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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Tante Anna

Eine Kurzgeschichte von Karl-Heinz Ganser


Beim Frühstück sagte meine Tante: "Morgen früh um acht muss ich wieder beim Doktor sein, denk daran!" Es war für sie selbstverständlich, dass ich sie jeden Monat mit meinem Wagen zum alten Doktor Neuber fuhr. Dabei hätte sie bequem mit dem Bus bis vor die Praxis fahren können.
Tante Anna war die Schwester meiner Mutter. Als meine Eltern vor mehr als zwanzig Jahren bei einem Verkehrsunfall starben, nahm sie mich auf.
Ob sie meinetwegen nicht geheiratet hat, wollte sie mir nie sagen. Sie soll, bevor ich zu ihr kam, angeblich die Geliebte des Doktors gewesen sein. Das hatte mir einmal eine Nachbarin zugeflüstert.
Mir war wohl aufgefallen, dass sie nach den Arztbesuchen immer besonders gut gelaunt war.
Inzwischen wunderte ich mich auch nicht mehr darüber, dass sie die verordneten Medikamente selten einnahm, dafür um so öfter ihre Wehwehchen mit Kräutern aus dem Garten auskurierte.
So saß ich auch heute wieder neben meiner Tante im Wartezimmer und blätterte lustlos in einer Illustrierten. Ich dachte daran, dass ich in einer Stunde im Büro einen Kundentermin hatte.
Nach einer Weile öffnete sich die Tür vom Arztzimmer. Ich sah Doktor Neuber mit einer kleinen Frau herauskommen, die nervös an ihrem Kopftuch zupfte.
Der Arzt machte ein besorgtes Gesicht und redete auf sie ein. "Hören Sie gute Frau! Ich sag es Ihnen noch mal! Sie müssen sofort mit dem Kind hierher kommen. Es ist vielleicht etwas sehr Ernstes mit dem Mädchen."
Die Frau schluchzte und schüttelte den Kopf: "Geht doch nicht Doktor! Ich wohne weit weg und kann Kind nicht so weit tragen."
"Ja, dann nehmen Sie doch einfach ein Taxi. Ich kann jetzt unmöglich aus der Praxis, Sie sehen ja selbst, was hier los ist!"
"Ich habe kein Geld", entgegnete die Frau und sah den Arzt hilflos an.
"Heinrich!" Meine Tante mischte sich plötzlich in das Gespräch ein.
"Wir fahren das Kind holen!", sagte sie so, als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt wäre.
Doktor Neuber sah sie erstaunt an: "Anna, du?"
Mit einem ungläubigen Seitenblick zu mir flüsterte er: "Sie hat es doch nicht mit den Frauen, die ein Kopftuch tragen."
Ich tippte meiner Tante auf die Schulter: "Wenn du was tun willst, dann gib der Frau das Geld für ein Taxi. Du weißt, ich muss gleich dringend zu einem wichtigen Termin!"
"Termin? Weißt du was du hast?", fuhr sie mich schroff an. "Hier hast du einen Termin, verstanden?" Dann packte sie die verdutzte Frau am Arm und sagte: "Komm, wir fahren!"
Eine Viertelstunde später untersuchte Doktor Neuber eingehend das schreiende Kind und schickte uns sofort mit dem kleinen Mädchen wegen Verdacht auf Blinddarmentzündung ins Kreiskrankenhaus.
Während wir vor dem Operationssaal warteten, tröstete meine Tante die immer wieder weinende Mutter des Kindes. Ich überlegte unterdessen krampfhaft, wie ich morgen meinem Kunden, den geplatzten Termin erklären konnte.
Plötzlich stand meine Tante auf, tupfte sich verstohlen eine Träne ab und sagte zu mir: "So, jetzt fahre ich zu der Stationsschwester hoch und kläre, dass die Mutter hier im Krankenhaus bei ihrem Kind bleiben kann."
"Tante du bist doch ein gutes Stück!", rief ich ihr noch nach, bevor sie im Aufzug verschwand.




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Eingereicht am 15. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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