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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Baronesse Andrea von Hochenmut

Eine Kurzgeschichte von Christoph Geiser


Verehrte Damen und Herren. Wir schreiben das Jahr 1887. In England regiert die Königin Victoria. In dieser Zeit spielt unsere Geschichte. Es ist eine Kurzkomödie, welche sich bestens zum entspannen von gestressten Geschäftsleuten eignet.
Der Ort, an dem unsere Geschichte spielt, sei dem Leser bereits verraten: Ein Schloss nahe dem Zentrum von London.
Nun lassen Sie uns aber beginnen mit unserer Kurzkomödie: Baronesse Andrea von Hochenmut
Das Schloss des Lord Christopherus von Piano war festlich beleuchtet. Auf jeder Seite hingen zahlreiche Fackeln an stählernen Scharnieren. Der Weg zum Hauptportal, zum "Porte Lord", wie Piano ihn zu nennen pflegte, war durch Hunderte von Kerzen gekennzeichnet. In der Eingangshalle standen zwei, herrlich in samtener Uniform gekleidete, Butler. Diese nahmen, trotz der schon fortgeschrittenen Zeit, den immer noch zahlreichen, durch die schwere Eichenholztür eintretenden Gäste die Mäntel und Hüte ab und geleiteten sie in den grossen Ballsaal. Dieser bot den Eintretenden ein glänzendes Bild: An der Decke leuchteten unzählige mit Glaskristallen verzierte Kronenleuchter. Auf dem Parkett tanzten Barone, deren Frauen, Lords und unzählige andere adelige Herren und Damen. Neben der großen Tanzfläche spielte das größte Orchester Englands des 19ten Jahrhunderts. Im genauso geräumigen Nebenraum, welcher mit einem riesigen Torbogen an den Ballsaal anschloss, plauderten die nicht tanzenden Herren mit anderen nicht tanzenden Herren und die nicht tanzenden Damen mit anderen nicht tanzenden Damen. Andere wiederum bedienten sich an dem reichhaltigen Buffet mit allerlei süßen und salzigen Köstlichkeiten. Unter ihnen weilte auch die Baronesse Andrea von Hochenmut. Man erzählte sich, dass sie die hochmütigste Dame Englands sei. Ob diese Behauptung jedoch der Wahrheit entsprach wussten nur die Wenigsten, denn die Baronesse begab sich nicht oft an die Öffentlichkeit. Über Andrea von Hochenmut wurde einige Meter von ihr entfernt heftig diskutiert. Sir Andrew von der Violine und Lady Anna vom Bützenberg stellten allerlei Vermutungen über die Baronesse auf. "Ich finde, meine Gnädigste", sagte Sir Andrew, "die Baronesse sollte sich mehr an der Öffentlichkeit zeigen". Etwas erstaunt über dieses Argument erwiderte Lady Anna: "Wieso? Es ist doch ihr gutes Recht in ihrer Residenz zu bleiben. Ich finde, die Feste und Bälle, an denen sie erscheint, reichen völlig aus". "Aber meine Teuerste", räusperte sich Sir Andrew erneut, "Sie kennen die Baronesse von Hochenmut sehr gut. So kann ich wohl sehr gut verstehen, dass Sie dieser Meinung sind. Aber sehen Sie das Ganze einmal vom Standpunkt einer Person an, welche Baronesse Andrea nicht so gut kennt". Die Diskussion hätte sich wohl endlos hingezogen, wäre nicht just in diesem Moment der Gastgeber zu den beiden gestoßen. "Amüsieren sich die Herrschaften gut?", wollte von Piano wissen. Beide lächelten höflich und Lady Anna antwortete ihm: "Wir amüsieren uns köstlich".
Dem aufmerksamen Leser wird aufgefallen sein, dass Lady Anna vom Bützenberg hier geflunkert hat. Auch Lord Christopherus hatte gemerkt, dass vor seinem Auftreten eine Diskussion entbrannt war. Auch konnte er erahnen, um wen es hier ging. Und er hatte richtig geahnt.
