste fehlte, öffnete sie das Garagentor, setzte sich auf den Beifahrersitz und es dauerte nicht lange, da fuhren sie wieder an den blühenden Lavendelfeldern vorbei, der Duft der Provence strömte durch das geöffnete Seitenfenster ins Auto und aus dem Radio klang leise "Je ne regrette rien" von Edith Piaf. Oh, wie hat sie sie genossen, diese Ausfahrten am Sonntagnachmittag, Ein baguette, etwas gesalzene Butter, ein Bergkäse vom Mont Ventoux und eine Flasche Cote du Luberon, mehr brauchten die beiden damals nicht um glücklich zu sein. Und als sie auf dem Hochplateau von Vaucluse ihr Picknick machten, dachten sie oft daran, wie viele Kilometer andere Menschen zurücklegen mussten, um der Hektik des Alltags entfliehen zu können und sie brauchten nur vor ihre Haustüre zu treten.
Urlaub hatten die Barangers sowieso nie gemacht. Also, richtigen Urlaub. Nahezu neun Monate im Jahr hatten sie Gäste - auch wenn es, wie im Augenblick, nur ein Ehepaar war, so mussten sie doch da sein - und in dem restlichen Vierteljahr war sowohl Claude als auch Nadine vollauf damit beschäftigt, die Spuren, welche die zahlreichen Touristen in ihrem "Petite Maison" hinterlassen hatten, zu beseitigen. "Das glaubt einem kein Mensch", hatte Nadine immer gesagt und somit ihr eigentliches Vorhaben, einmal ein Buch darüber zu schreiben nach und nach verworfen.
Doch, einmal, im Jahr bevor Claude starb, hatte er sie für eine Woche in ein Hotel in die Alpen, bei Grenoble eingeladen. Claude sagte, dass Nadine das ganze Jahr über andere Menschen bedienen würde und sie hätte es auch einmal verdient, bedient zu werden. Claude meinte es gut, und er hatte keine Kosten gescheut, als ihm die junge Dame im Reisebüro von L'Isle sur la Sorgue mehrere Hotels zur Auswahl anbot. Claude entschied sich für das "Excelsior", ein Fünf-Sterne-Hotel bei dem man schon von den parkenden Autos in der Tiefgarage auf den Geldbeutel der Hotelgäste schließen konnte.
Nadine wollte es ihrem Mann damals nicht sagen, aber sie fühlte sich nicht wohl. "Von welcher Seite aus muss ich das Besteck nehmen?", fragte sie Claude unsicher, als sie merkte, dass sie vom Nachbartisch aus beim Abendessen beobachtet wurde. Und sie konnte gar nicht anders, als früh die Betten selbst aufzuschütteln, obwohl das Zimmermädchen es kurze Zeit später noch einmal tat. Irgendwie waren beide nach der Woche heilfroh wieder zu Hause zu sein, obwohl sie sich noch wochenlang gegenseitig beteuerten, wie schön es doch gewesen sei. Ja, das Leben war sehr einsam für Nadine geworden. Kinder hatten sie sich zwar immer gewünscht, aber irgendwie hatte es nicht geklappt, und dafür medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, war für beide nie ein Thema gewesen.
Als sie tief schnaufend ihr Fahrrad an der Eingangstür des Hauses abstellte, dachte sie schon mit Grausen an den nächsten Tag, wenn die Engländer abfahren würden. Vorbestellungen bis Weihnachten hatte sie keine mehr, und Gäste, die zufällig nach einem Zimmer fragen würden, waren um diese Jahreszeit auch nicht mehr zu erwarten. Früher saß sie in diesen Zeiten oft mit Claude am offenen Kamin bei einem Gläschen Rotwein und sie plauderten über die vergangene Saison; über die blassen Engländer, die auch noch bei eisigem Mistral in kurzen Hosen aber dicken Jacken zu ihren Wanderungen aufbrachen, über die hektischen Deutschen, die auch im Urlaub minutiös genau ihren Tagesplan abarbeiten mussten, aber auch über die arroganten Einwohner von Paris, die sich mit jedem Satz anmerken ließen, dass sie - und nur sie - die wahren Franzosen seien. Das Verhalten und die Eigenarten ihre Gäste sorgten oft Abende lang für amüsanten Gesprächsstoff und selten blieb es bei der einen Flasche Rotwein.
Jetzt hatte Nadine regelrecht Angst vor dieser Zeit!
Nachdem sich am nächsten Morgen das englische Ehepaar nach dem Frühstück verabschiedet hatte, ging Nadine in den Keller und kam kurze Zeit später mit Hammer und Nagel und einem großen Schild wieder. Sie hängte es hoch über die Eingangstür, so dass man schon von weitem lesen konnte: À VENDRE.
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Das große Casino der CONFIDENTIA-Versicherungs-AG war fast bis auf den letzten Platz besetzt, als Jochen Felder mit seiner Frau den Saal betrat. Aber für die Felders waren natürlich zwei Plätze in der ersten Reihe reserviert, und Jochen genoss die Blicke seiner Kolleginnen und Kollegen, die Jutta und ihn verfolgten, bis sie Platz genommen hatten. Dr. Resch hielt größere Feierlichkeiten nie außer Haus ab, nicht unbedingt aus finanziellen Gründen, sondern weil er die Meinung vertrat, es stärke die Verbundenheit der Mitarbeiter mit dem Unternehmen, wenn man unter dem Dach, wo man arbeitet, auch feiert.
Jochen rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her; obwohl er es nie zugegeben hätte, er war doch nervös. Gedanklich ging er noch einmal seine Rede durch: Dank an Dr. Resch, kurze Schilderung seines Werdegangs, Hinweis an die jüngeren Kollegen, dass "ohne Fleiß kein Preis", Dank an die Kollegen, ohne deren bewährte Mitarbeit er es natürlich nie geschafft hätte, heute zum Organisationsleiter ernannt zu werden und abschließenden Dank an seine Frau Jutta und seine Tochter Marion, ohne deren Verständnis für seine nächtelange Arbeit, die auch vor Wochenenden nicht halt machte, er heute nicht hier stehen würde.
"Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen", die dominante Stimme des Vorstandsvorsitzenden riss ihn jäh aus seinen Gedanken. Augenblicklich war es mucksmäuschenstill im Saal, der sich mittlerweile mit weit über 500 Mitarbeitern gefüllt hatte. "Ich möchte Sie heute über einige organisatorische und damit auch personelle Umstrukturierungsmaßnahmen in unserem Hause informieren. Die Welt um uns herum verändert sich sehr schnell, und wir müssen darauf nicht nur reagieren, sondern bereits im Vorfeld agieren. Nur wer den entscheidenden Schritt voraus ist, wird mit den galoppierenden Anforderungen des globalisierten Marktes der Zukunft Schritt halten können ...". Es folgten ellenlange Ausführungen und Parolen, die als Motivationsrede für Mitarbeiter eines jeden Unternehmens gepasst hätten und durchaus auch austauschbar gewesen wären. Jochen konzentrierte sich erst wieder als das Stichwort gefallen war. "Doch nun zu den personellen Veränderungen, die sich daraus für unser Haus ergeben". Dr. Resch ging von einer schwingenden, euphorischen Tonlage zum einem eher sachlichen, nüchternen Redestil über. Die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer stieg abrupt. "Wir sind ein junges, dynamisches und erfolgreiches Unternehmen. Wir werden auch in Zukunft erfolgreich sein, weil wir sehr viele junge Kunden haben, die wir bereits langfristig an uns gebunden haben und natürlich auch weiterhin binden wollen. Deshalb hat sich der Vorstand gestern kurzfristig noch einmal zusammengesetzt und weitreichendere Entscheidungen getroffen, als Sie das heute vielleicht erwartet hätten. Ich werde Ihnen jetzt ein Ergebnis präsentieren, was einige von ihnen sicherlich überraschen wird."
Jochen wurde unruhig. Er liebte keine Überraschungen, auf jeden Fall nicht im beruflichen Bereich. Seinen ganzen Weg bei der CONFIDENTIA hatte er detailliert geplant, und alle seine Aktivitäten waren immer nur auf ein Ziel gerichtet. Da war kein Platz für Überraschungen. "... und gerade, weil wir junge Menschen als Kunden erreichen wollen", fuhr Resch fort, "brauchen wir Mitarbeiter, die deren Sprache sprechen, und nicht nur das, meine Damen und Herren. Sie werden mir sicher Recht geben, dass nichts aufgesetzter klingt, als ein 50jähriger, der verzweifelt versucht, im Jargon eines 18jährigen zu reden. Nein, diese Mitarbeiter müssen nicht nur die Sprache der Jugend sprechen - sie müssen jung sein".
Die letzten Worte hämmerten wie ein Pressluftbohrer in Jochens Kopf. Schweißperlen traten ihm auf die Stirne. Er spürte, wie Jutta seine Hand ergriff und sie fest drückte. Irgendwie kam es ihm vor, als ob im Augenblick über 1000 Augen auf ihn gerichtet wären. "Jung sein, jung sein", wie durch eine Röhre hallten die Worte nach. Doch Dr. Resch setzte seinen Prozess fort: " ... und das zählt auch für die leitenden Angestellten der Organisationsstruktur. Deshalb haben wir entschieden, dass zukünftig Herr Jonas Pfister die Organisationsleitung für den süddeutschen Raum übernehmen wird..."
Jochen Felder hatte das Ende des Satzes nicht abgewartet. Ruckartig riss er seine Frau vom Stuhl hoch. Zielstrebig steuerte er dem Ausgang entgegen. Jutta, die zu ihrem kurzen schwarzen Kleid extra hochhakige Schuhe angezogen hatte, konnte dem Schritt ihres Mannes nicht folgen und stolperte mehrmals. Doch Jochen ließ ihre Hand nicht los und zerrte sie einfach hinter sich her. Er spürte die Blicke seiner Kollegen nicht, ebenso wenig registrierte er, dass einige von ihnen aufgestanden waren und seinen Namen riefen. Als er die Ausgangstüre erreichte, hätte er eigentlich noch die Worte von Dr. Resch hören müssen: "Herr Felder, so warten Sie doch", aber die Wut hatte die Oberhand über seine Sinne gewonnen.
Auf der Heimfahrt sprachen Sie kein Wort miteinander. Jutta hatte zwar einen verzweifelten Versuch unternommen mit ihrem Mann zu reden, aber bereits nach dem "Du ...", schnitt er sie energisch mit den Worten "Jetzt nicht" ab. So hatte sie ihn noch nie erlebt. Egal was bisher in ihrem gemeinsamen Leben vorgefallen war, und das war sicherlich nicht nur Erfreuliches, so hatten sie doch immer miteinander darüber gesprochen. Aber alleine seine Stimmlage und die Tränen in seinen Augen ließen sie keinen weiteren Versuch unternehmen.
Jochen fuhr den Wagen nicht in die Garage. Als er gerade den Schlüssel in das Haustürschloss steckte hörte er bereits das Telefon im Wohnzimmer klingeln. "Du gehst nicht ran", zischte er seine Frau an. "Aber...", Jutta hatte keine Chance, Jochen unterband den möglichen Einwand, indem er kurzerhand das Telefonkabel in die Hand nahm und mit einem Ruck den Stecker aus der Wand riss. Er ging zur Bar, schenkte sich einen doppelten Calvados ein und stürzte ihn mit einem Zug hinunter. Dann fummelte er nervös an der Schreibtischschublade herum, bis er ein Päckchen Zigaretten zum Vorschein brachte. "Willst du auch eine", fragte er barsch. Jutta schüttelte nur den Kopf. Sie hatte das Rauchen aufgehört, als sie erfuhr, dass sie schwanger war und Jochen hatte damals auch versprochen, keine Zigarette mehr anzurühren. Doch Jutta war klar, dass dies sicher nicht der passende Zeitpunkt war, über dieses Thema zu diskutieren.
