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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Familien-Treffen

Eine Kurzgeschichte von Markus Hettich


Die Vorgeschichte ähnelt sehr, denn auch hier gab es wieder längeren Kontakt via SMS und einige Telefonate.
Trotz meiner bisher eher schlechten (oder soll ich lieber sagen wahnwitzigen) Erfahrungen, nahm ich mir eines Tages noch mal meinen Mut zusammen und bin Richtung Ulm gefahren, um die "nette Stimme" zu treffen. Der Ehrlichkeit halber muss ich aber gestehen, dass ich dieses mal nicht allzu viel Hoffnung hatte, dass mehr daraus wird und deshalb war ich nicht ganz so nervös. Kurz vor Ankunft hatte ich noch locker gemeint, dass ich einen Begrüßungs-Kuss erwarte, tja und dann traf ich ein.
Sie wartete unter einer Laterne, nahe der Wohnung. Als ich Ihre Silhouette so betrachtete, war ich anhand des schon aus der Entfernung deutlich erkennbaren Umfangs etwas irritiert und unsicher. Aber dafür bekam ich ohne Vorwarnung meinen Begrüßungs-Kuss draufgedrückt und sie nahm mich mit in die Wohnung.
Auf dem Hinweg erklärte sie mir, dass wir noch kurz bei den Eltern reinschauen sollten, da sie mich gern vorstellen will...
Gesagt getan! Angekommen zog ich meine Schuhe aus (Nein! Ein Loch im Socken - wie peinlich) und dann mit hochrotem Kopf ins Wohnzimmer. Da saß dann die ganze Familie beim Fußball... Aus dem kurzen "Hallo" und dann in Ihr Zimmer wurde erst mal nichts und so saßen wir kurz darauf auf der Couch. Erst ich, dann sie, dann der Bruder und gegenüber Mutter und der Stiefvater (wie ich solche Familien-Treffen liebe. Besonders, wenn ich gar nicht dazugehöre!). Der Vater bot mir gleich ein Bier an, was ich aber verneinte und mir lieber ein Wasser gönnte.
Eine echt tolle Situation... während Bruder und Vater über Fußball philosophierten, rutschte ich etwas nervös immer etwas tiefer auf der Couch um möglichst nicht aufzufallen. Aber natürlich musste ich als dritter Mann im Bunde ja auch mein Statement zum Thema Fußball und Frauen am Steuer abgeben. (welch genialer Zufall, wenn man sich über die Fahrkünste der Frauen auslassen soll, wenn man eigentlich vor hat, noch mit der Frau, die neben einem sitzt, ein paar schöne Stunden zu erleben, aber ich ließ mich nicht lumpen!) Nachdem mir der Vater dann wohlwollend zuprostete und ich mehrmals die spitzen Ellbogen meines Dates eingefangen hatte, war das Fußballspiel ("endlich") vorbei.
Es ist nicht ganz einfach, deutliche Zeichen zu geben, um IHR klarzumachen, dass man doch jetzt eigentlich viel lieber mit Ihr allein wäre, wenn der Rest der Familie einen bei jeder Gelegenheit mit Blicken mustert. Also saß ich geduldig weiterhin auf der Couch und genoss die familiäre Atmosphäre. Der Bruder verabschiedete sich... ein Lichtblick!
Doch es sollte nicht sein. Also wurde auf RTL2 umgeschaltet, wo gerade "Autopsie" anfing. An sich eine wirklich interessante Sendung. Doch es ist nicht unbedingt das tollste Gefühl, wenn die dort über Vergewaltiger und Frauenmörder sprechen und wie hilflos die Opfer waren, da sie den vermeintlichen Täterzufällig kennen gelernt haben, wenn der Vater einen vom Platz gegenüber immer seltsamer anblickt und man dann feststellt, dass man ja eigentlich auch ein total Fremder ist, der mit der Tochter jetzt zum ersten mal... ach, Ihr versteht's hoffentlich. Nachdem wir dann noch diese Sendung geschaut hatten und die Mutter auch zu Bett ging, kamen die rettenden Worte: "Willst du dein Glas mit ins Zimmer nehmen?" - Juhu! ENDLICH!
Also verabschiedete ich mich höflich, aber auf dem schnellsten Weg beim Vater und wir gingen in ihr Zimmer.
Wir machten es uns dann auf dem Bett gemütlich und da der ganze Abend seine Spuren hinterlassen hatte, wollte ich einfach nicht mehr lange um den heißen Brei reden. Sie war zwar nicht mein Typ und das hab ich Ihr auch gleich gestanden, aber wo ich doch schon mal da war...*grins*
Anhand meiner bisherigen Erfahrungen in Sachen Blind-Dates, waren die Chancen ja nicht sehr hoch noch einen Treffer zu landen, trotzdem fragte ich sehr direkt (hatte ja nichts mehr zu verlieren). Als sie dann sagte: "Warum nicht?!", konnte ich es kaum fassen (aber ich hörte mich nicht "Nein" sagen).
Wenn es auch nicht für ne Beziehung gereicht hat, war die Fahrt keineswegs umsonst und ich war dann auch wieder pünktlich zum Weckerklingeln daheim.



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Eingereicht am 11. Januar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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