Lord Christopherus von Piano entfernte sich von den beiden und trat ans Buffet, wo sich die Baronesse Andrea von Hochenmut gerade mit scheinbar unbezwingbarer Begierde über den riesigen Berg Grießbrei beugte und mit der Kelle von unten her, sich von dem köstlichen Süßen bediente. Leider hatte sie nicht bedacht, dass der Berg zusammenstürzen könnte, wenn man gegen die Schwerkraft von unten her zu schöpfen begann. So fiel der Grießberg dann auch in sich zusammen. Ein Ausläufer des süßen Weiss fiel in die, in einer großen Keramikschüssel schwimmenden, Sauce. Ein Schwall des Nass spritzte auf das sündhaft teure, weiße Kleid der Baronesse. Mit einem Aufschrei und Händefuchteln wollte sie davonrennen. Unglücklicherweise erwischte sie dabei das Tischtuch und das ganze Buffet fiel über ihr zusammen. Nun lag sie unter Grießbrei, Sauce, Hähnchen, Fleischklößchen, Kartoffeln, Pudding, Kuchen und vielem mehr. Sie brachte kein Wort hervor. Das hätte sie allerdings auch nicht gekonnt, wenn sie es gewollt hätte, denn sie hatte den Mund voller Fleischklößchen. Christopherus von Piano eilte herbei und schaute erstaunt auf das Durcheinander am Boden. Dann wetterte er: "Schämen Sie sich denn nicht, sich derart zu verhalten. Verlassen Sie auf der Stelle mein Schloss!!!" Ohne auch nur ein Wort zu sagen, aber auch ohne sich nur etwas zu säubern, kroch sie unter dem Haufen, vorher Essbarem, hervor und stolzierte zur Ausgangstüre. Die Türsteher wichen zur Seite, als sie in die Nacht hinaustrat.
Im Saal konnte man den Weg, den die Hochmütige Baronesse Andrea von Hochenmut genommen hatte, an der Essensspur am Boden leicht nachvollziehen.
Als der Gastgeber Lord Christopherus von Piano einen Rundgang durch den Saal machte, hörte er aus einem Nebenraum ein Geräusch, welches stark nach einem Schlag tönte. Schnell öffnete er die Türe. Im Innern des Raumes saßen Sir Andrew und ihm gegenüber Lady Anna. Sir Andrews linke Wange leuchtete rot und Lady vom Bützenberg lächelte. "Was ist denn geschehen?", wollte der Gastgeber wissen und schaute in die Runde. "Och, nichts, Lord", sagte der Sir, "wir haben lediglich etwas miteinander geplaudert.
Wiederum braucht es keine Erklärungen, was sich in dem Raum ereignet hatte. Allerdings sollten wir zu diesem Zeitpunkt die Verhältnisse zwischen Sir Andrew und Lady Anna klären: Sir Andrew von der Violine war ein berühmter Virtuose im Violine spielen. Und die etwas minder begabte Lady Anna vom Bützenberg nahm Unterricht bei ihm.
Auch sollte an dieser Stelle erklärt werden, was in dem Raum gesprochen worden war:
"Ich kann doch nicht zwei Töne gleichzeitig auf der G-Saite spielen", sagte die Lady und der Sir fiel ihr ins Wort: "Nichts ist unmöglich meine Teuerste. Sogar das bringen Sie hin...".
Im Saal war wiederum Aufregung ausgebrochen. Gerade hatten sich Sir Andrew und Lady Anna wieder zu den Gästen gesellt, als die Meldung durch den Saal eilte, dass die Königin gekommen sei! Und sie hätte ihre adelige Katze bei sich! Die Tür öffnete sich und der Türsteher rief aus: "Ihre Majestät, Königin Victoria sowie Mademoiselle De Nuschka". Er schlug mit dem Stock zu Boden. Die Queen trat ein. Neben ihr ging fast so majestätisch die Katze oder besser Mademoiselle De Nuschka. Von Piano ging mit geraden Schritten auf die Königin zu. "Willkommen in meinem bescheidenen Schloss, eure Majestät", sagte er würdevoll, "ebenso Sie, Mademoiselle De Nuschka, herzlich willkommen". Die Musik spielte einen Tusch.