"Gerade dieser Pfister, dieser arrogante Jungschnösel", Jochen blies den Zigarettenrauch gegen die Zimmerdecke. "Den hab ich damals noch angelernt. Warum, in aller Welt, hat mir keiner was gesagt. Ich wette, die Kollegen haben das schon alle gewusst. Oh Gott, was müssen die sich hinter meinem Rücken totgelacht haben."
Und auf einmal erschien ihm sein ganzer Auftritt an diesem Abend als eine Farce. Seine Dankesrede, die er vorbereitet hatte, seine gönnerhaften Blicke, die er den Kollegen beim Einlaufen zugeworfen hatte, ja sogar das kurze Kleid von Jutta, mit dem er den Neid der anderen komplettieren wollte - all das erschien ihm jetzt wie das Verhalten eines Schuljungen, der sich nach einer Schulaufgabe mit dem Gesamtnotendurchschnitt von 3,9, gerade die einzige 1 beim Lehrer abgeholt hatte. Und plötzlich schoss ihm der nächste Morgen durch den Kopf. Nein, er konnte nicht einfach reingehen und so tun als wäre nichts gewesen. In Filmen hatte er immer gesehen, dass in solchen Situationen der Verlierer dem Gewinner sogar noch gratuliert. Aber das waren halt auch Filme. Jochens Realität sah anders aus. Er wurde gedemütigt und das vor allen seinen Kolleginnen und Kollegen. Sein Abgang, das wurde ihm zwischenzeitlich auch klar, war weder professionell, noch rühmlich, so dass er noch nicht einmal den fairen Verlierer spielen konnte. Und dann die geheuchelten Bemerkungen seiner Mitarbeiter - es würde ein reines Spießrutenlaufen werden.
Nein, für Jochen stand fest: Er konnte da nicht mehr hin!
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Nadine horchte auf, als sie das Knirschen von Autoreifen auf dem Kies ihres Vorplatzes hörte. Sie war gerade dabei, die Fenster in den Gästezimmern zu öffnen, denn die Sonne hatte an diesem Novembermorgen gerade den Kampf über ein paar dichte Nebelschwaden, die sich im Tal der Sorgue eingenistet hatten, gewonnen, und es versprach ein herrlicher Tag zu werden. Sicherlich, die Temperaturen erreichten in dieser Jahreszeit keine hochsommerlichen Werte mehr und gerade die Nächte konnten in der Provence empfindlich kalt werden, aber dieses düstere, nasskalte Wetter, von dem ihr ihre Gäste aus nördlicheren Gefilden immer erzählten, war hier doch eher selten. Sie und Claude hatten sich oft darüber amüsiert, dass viele Gäste mit der Vorstellung anreisten, man würde auch in den Wintermonaten tagsüber am Swimmingpool liegen und abends, in leichter Bekleidung, stundenlang noch in den Gärten der Restaurants sitzen - schließlich wäre man ja in der Provence. Diesen Gästen hätte sie gerne einmal die dicken Pullover, die Schals und die gefütterten Schuhe gezeigt, ohne die man auch hier nicht durch den Winter kam, und wenn in der Nacht der eiskalte Wind ums Haus pfeift und am nächsten Morgen eine leichte Schneeschicht die Landschaft überzuckert, hätten sie spätestens ihre idyllische Bilderbuchvorstellung von diesem Landstrich einschränken müssen.
"Monsieur Felder, qu' est-ce- que vous faites ici?" Nadine hatte ihre Stammgäste bereits am Auto erkannt und mit einem freudigen "Je viens", stürmte sie die Treppe hinunter. Felders kamen schon jahrelang in das "Petite Maison", nie für lange, aber dafür oft mehrmals im Jahr. Nadine konnte sich noch gut daran erinnern, als die kleine Marion sich damals an der Sorgue-Quelle an einem großen Felsen hochzog, sich aufrecht hinstellte und die ersten Schritte ihres Lebens machte. Papa Felder hatte damals zwei Flaschen Champagner spendiert, die jedoch nicht ausreichten, um dieses wichtige Ereignis mit Claude und ihr auf der Terrasse gebührend zu feiern. "Wir werden nie vergessen, dass unsere Tochter die ersten Schritte ihres Lebens hier bei Euch in der Provence gemacht hat", war damals sein Trinkspruch. Nadine liebte Marion über alles. Vielleicht lag es auch daran, dass sie nie eigene Kinder bekommen hatte, Marion konnte von Nadine einfach alles haben. Und über die Jahre hinweg beobachtete Nadine aufmerksam, wie sich aus dem kleinen Mädchen eine attraktive junge Frau entwickelte. Bei Claudes Beerdigung war sie das letzte Mal dabei. Danach wollte sie nicht mehr mit ihren Eltern in den Urlaub fahren, sondern zog es vor zu Hause zu bleiben.
Jochen war total übermüdet. Als er Nadine umarmte sackten ihm fast die Beine weg. Jutta hatte nicht gewagt ihm zu widersprechen, als er 13 Stunden vorher unmissverständlich zu verstehen gab: "Pack ein paar Sachen zusammen, ich muss hier weg." Sie warf schnell das Nötigste in zwei Sporttaschen, brachte sie ins Auto und, ohne zu wissen wo es hingehen sollte, setzte sie sich auf den Beifahrersitz. Jutta sagte nichts, sie wusste nur, dass sie ihren Mann jetzt nicht alleine lassen durfte. Marion war versorgt, sie befand sich seit 2 Monaten auf einem einjährigen Schüleraustausch in England und während des bevorstehenden Wochenendes würde sich die Situation schon wieder beruhigen. Als Jochen bei Iffezheim auf die elsässische Rheinseite fuhr, ahnte Jutta auch, wo es hingehen sollte. Wie oft waren sie, wenn ihnen daheim die Decke auf den Kopf fiel, nach Fontaine de Vaucluse geflüchtet, wie oft hatte Jochen gesagt, dass ihn ein Tag in der Provence für zwei Tage Fahrt genügend entschädigen würde. Und wie oft mussten sie sich von Freunden und Bekannten anhören, dass sie doch verrückt seien, für ein paar Tage eine Anfahrt von über 1000 Kilometer in Kauf zu nehmen.
