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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Lawine

Eine Kurzgeschichte von Christoph Geiser


Der Schnee war pulverig und kühl, als Nadja Stettler den Hang hinunterfuhr. Sie war eine geübte Skifahrerin. Dennoch war es ihr nicht ganz geheuer, denn der Nebel verhüllte die Sicht.
An diesem Nachmittag waren nicht viele Skifahrer unterwegs, trotzdem dass das Skigebiet relative gross war.
Dann sah sie nichts mehr.
Der Nebel war zu dicht.
Nadja bremste. Sie versuchte sich zu orientieren, doch es war unmöglich, auch nur eine Spur der Pistenmarkierung zu erkennen. Nadja war nicht eine, die lange überlegte. Nadja handelte schnell.
Sie war siebzehn. Sie hatte helles Haar und dunkle Augen. Nadja war oft alleine und deshalb machte sie auch viele Skitouren. Nie hätte sie die Natur und das Alleinsein gegen eine Party oder eine Disco eingetauscht. Sie war gerne allein.
Und nun war Nadja in einer Situation, in der sie weder aus noch ein wusste. Was sollte sie tun?
Wie gesagt, Nadja zögerte nie lange. So auch jetzt nicht. Sie drückte den Stock in den Schnee und fuhr weiter. Sie bemerkte bald, dass sie nicht mehr auf der Piste fuhr. Sie fand aber auch weiterhin keine Markierung.
Sie setzte sich hin und ruhte sich einen Moment aus.
Im Dorf war es weniger ruhig als auf der Piste. Hier wurden noch Einkäufe getätigt und manch kleines Gasthaus war jetzt, kurz vor 17 Uhr, voll von Arbeitern, welche ihren Ärger über den Tag und den Chef austranken und sich vielleicht auch noch ein Bier über den Durst genehmigten.
Auch Stefan Etter hatte eine Bar besucht. Allerdings nicht, um über den Durst zu trinken, sondern um die neusten Infos über die Schneeverhältnisse auf den Pisten zu erfahren.
Er machte sich Sorgen um seine Freundin. Das war auch kein Wunder, bei dem Wetter. Der Fernseher versprach allerdings keine Wetterbesserung.
Nadja hatte sich etwas erholt und fuhr nun weiter. Dennoch war es ihr nicht ganz geheuer.
Dann hörte sie ein Geräusch.
Das Geräusch wurde lauter.
Es war ein donnerndes Geräusch.
Nadja drehte sich um.
Als sie etwas auf sich zukommen sah, war es zu spät!
"Im Gebiet der Gletscherbahnen ging heute Abend eine Lawine nieder. Nach Angaben der Seilbahngesellschaft waren zu dieser Zeit nur sehr wenige Skifahrer unterwegs. Trotzdem sei es nicht auszuschliessen, dass unter den Schneemassen jemand sein könnte. Sachdienliche Hinweise seien der örtlichen Polizei mitzuteilen." Der Wirt schaltete den Fernseher aus.
Stefan ging zur Telefonzelle und wählte die Nummer der Polizei. Er berichtete von Nadjas Skitouren, von denen sie nicht viel erzählte. Doch der Polizist am anderen Ende beruhigte ihn und erklärte, dass es keine Verunglückte gäbe, die unter der Lawine seien. Doch das beruhigte Stefan nicht.
Als Nadja auch nach 21 Uhr nicht da war, benachrichtigte er die Rettungsflugwacht. Diese nahm Stefans Sorge ernst und rückte aus.
Man wusste zwar, wo die Lawine niedergegangen war, aber der immer noch anhaltende Nebel erschwerte die Aktion sehr.
Mit Müh und Not landete der Pilot den Helikopter zwanzig Meter von der Unglücksstelle entfernt.
Nadja sah nur Schwärze um sich und hörte einen Helikopter.
Dann wurde sie wieder bewusstlos.
Der Rettungstruppleiter verteilte Suchstangen. Die Lawinenhunde fingen mit den Schnüffeln an. Stefan bekam ein Gerät in die Hände gedrückt, welches aussah wie ein Metalldetektor. "Wenn das Gerät laute Piepstöne von sich gibt, dann müssen Sie sich sofort melden", erklärte der Einsatzleiter Stefan.
Die Suche begann.
Stefan schaltete das Gerät ein, welches nur ein regelmässiges Summen von sich gab.
Die Sucher waren sehr konzentriert bei der Arbeit. In einer Kolonne suchten sie Zentimeter um Zentimeter den Schnee ab.
Doch kein Ergebnis.
Erste Zweifel.
Es war nichts zu finden.
Nadja hatte das Bewusstsein wieder erlangt, konnte aber keinen klaren Gedanken fassen.
Die Atemluft wurde knapp.
Das Gerät von Stefan schlug aus.
Der Piepston wurde lauter und schneller.
Doch Stefan wollte dem Einsatzleiter noch nichts sagen.
Er wollte Nadja retten.
Er vergewisserte sich, dass der Einsatzleiter nicht zu ihm schaute und begann mit seinen Händen den Schnee auf die Seite zu bringen.
Nadja hörte ein fast unmerkliches Geräusch über sich.
Zuerst ein piepsen, dann ein Scharren.
Vielleicht werde ich ja gerettet, dachte sie.
Stefan kam nur langsam voran. Er hatte triefend nasse Handschuhe und der Schnee wollte nicht weg.
Da kam der Einsatzleiter und sah Stefan, wie dieser buddelte.
Schnell holte er die Anderen der Truppe.
Gemeinsam und ohne ein Wort zu sagen, gruben sie Nadja aus.
Endlich, Nadja sah wieder Tageslicht.
Sie streckte ihre schwache Hand nach Stefan aus.
Als Nadja wieder auf ihren Beinen stand, auch wenn noch sehr wackelig, fiel sie Stefan in die Arme.
Stefan drückte sie fest an sich und seufzte.
Plötzlich hörten sie ein lauter werdendes Donnern...




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Eingereicht am 10. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung des Autors.