Das Fest nahm seinen Lauf. Queen Victoria tanzte mit einigen adeligen Herren. Unter anderem auch mit dem Graf Dr. Arnold von Gurtenbeer. Der Doktor versuchte sich bei der Königin einzuschleichen, denn er hätte nur zu gerne eine Arbeit im Buckingham-Palast gehabt. "Ich habe meine Doktorarbeit über die Königsgeschichte Englands geschrieben. Daher würde ich sehr gerne in Ihre Dienste treten", sagte er zur Queen. Diese wollte allerdings nichts davon wissen. "Schade", meinte der Doktor, "es hätte mich sehr geehrt. Aber in diesem Falle will ich Sie nicht länger belästigen." Von Gurtenbeer dachte allerdings auch nicht nur einen Moment daran, aufzugeben. Während er sich am nun wieder aufgebauten Buffet bediente, überlegte er sich, wie er wohl die Gunst der Königin erringen könnte.
Baronesse Andrea von Hochenmut hatte das Schloss verlassen. Nicht aber das Grundstück. Als Rache, dass der Lord sie so blamiert hatte, wollte sie ihm eins auswischen. Doch ihr fiel kein geeigneter Schlachtplan ein. So zog sie es vor, zuerst mal zu schauen, was im Inneren der Piano-Residenz im Moment zuging. Für dieses Vorhaben eignete sich das große Panoramafenster, welches Piano extra für diesen Anlass hatte einbauen lassen, bestens. Es war auf der Ostseite des Schlosses, so dass die Gäste den Sonnenuntergang in voller Größe betrachten konnten. Dieser war allerdings seit einigen Stunden vorbei, sodass die Baronesse ohne bemerkt zu werden, zum Fenster hinein schauen konnte. Im Ballsaal waren immer noch viele Pärchen, so auch wie bereits berichtet, die Königin von England, Queen Victoria. Auch sah sie deren Katze Mademoiselle De Nuschka. Baronesse Andrea hatte schon viel von dieser Katze gehört. So wusste sie auch, dass die Katze der größte Stolz der Queen war. Die Katze kam aus Frankreich und hatte früher dem berühmtesten Fechtmeister Frankreichs gehört. Dieser hatte ihr die Katze dann einmal zu ihrem Geburtstag geschenkt. Nun hatte Baronesse Andrea eine zündende Idee: Sie würde Mademoiselle De Nuschka entführen und ein Lösegeld fordern. Nur so könnte sie Lord Christopherus blamieren...
Ein Finger tippte auf ihre linke Schulter. Sie fuhr herum. Vor ihr stand ein Bettler, nicht sonderlich groß, dafür einen dementsprechenden Bart. Mit heiserer Stimme fragte er die Baronesse: "Was machst denn du hier in der Kälte, Mädel?". Die Baronesse hätte es fast verjagt vor Wut. Dass sie jemand mit du und Mädel ansprach..., das hatte es noch nie gegeben. Sie unterdrückte jedoch ihren Gram, denn sie dachte gerade daran, dass ihr dieser Bettler vielleicht hilfreich sein könnte. "Ich plane ein Attentat auf die Königin", sagte sie zum Bettler, "genauer gesagt auf ihre Katze. Wenn Sie einverstanden sind, können Sie mir helfen. Ich werde Sie dafür auch entlohnen". Beim letzten Wort der Baronesse zuckte der Bettler zusammen und nickte lächelnd. "Gerne", sagte er.
Achtung!!! Dieser Mann ist in Wirklichkeit kein Bettler. Die Baronesse Andrea von Hochenmut hatte dies allerdings noch nicht bemerkt. Was er genau ist, das wollen wir an dieser Stelle aber noch nicht verraten.