Aber es war fast wie immer: Als die Landschaft nach der Durchfahrt durch Lyon immer mehr mediterrane Züge annahm und Jochen in der Morgendämmerung das Schild "Vous êtes sur l'Autoroute du Soleil" passierte, hellten sich auch seine Gesichtszüge langsam wieder auf. "Was meinst du, ob Nadine noch den alten Citroen-Maserati hat?" Jutta weinte fast vor Glück. Es waren die ersten normalen Worte die sie seit ihrer Flucht aus dem Casino von ihrem Mann wieder gehört hatte. Sie trocknete sich die Tränen, die an ihren Wangen herunterliefen. "Na klar, den würde sie doch nie hergeben, schon wegen Claude nicht." Jochen lächelte, sah sie an und strich ihr mit dem Handrücken über die durch Schminke und Tränen verklebte Wange. "Hast du gesehen, wie meine lieben Kollegen dein Kleid angestarrt haben, die haben nachher bestimmt mächtig Ärger mit ihren Frauen bekommen." Jutta sah an sich herunter, denn sie trug das Kleid noch immer. "Ich glaube, die haben weniger auf das Kleid geschaut, als mehr auf das, was darunter zum Vorschein kommt." Jochen warf einen kurzen Blick auf die makellosen Beine seiner Frau, lachte und lehnte sich in den Fahrersitz zurück. So liebte er seine Jutta. Er wusste, wenn die Welt zusammenbrechen würde, und er wäre genau im Zentrum würde diese Frau neben ihm stehen und noch eine passende Bemerkung machen. Er beugte sich zu ihr hinüber, gab ihr einen Kuss und sagte: "Du, tut mir leid, aber wir kriegen das schon wieder hin." "Aber sicher", erwiderte Jutta, "das wäre ja das Erste, was wir nicht hinbekommen würden." Und mit jedem weiteren Kilometer den sie zurücklegten, entfernten sich auch die Geschehnisse vom Vorabend.
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"Das ist aber nicht euere Zeit", rief Nadine verwundert, aber ihre Stimme konnte nicht verbergen, wie sehr sie sich über den unerwarteten Besuch freute. "Bonjour Jutta", die beiden Frauen umarmten sich herzlich und küssten sich abwechselnd auf beide Wangen. "Habt ihr schon gefrühstückt - ihr seht so aus als könntet ihr einen Kaffee vertragen", sagte Nadine. Jochen und Jutta sahen sich gegenseitig an und mussten feststellen, dass Nadine Recht hatte, sie waren wirklich in einem erbärmlichen Zustand. Jochen hatte zwar das Jackett ausgezogen, seine Krawatte hing aber immer noch auf Halbmast über dem zerknitterten Hemd, den Gürtel seiner Hose hatte er gelockert und den obersten Hosenknopf geöffnet. Jutta hatte sich auf der Fahrt ihrer zweifelsohne attraktiven, aber auch sehr unbequemen, Schuhe entledigt, und eine große Laufmasche begann am großen Zeh, mündete in einem ovalen Loch über der Kniescheibe und zog sich dann weiter nach oben, bis sie unter dem Kleid verschwand. Auch ihre Kniescheibe selbst hatte den gestrigen Sturz im Casino nicht ganz unbeschadet überlebt; sie war gerötet und an einer Stelle blutverkrustet.
"Hattet ihr einen Unfall?", fragte Nadine aufgeregt, als ihr beim näheren Hinsehen der desolate optische Zustand ihrer Gäste erst richtig bewusst wurde. "Nein, nein", beruhigte sie Jochen und legte freundschaftlich den Arm um ihre Schulter. "Es ist alles in Ordnung, mach dir keine Sorgen. Wir werden dir später alles erklären, aber jetzt lass uns erst mal reingehen. Du hast doch noch ein Zimmer für uns frei, oder"? "Eins..., alle - ihr könnt euch eins aussuchen, es ist niemand mehr da. Geht nur erst einmal hoch und macht euch frisch, ich mache uns in der Zwischenzeit Frühstück".
Als Jochen und Jutta nach zwanzig Minuten den kleinen Frühstücksraum betraten, duftete es schon nach Kaffee und frischen Croissants. Nadine war noch schnell zur boulangerie gefahren, und irgendwie hatte sie es heute auf dem Rückweg wieder geschafft, den Berg fast bis ganz oben durchzutreten. Auf dem Tisch standen bereits ein Schälchen mit Ziegenfrischkäse und eins mit Aprikosenmarmelade, den Nadine kannte die Vorlieben der Felders: frisches baquette, einen Hauch gesalzene Butter, eine Schicht Ziegenfrischkäse und dann dick Aprikosenmarmelade.
