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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Martins großer Tag

Eine Kurzgeschichte von Daniel Zaidan


Martin stand vor dem Eingang der Fabrik und sah sein Spiegelbild undeutlich im braunen Glas des Fensters.
"Verdammter Versager", fluchte er halblaut, nachdem er sich vergewissert hatte, dass keiner in der Nähe war.
Dort stand er vor dem verhassten Fabrikgebäude der Firma, die ihm nun nach siebenundzwanzig Jahren gekündigt hatte.
Siebenundzwanzig Jahre war er im Dienst, ohne negativ aufzufallen, und nun war alles vorbei.
Er war in den letzten drei Monaten lediglich zwei mal krank gewesen, das war vom Arzt attestiert, doch er wurde trotzdem entlassen, niemand interessierte sich für seine Bandscheibe.
Er war sich sicher, dass es deswegen war, auch wenn der neue Junior-Chef ihm immer wieder versichert hatte, dass es auf Grund neuer Strukturveränderungen und finanzieller Probleme zu dieser angeblich nicht leicht zu fällenden Entscheidung gekommen war.
Zuviel Personal.
Aber Martin war doch siebenundzwanzig Jahre in dieser Fabrik tätig.
Was war mit all den jüngeren, die er selbst eingearbeitet hatte?
Niemand hatte sich für ihn stark gemacht.
Martin wurde schlecht bei dem Gedanken, wie sie jetzt wahrscheinlich alle ihre Masken fallen ließen und sich das Maul über ihn zerrissen, froh darüber, dass es sie nicht selbst getroffen hatte.
Siebenundzwanzig Jahre.
Er kramte zitternd vor Aufregung und Wut seine Zigaretten aus dem alten, verbeulten Cordsakko und steckte sich eine an.
Dann sah er sich wieder in dem braunen Glas.
Wie jämmerlich er aussah mit seinem spärlich gewordenen Haar und den kurzen Beinen.
Sein Vater hatte immer schon Recht. Er war ein Versager, das konnte man ihm ansehen, das konnten alle sehen. Auch die Kollegen der anderen Halle, die jetzt an ihm vorbeigingen und freundlich grüßten.
Heute erwiderte Martin die Grüße nicht.
Heuchler, dachte er, geht nur schön alle fleißig arbeiten, irgendwann geht es euch auch wie mir. Irgendwann werdet ihr auch ausrangiert.
Die Wut wich einer grenzenlosen Enttäuschung.
Er dachte daran, wie ihn seine Frau wohl ansehen würde, die ihm all die Jahre Mut gemacht hatte, wenn er mit seinen Problemen nicht mehr fertig geworden war.
Was würde sie sagen?
Würde sie ihm wieder Mut machen und ihm Hoffnung geben, dass er schon noch einen neuen Job finden würde, oder würde er diese bittere Enttäuschung in ihren Augen sehen, die immer schon unerträglich für ihn gewesen war?
Martin setzte seine kurzen Beine in Gang um nur schnell von diesem Ort der Demütigung fort zu kommen.
Er spürte die Blicke der anderen im Nacken, also ging er schneller.
Geh aufrechter, aber nicht so auffällig, schnell aus dieser gekrümmten Haltung herauskommen, doch lieber etwas langsamer. So ist es besser, gehe so, als wäre alles wie immer.
Alle wissen es ja nicht, muss man mir ja nicht ansehen.
Das Tor war durchquert.
Langsam und wieder mit gekrümmter Haltung passierte er nun den Drahtzaun des alten Fabrikgeländes, und die grauen Straßen, die er nun seit siebenundzwanzig Jahren jeden Tag entlanggegangen war, kamen ihm heute noch viel trostloser vor, als sonst.
Er beeilte sich nicht.
Hoffentlich würde seine Frau ihm Mut machen.
Die Chance auf eine neue Arbeitsstelle war sehr gering, aber Hauptsache, sie hielt weiterhin zu ihm.
Hauptsache, sie würde nicht diese Enttäuschung in den Augen haben.
Es war vierzehn Minuten nach drei.
Es war auch vierzehn Minuten nach drei, als Martins bester Freund in Martins Frau kam.
Es war nicht das erste Mal, dass sie es auf dem Sofa getrieben hatten, aber es war immer wieder so gewaltig wie beim ersten Mal.
Martins Frau verkrampfte sich noch einen kurzen Augenblick, dann lockerte es sich im Unterleib und Christian, Martins bester Freund, richtete sich erschöpft zwischen ihren zitternden Beinen auf.
Er atmete schwer und seine vollen Haare waren durchnässt vom Schweiß.
Was war Martin doch bloß für ein Trottel, es so einer Braut nicht öfter zu besorgen.
Na ja, dachte Christian ohne Reue, Martin war ja auch nicht mehr der jüngste...
Martin spürte einen Stich in der Magengegend. Er versuchte, diese Vorstellung sofort zu verwerfen, nachdem er gesehen hatte, dass Christians schwarzer Golf vor der Tür seines Wohnblocks parkte...
"Ich bin ja so froh, dass du schon vorbei kommen konntest", sagte Martins Frau zu Christian, der ihr gegenüber saß, "Martin kommt erst in einer halben Stunde und allein hätte ich es keine fünf Minuten mehr ausgehalten !"
"Das kann ich mir verdammt gut vorstellen", lachte Martins Freund, "ich spiele ja nun auch schon einige Jahre Lotto, aber dass ihr sechs Richtige habt... ich fasse es einfach nicht!!"
"Und wie Martin erst gucken wird. Wahrscheinlich wird er als erstes seinen neuen Chef anrufen und kündigen", lachte sie, "am liebsten würde ich ihn schon jetzt anrufen."
Christian sah belustigt zu, wie Martins Frau drei Sektgläser aus der Vitrine holte und sie auf den Tisch stellte.
Vor lauter Aufregung konnte sie nicht eine Minute ruhig sitzen bleiben und hätte fast zwei der Gläser umgeworfen, als sie nach ihrer Zigarette griff, die sie auf dem Rand des Aschenbechers abgelegt hatte.
Sie zog einmal daran und sprang sofort wieder auf. "Ich habe den Sekt ja gar nicht kalt gestellt", rief sie und lief in die Küche.
Sie erfuhren es erst zweieinhalb Stunden später, als die Polizei an der Tür klingelte, um ihnen die Nachricht zu überbringen.
Man hatte Martins Leiche zehn Kilometer entfernt auf den Bahngleisen gefunden.
Seine Frau hatte sich davon nie wieder erholt.



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Eingereicht am 06. Januar 2004.
Herzlichen Dank an den Autor.
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