Die beiden legten sich einen Schlachtplan zurecht. Gerade in dem Augenblick als sie ihren Plan ausführen wollten, trat Dr. Arnold von Gurtenbeer in die Nacht hinaus. Er bemerkte die beiden und grüßte freundlich: "Guten Abend eure Hochmütigkeit. Guten Abend Herr Bettler. Was tun Sie beide denn so spät hier vor dem Schloss?". Die beiden ungleichen Personen schauten auf. "Wir unterhalten uns über die Kälte hier draußen", verriet ihm Baronesse Andrea. "Ja aber warum tun Sie dies denn nicht drinnen an der Wärme", wollte der Doktor wissen. "Ach wissen Sie", sagte nun der Bettler, "in der Kälte lässt sich das besser diskutieren". "Und", fügte er rasch hinzu, "ist es sowieso Forschung am Objekt". Dabei schlotterte er und klapperte mit den Zähnen. Arnold von Gurtenbeer schaute etwas schief. Diese beiden sind wohl etwas übergeschnappt, dachte er bei sich. Er verabschiedete sich von den beiden und wünschte ihnen schöne Forschungen. Dann ging er wieder hinein.
Die Königin amüsierte sich köstlich. Sie vergaß ihre Katze gänzlich. Diese allerdings hatte ihre Herrin wohl auch vergessen, denn sie schnurrte fröhlich vor sich hin und schlängelte sich zwischen Beinen der Anwesenden durch. Doch auf einmal war es ihr gar nicht mehr wohl, denn sie wurde unsanft gepackt. Sie gab ein verächtliches Miauen von sich. Doch das schien nichts zu nützen, denn die Kraft zog sie unter den Tisch.
Der modernen Physik zu entnehmen, kann es sich hier eigentlich nur um die Kraft MENSCH handeln. Doch eine Katze kann das ja nicht wissen...
Leise verschwand diese Person mit der Katze. Doch genau im Moment, als sie zur Tür hinaus wollte, stolperte sie über etwas. Sie fiel hin und die Katze, welche sie unter ihrem Kleid versteckt hatte, konnte sich befreien und lief eiligst auf die Queen zu. Als sich die Person gerade wieder erheben wollte, wurde sie von zwei starken Händen gefasst. "Na Baronesse, was wollten wir denn mit der Katze der Königin?", fragte eine ihr wohl bekannte Stimme. Baronesse Andrea schaute hinauf und erkannte den Bettler. Allerdings hatte er seine Bettlerkleider ausgezogen und trug nun eine Polizeiuniform. Aus seiner Tasche nahm er ein Polizeiabzeichen. "Inspektor Lestrade vom Scotland Yard" , sagte der Mann, "ich verhafte sie aufgrund versuchter Entführung von Mademoiselle De Nuschka, die Katze ihrer Majestät, Königin Victoria. Wenn Sie bitte mit mir auf die Wache kommen..."
Und die Baronesse Andrea von Hochenmut ging auf die Polizeiwache. Dort wurde ihr vorgelesen was auf versuchter Entführung stand: Ein Jahr Gefängnis unbedingt! Ob die hochmütige Baronesse dadurch vernünftiger wurde, konnten wir bisher nicht erfahren. Was wir jedoch erfahren konnten ist folgendes:
Die letzten Worte, welche Dr. Arnold von Gurtenbeer zur Queen sagte waren folgende: "Ich wusste es doch, eure Majestät. Mir ist das Gesicht ja so bekannt vorgekommen, müssen Sie wissen. Ich hätte es ahnen müssen, Ich habe ja ein so gutes Gedächtnis für Gesichter und Sie müssen auch noch wissen, dass ich...
So, meine Damen und Herren, kommen wir nun zu einem für alle wohlverdienten
ENDE




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Eingereicht am 10. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an den Autor.
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