Jochen und Jutta hatten diese Kombination zu Hause auch oft probiert und extra die Marmelade von der Provence mitgenommen, aber es hatte nie annähernd so gut geschmeckt. Erstens ist deutsches Stangenweißbrot oder Franzosenbrot, wie es oft genannt wird, halt doch kein französisches baguette und zweitens ändern sich im Urlaub anscheinend nicht nur die Umgebung, das Klima und die Menschen, sondern auch die menschlichen Empfindungen, der Geschmack ebenso wie der Geruchssinn. Oft schon hatte Jochen auf der Fahrt in den Süden das Schiebedach geöffnet und die Luft tief eingeatmet. "Du" , fing er dann nicht selten das Philosophieren an, "weißt du eigentlich dass man Leben riechen kann." Jochen hatte das schon häufig so empfunden, wenn er nach einem hektischen Tag abends durch das kleine Waldstück nach Hause fuhr, es hatte gerade frisch geregnet und es duftete nach Holz, nach dem kleinen Bach, der das Tal durchfloss, nach dem Grün der Wiese. Es duftete aber auch nach Ruhe, Frieden und Geborgenheit - eben nach Leben. Und gerade in den letzten Monaten hatte sich Jochen öfters dabei ertappt, dass ihm diese Empfindungen zuflüsterten: "Es gibt noch etwas anderes im Leben, nicht nur Hausrat-, Haftpflicht-, Unfall- und wie die anderen Versicherungen auch alle heißen mochten." Am nächsten Tag, vor dem Berg von Anfragen, Schadensmeldungen und Verträgen auf seinem Schreibtisch, waren diese Stimmen natürlich immer schnell wieder verstummt.
"Ach, dass du daran gedacht hast", Jutta war begeistert und brach sich gleich ein großes Stück Baguette ab. Sie hatte kurz geduscht und fühlte sich jetzt in ihrem Jogginganzug wieder einigermaßen wie ein Mensch. Jochen schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, atmete einmal tief durch und ließ den Blick über das Tal der Sorgue gleiten. Es faszinierte ihn immer wieder, dass dieser kleine dunkelgrüne Fluss nur ca. 500 Meter von der Pension entfernt, direkt aus einer unterirdischen Quelle gespeist wurde und innerhalb weniger Meter doch schon solche Wassermassen führte. Er hatte gelesen, dass man immer noch nicht bis zum Grund dieser Quelle vorgedrungen sei, auch Jacques Cousteau, der berühmte französische Meeresforscher, hätte vorher aufgeben müssen.
"Und, was treibt euch zu dieser Jahreszeit hierher?", fragte Nadine, die sich zwischenzeitlich zu den beiden an den Tisch gesetzt hatte. "Später, Nadine, später", erklärte Jochen mit vollem Mund. "Wir werden dir alles erklären, aber jetzt müssen wir erst einmal eine Runde schlafen - wichtig ist nur: wir sind hier!"
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Die beiden erwachten erst wieder kurz vor 19 Uhr. Nadine hatte bereits den Tisch für drei Personen gedeckt und eine Flasche Cote du Rhone zum Lüften ans Fenster gestellt. "Setzt euch", rief sie aus der Küche. "ihr habt bestimmt mächtig Hunger." Und dann trug sie auf: als Vorspeise gab es crudités mit Olivenbrot, das Hauptgericht, rosige Scheiben vom Lamm mit ganzen Knoblauchzehen und grünen Bohnen, servierte Nadine mit einer galette aus Kartoffeln und Zwiebeln und als Nachspeise gab es in Weinblätter gehüllten Ziegenkäse in Kräutern und Olivenöl. Den Abschluss bildete ein Gläschen Marc aus der Coopérative in Malaucene. Es war köstlich. Nirgendwo, so wussten beide zu schätzen, konnte man in so entspannter Atmosphäre so gut essen, wie in der Provence. Nicht im Traum hätten sie es sich einfallen lassen, während dieses kulinarischen Hochgenusses ein Wort über den vergangenen Abend zu verlieren. Nun aber, als Nadine noch eine Flasche Chateauneuf-du-Pape öffnete und sie den schweren, dunklen Wein in die Gläser füllte, fanden sie es an der Zeit, ihr die Ganze Geschichte zu erzählen. Jochen holte weit aus und fing damit an, wie er sich jahrelang für die Firma aufgeopfert hätte. Auch die kurzen Stippvisiten in Fontaine de Vaucluse wären Zeichen dafür, dass er sich nie allzu lang von der Arbeit entfernen wollte. Nadine erfuhr alles, auch Sachen, die sie bisher noch nicht wusste - Jochen hatte es jahrelang vermieden, hier im Urlaub von der Arbeit zu sprechen. Aber jetzt musste alles raus! Nadine war eine gute Zuhörerin. Sie kommentierte Jochens Schilderungen des Vorabends nur ab und zu mit einem entrüsteten Mon dieu oder Cést pas vrai. Als Jochen nach einer guten halben Stunde seine Ausführungen mit den Worten: "und so sind wir jetzt hier", schloss, herrschte minutenlanges Schweigen. Nadine unterbrach die Stille mit einer Frage: "Was wollt ihr jetzt machen, wie soll es denn weitergehen?" Erst jetzt wurde Jochen bewusst, dass er sich darüber noch gar keine richtigen Gedanken gemacht hatte. Heute war Samstag, sein Handy hatte er bereits noch zu Hause ausgeschaltet, so dass ihm diese Frage von offizieller Seite niemand stellen konnte, aber spätestens morgen musste er eine Entscheidung treffen. "Ich weiß es noch nicht, Nadine, aber morgen ist ja auch noch ein Tag", gähnte er. Sie saßen noch eine Weile, leerten die Flasche Roten und sprachen über belanglosere Dinge. Als Jochen einige Zeit später im Bett lag, konnte er lange noch nicht einschlafen und er überlegte sich, dass er erstmals ein Fax an seine Firma senden würde, in dem er seinen Resturlaub von immerhin noch vier Wochen einfordern würde. Dies würde ihm genügend Zeit geben, in Ruhe über die Angelegenheit nachzudenken.
