www.online-roman.de       www.ronald-henss-verlag.de
Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Geschichte eines Schachspiels

Von Jannis Kounatidis


Die Partie beginnt und mit siegessicherer Freude im Gesicht stehen sich die beiden Gegner gegenüber, in der Mitte trennt sie das schwarzweiße Karobrett, mit schwarzen und weißen Figürchen, die brennend darauf warten, losmarschieren zu können, bis sich dem blutrünstigen Spieler ein Arm hebt und er den Bauern zwei Felder nach vorne setzt. Nun hat das Spiel begonnen: mit einem Zug wird der Kampf zwischen Schwarz und Weiß entfacht.
Ein schwarzer Reiter springt mit seinem Hengst durch das Feld, gefolgt von einem weißen Schimmel, der ihm entgegenzukommen versucht. Dem Spieler der weißen Figuren zuckt ein höhnisches Lächeln durchs Gesicht und triumphierend hetzt sein Läufer los. Ein schwarzer Bauer ist gefallen: gefallen für seinen Spieler, seinen Herrscher. Nur noch ein blutroter Fleck auf dem schwarzweißen Brett erinnert daran, dass es ihn jemals gegeben hat. Wie ein Kind freut sich der weiße Spieler. Der Schweiß seines Gegners hingegen tropft auf das Brett und mit geladener Spannung erwartet er seinen nächsten Zug, der über das Ende entscheiden könnte. Die Bauern rücken einander näher, die Türme wandern, die Pferde springen und plötzlich, wie aus dem Nichts, fetzt der Läufer den nächsten Bauern aus dem Feld, so dass die Freude des einen auf die Wut des anderen trifft und sich wie ein Hagelgewitter über dem Brett entlädt.
Da erhebt sich die mächtige, schwarze Königin und killt den kleinen schwachen Läufer, und was einst Freude war, wird nun Rachsucht, Zorn und Hass. Der Spieler denkt angespannt und nervös. Er weiß nicht was zu machen ist und schickt schließlich seinen Bauern nach vorn. Das Spiel geht weiter. Die Königin, von Blutdurst erfüllt, ist nun erwacht und jagt mit jedem Zentimeter, dem sie sich dem kalkweißen Turm nähert, mehr Schweißtröpfchen, winzig kleine Kristalle, in das Gesicht des Gegners, bis sie schließlich mit lautem Donner - eine Explosion - den Turm in tausend Einzelteile zersprengt. Da springt der weiße Reiter, von Hass getrieben, auf sein Ross, schwenkt seinen Degen und nach einem pfeifenden Geheul, gefolgt von einem sekundenkurzen Peitschen, fällt der Kopf der Königin aufs Feld, rollt langsam dem Brettrand entgegen, bis er schließlich auf den Boden knallt. Dem leblosen Körper, der noch angewurzelt an seinem Fleck steht, erhebt sich eine Blutfontäne, die rundherum die Fläche mitsamt ihren Figuren in ein dunkles Rot färbt, bis der Reiter mit einem hasserfüllten Tritt ihren Körper ebenfalls vom Brett hinunterschießt.
Die Spieler schauen sich in die Augen. Blitze zucken zwischen ihnen und es ist, als wenn der eine dem anderen jeden Moment die Kehle zerfleischen wolle, um ihn von seinem Schachbrett zu beseitigen und der Partie ein Ende zu setzen. Doch keiner der beiden darf sich in Gefahr begeben, nur die Figürchen, die nichts weiter als ein lebloses Stück Holz sind, blutendes Holz, das für sein Vaterland stirbt.
Die Überlebenden auf dem Feld, die Nase voll von der Partie, schlagen sich durch und bewegen sich nach dem Willen ihres Spielers. Zwischendurch knallt es, zwischendurch schreit es, zwischendurch spritzt Blut auf das Karobrett, bis sich am Ende nur noch ein schwarzer König und ein weißer König unmittelbar gegenüberstehen, ihre Schwerter ziehen und schließlich blutüberströmt zu den Leichen ihrer umgekommenen Untertanen fallen, um mit ihnen elendst zu verbluten.



Wenn Sie einen Kommentar abgeben möchten, benutzen Sie bitte unser Diskussionsforum. Unser Autor ist sicherlich genau so gespannt auf Ihre Meinung wie wir und all die anderen Leser.



»»» Kurzgeschichten Alltag «««

»»» Kurzgeschichten: Überblick, Gesamtverzeichnis «««

»»» HOME PAGE «««



Eingereicht am 21. Januar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.