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Am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, machten die zwei erst einmal einen ausgedehnten Spaziergang durch das Dorf. Sonntags war in Fontaine immer die Hölle los und auch jetzt quälten sich schon die ersten Reisebusse durch den kleinen Kreisverkehr in der Mitte des Ortes, um sich danach, streng nach Anweisung der Parkplatzanweiser, auf die verschiedenen Parkplätze zu verteilen. Jochen und Jutta wunderten sich schon, dass der Besucherstrom auch im November scheinbar nicht abriss, aber Fontaine de Vaucluse eignete sich halt besonders, um gut zu Mittag zu essen und danach einen kleinen Verdauungsspaziergang zur Quelle der Sorgue zu unternehmen. Dabei musste sich niemand übermäßig anstrengen, aber man hatte dennoch das Gefühl, sich nach einem üppigen Mahl auch noch ausreichend bewegt zu haben. Sie schlenderten durch die alte Papiermühle, in der noch wie vor etlichen Jahren Papier von Hand geschöpft wurde und statteten den zahlreichen Souvenirläden einen Besuch ab, in denen sie immer wieder die verschiedenartigen Teller, Schüsseln und Bestecke aus Olivenholz begeisterten. Weiter flussabwärts, auf dem großen Parkplatz am Ortsausgang, standen vereinzelt noch ein paar Wohnmobile, die wohl mit Genehmigung der Polizei dort nächtigten, denn die Gendarmerie fuhr gerade über den Parkplatz, grüßte die Wohnmobilisten und wünschte einen angenehmen Aufenthalt. Eine junge Frau hängte zwei nasse Handtücher auf eine Wäscheleine, die sie zwischen ihrem Fahrzeug und einem Hinweisschild gespannt hatte. Auf dem Schild stand in großen Lettern: Camping interdit.
Weiter unten, am Ufer der Sorgue, hatten ein paar deutsche Kinder ein Floß aus mehreren 1,5-Liter-Plastikflaschen gebaut und es gerade zu Wasser gelassen während einer von ihnen, einige Meter weiter flussabwärts, die undankbare Aufgabe hatte, bis zur Badehose ins Wasser zu steigen und es wieder herauszufischen. Jutta fror schon alleine beim Zuschauen. Die Sorgue war hier, nicht weit von der Quelle entfernt, nie auch nur annähernd warm; weder im Hochsommer, geschweige denn Anfang November.
Langsam und eng umschlungen, wie ein junges Liebespaar, trotteten die beiden den Anstieg zur Pension hoch. Als sie um die Ecke auf den Vorplatz bogen, sah Jochen das Schild als erster. Er erschrak ein bisschen: "Du, schau mal, Nadine will verkaufen".
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"Was soll ich denn anderes machen?", Nadine entschuldigte sich fast, als die beiden sie zur Rede stellten. "Ich werde auch nicht mehr jünger - in der Saison ist mir die Arbeit fast zu viel und über die Wintermonate sitze ich alleine hier herum und vereinsame. Ja, als Claude noch gelebt hat..." Sie griff zu einem Taschentuch und weinte leise hinein.
"Hast du denn schon Interessenten", fragte Jochen. "Nein", schluchzte Nadine, "das Schild hängt erst seit ein paar Tagen, ich will Anfang der Woche nach L'Isle sur la Sorgue zu einem Makler, der das ‚Petite Maison' anbieten soll. Jetzt, über den Winter, wird das gar nicht so einfach sein." "Und was wird aus dir?", bohrte Jochen weiter. "Ich weiß noch nicht, wahrscheinlich gehe ich in ein Altersheim. Dort bin ich wenigstens nicht so alleine." Die drei schwiegen eine Weile. Jochen und Jutta konnten sich nicht vorstellen, hierher zu kommen und jemand anderes würde das Haus betreiben. Was hatten sie nicht alles schon hier erlebt. Und Nadine in einem Altersheim? Unvorstellbar! Die Barangers hatten nur für ihre Pension gelebt. Sie hatten sie als halb verfallenes Haus gekauft und nach und nach zu einer typisch provenzalischen Pension ausgebaut. Jeden Franc, den sie eingenommen hatten, haben sie wieder investiert, um es noch angenehmer für ihre Gäste zu machen. Claude hatte sogar kurz vor seinem Tod noch Pläne eine kleines piscine auf die große Wiese vor dem Haus zu bauen, aber leider kam er nicht mehr dazu, sie zu verwirklichen.
Jochen sah Nadine an und schlagartig wurde ihm bewusst, dass er nicht der einzige war, der vor den Trümmern seines Lebenswerkes stand. Bei Nadine wie bei ihm hatte das Schicksal, zwar aus völlig unterschiedlichen Richtungen, aber genauso nachhaltig alles zerstört, für das sie jahrelang gearbeitet hatten, ja nicht nur das, sie hatten Teile ihres Lebens dafür gegeben. Der Anblick der alten Frau rührte ihn zutiefst. In diesem Augenblick hätte er sich dafür ohrfeigen können, dass er sie am Vorabend stundenlang mit seinen Problemen überhäuft hatte. Wie geduldig hatte sie zugehört und kein Wort über ihre eigene Situation verloren.
"Und wo sollen wir dann hin?" Jochen hatte seinen Arm um Nadine gelegt und versuchte locker zu wirken. "Du glaubst doch nicht im Ernst, dass wir hierher kommen und dich im Altersheim besuchen. Da musst du dir schon etwas anderes einfallen lassen." Nadine lächelte, blieb aber eine Antwort schuldig.
Sie saßen noch bis tief in den Abend, eine rechte Unterhaltung wollte aber nicht mehr aufkommen. Gegen 23 Uhr verabschiedete sich Nadine und ging zu Bett. Es dauerte noch ein paar Minuten, bis Jochen das Schweigen brach: "Und was wäre, wenn wir...?" Weiter kam er nicht. "Ich glaube du spinnst", zischte Jutta dazwischen, obgleich sie zugeben musste, dass ihr dieser Gedanke auch gleich durch den Kopf geschossen war.
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Nadine kam gegen 6 Uhr die Treppe herunter und wollte wie üblich zum Bäcker fahren, als sie die beiden sitzen sah. "Sitzt ihr noch von gestern da, oder seid ihr aus dem Bett gefallen?", scherzte sie. "Wie viel willst du denn für das Haus haben?" Jochen antwortete mit einer Gegenfrage. Nadine setzte sich kurz und wurde ernst: "Wie meinst du das - wollt ihr damit sagen, dass ihr die Pension eventuell kaufen wollt?", fragte sie ungläubig. "Nadine, pass auf, wir haben die ganze Nacht diskutiert und uns etwas überlegt. Aber hol erst einmal etwas zum Frühstück, wir werden dir alles bei einer Tasse Kaffee erklären." Jochen machte es spannend. Und er hatte seine Wirkung erreicht. So schnell war Nadine noch nie von der boulangerie zurück, sogar der übliche Plausch mit madame musste ausfallen.
"Nadine", Jochen verlieh seiner Stimme einen hochoffiziellen Eindruck, "wir kennen uns nun schon seit vielen Jahren. Bei euch hat unsere Tochter ihre ersten Schritte gemacht; wir haben wichtige Abschnitte in euerem Leben miterlebt. Nun wird unser Leben erneut in eine neue Phase treten, nur diese Phase werden wir nicht passiv erleiden, sondern aktiv in eine für uns günstige Richtung lenken." Jochen fühlte, wie er sich durch seine eigenen Worte motivierte. "Liebe Nadine, dies ist nicht das Ende, sondern ein völlig neuer Anfang. Und zwar für uns alle drei. Wir würden das ‚Petite Maison' gerne kaufen. Aber nur unter einer Bedingung: du vergisst das mit dem Altersheim und bleibst bei uns. Wir werden die zwei Zimmer unter dem Dach für dich umbauen, und du hättest Wohnrecht auf Lebenszeit. Wir bräuchten dich doch auch, schließlich kommen doch viele Gäste nicht nur wegen des Hauses, sondern wegen dir hierher. Und im Übrigen ist unser Französisch noch nicht so perfekt, dass wir auf eine gute Dolmetscherin verzichten könnten. Du brauchst dich nicht gleich zu entscheiden, aber du solltest dir die Sache schon überlegen - irgendwie wäre uns allen damit geholfen." Nadine konnte nicht antworten. Mit tränenunterdrückter Stimme stammelte sie eine Entschuldigung und rannte hinaus. Jochen sah Jutta an und zuckte mit den Schultern. Sie sahen wie Nadine zur Garage rannte, die Beifahrertüre des Citroen-Maseratis öffnete und sich in den Sitz fallen ließ.
"Na, Claude, was hältst du davon", unterhielt sie sich laut. "Stell dir vor, ich könnte bis zu meinem Lebensende hier in unserem Haus bleiben und müsste nicht zu den alten Leuten ins Heim. Und unser maison würde auch nicht ganz in fremde Hände fallen. Also, wenn du ja sagst, für mich wäre das die schönste Lösung." Jochen und Jutta hatten Nadine die ganze Zeit durch das Fenster beobachtet. Sie gestikulierte, redete und argumentierte, riss dann plötzlich die Wagentür auf und kam im Laufschritt auf das Haus zugerannt. "Wir sind einverstanden", rief sie schon auf dem Flur, bevor sie überhaupt das Zimmer betreten hatte. Glücklich fielen sich die drei in die Arme und es war niemandem aufgefallen, dass sie nicht ansatzweise über einen Kaufpreis geredet hatten. Der war in diesem Augenblick aber auch nebensächlich.
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Es gab viel zu tun in der nächsten Zeit. Obwohl die drei erkannt hatten, dass nicht alles was einen Wert hat auch einen Preis hat, mussten sie doch über finanzielle Dinge reden. Jochen wollte das Haus in Deutschland nicht verkaufen -möglicherweise würde Marion es einmal beziehen - und obwohl er nie schlecht verdient hatte, so konnte er das "Petite Maison" doch nicht aus der Portokasse bezahlen. Aber das Glück von Nadine spiegelte sich auch in dem Kaufpreis wider: ein Spottpreis, freie Kost und Logis, ein angemessenes Taschengeld und den "Familienanschluss" bis zu ihrem Lebensende, schienen ihr angemessen. Und obwohl Jochen und Jutta heftig protestierten, ließ sie sich nicht davon abbringen. "Ich habe doch sowieso niemanden, dem ich das Haus hinterlassen könnte. Und wärt ihr nicht gekommen, hätte ich nach und nach den ganzen Erlös ins Altersheim getragen."
Felders willigten nach heftigen Protesten überglücklich ein, bestanden aber darauf, dass all diese Vereinbarungen zur Sicherheit von Nadine bei einem Notar festgeschrieben werden sollten. Es begann eine wochenlange Odyssee durch die französische Bürokratie. Jochen, der bereits bei der Verlängerung seines Personalausweises, regelmäßig aus der Haut fuhr und die umständlichen Wege deutscher Ämter beklagte, musste erfahren, dass die Wege in Frankreich ähnlich lang waren, die Bearbeitungszeiten aber noch länger.
Bei allem, wo seine Anwesenheit nicht erforderlich war, schickte er die beiden Damen los und redete sich heraus, er wolle sich um die Umbaumaßnahmen am und im Haus kümmern. Auch Claudes Pläne eines Swimmingpools griff er wieder auf. Er plante, zeichnete, rechnete und jeden Abend war der Papierkorb voll mit verworfenen Vorstellungen oder Träumen. Auch neue Prospekte mussten gedruckt werden, um sie rechtzeitig vor der nächsten Saison verschicken zu können.
Es war wie früher: Jochen arbeitete Tag und Nacht - und doch war es anders. Er merkte den Unterschied, nur dafür zu arbeiteten, sein Konto anwachsen zu lassen oder aber seinen Traum zu verwirklichen. Er hatte früher auch schon immer geglaubt, dass ihm seine Arbeit Spaß mache, aber waren es nicht vielmehr andere Faktoren, die da eine Rolle spielten: die Anerkennung durch den Vorgesetzten und die Kollegen, das freundliche "Grüß Gott, Herr Felder", seiner Sekretärin jeden Morgen, oder aber das Überlegenheitsgefühl beim Vergleich der Monatsberichte aus den verschiedenen Regionen. Jetzt erschienen ihm diese Faktoren lächerlich. Und seit jenen Abend im Casino war sein Glaube an diese Welt sowieso schwer erschüttert worden.
An einem Morgen Anfang Dezember war es dann soweit. Nadine und Jutta kamen am späten Nachmittag die Auffahrt hochgefahren und beim Aussteigen riefen sie schon laut: "Jetzt haben wir alles, die Formalitäten sind alle erledigt." Jutta lief auf Jochen zu, umarmte ihn heftig und sagte keck: "Na, du Hotelbesitzer..." "Na, du Hotelbesitzerin", lachte Jochen zurück und verkündete, dass dies heute Abend gebührend gefeiert werden müsse. Den Gedanken, in ein Restaurant zu gehen, verwarfen die drei sehr schnell wieder, schließlich wolle man nicht nur die Übergabe des Hauses feiern, sondern auch in dem Haus feiern. Ebenfalls verschoben sie den Festakt noch um einen Abend, denn am nächsten Tag war Markt in Apt, und Jochen versprach, dort sämtliche kulinarischen Köstlichkeiten, die die Provence zu bieten hatte, zu besorgen. "Ich werde den Citroen-Maserati nehmen, wenn du nichts dagegen hast", rief er Nadine zu. "Nein, überhaupt nicht", freute sie sich, denn sie wusste, dass es im Sinne von Claude war, den alten Exoten wieder einmal zu bewegen.
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Der Markt von Apt war einer der größten in der Provence. Man musste schon sehr früh da sein, um nicht von den Menschenmassen regelrecht durch das Gedränge von Einheimischen und Touristen geschoben zu werden. Jochen hatte sich zwar eine Liste gemacht, was er alles einkaufen wollte, aber er ließ sich viel lieber von dem üppigen Angebot inspirieren. Nirgendwo, so war er überzeugt, wurde Ware schöner präsentiert, als auf einem provenzalischen Markt. Alleine das Angebot an verschiedenen Oliven, die in ihren Holzfässern nur darauf warteten begutachtet, geprüft und gekostet zu werden. Kein Franzose würde hier Oliven kaufen, ohne nicht mindestens eine oder zwei langsam zerkaut zu haben und entweder anerkennend dem Verkäufer zuzunicken oder ihm einen verachtenden Blick zuzuwerfen, als hätte dieser gerade versucht, ihm Essig als guten Wein zu verkaufen. Jochen entschied sich für eine große Tüte olives verts à l'ail und verglich gedanklich den Geschmack mit den Oliven in den Gläsern, die sie in Deutschland immer gekauft hatten. Er ließ sich noch drei unterschiedliche Sorten tapenade in Schälchen füllen, eine Olivenpaste, die frisch nur hier zu bekommen war, und die man am besten mit frischem baguette auftunkte.
"Felder, Mensch Felder", Jochen wurde jäh aus seinen kulinarischen Träumen gerissen. Sofort hatte er die Stimme von Dr. Resch erkannt. "Sie leben ja noch", Dr. Resch schlug ihm kräftig auf die Schulter. "Mensch, Felder, was war denn los mit Ihnen, Sie sind ja komplett in der Versenkung verschwunden." Jochen fasste sich langsam wieder: "Kein Wunder, Dr. Resch, nach dem was Sie da vom Stapel gelassen haben..." Jochen konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. "Ach, hören Sie doch auf..., wären Sie mal bis zum Ende geblieben. Vergessen Sie doch das mit dem Pfister, das ist ein junger Kerl, der macht schon seinen Weg. Aber das was ich damals gesagt habe, mit dem Jungsein, das habe ich doch auf uns alle gemünzt. Ich bin an diesem Abend offiziell von meinem Posten als Vorstandsvorsitzender zurückgetreten - auch ich bin nicht mehr der Jüngste. Und was glauben Sie, wen ich als Nachrücker vorschlagen wollte." Jochen lief es heiß und kalt den Rücken herunter. "Sie, Felder, Sie", Dr. Resch schrie fast, "aber Sie haben es ja vorgezogen abzuhauen - noch nicht einmal ans Telefon sind Sie gegangen." Jochen schwieg. Der ganze Abend spulte sich noch einmal wie ein schlechter Film vor seinen Augen ab. Wie anders wären die letzten Wochen für ihn, für seine Familie verlaufen, wäre er nicht davon ausgegangen, dass man ihn ausbooten wollte. "Und jetzt treffe ich Sie hier in Südfrankreich." Dr. Reschs Stimme wurde versöhnlich. "Aber, mein lieber Felder, es ist noch nichts verloren, ich bin bis Ende März im Amt, Sie haben ja offiziell Urlaub, und der Posten ist noch nicht besetzt. Melden Sie sich einfach wenn Sie wieder zu Hause sind bei mir, und dann sprechen wir noch einmal in Ruhe über alles." Jochen nickte, bedankte sich kurz und verschwand in der Menge.
Der Citroen-Maserati brummelte langsam das Tal von Apt zurück in Richtung Fontaine de Vaucluse. Jochen nahm die Abkürzung über Gordes. Erst kurz vor dem Ort, wo man links nach Fontaine abzweigen musste, kam er wieder zur Besinnung. Er öffnete das Fenster und lies frische Luft ins Wageninnere. Gleichmäßig atmete er die verschiedenartigen Düfte der Provence ein. Ein Gefühl tiefer innerer Ruhe überkam ihn. Mit jedem Atemzug verstärkte sich dieses Gefühl und Jochen spürte, dass es das Leben war, was er da roch.
Nein, er würde Jutta gar nichts von dem Gespräch mit Dr. Resch erzählen.



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Eingereicht am 21. Januar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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