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Warten

Eine Kurzgeschichte von Mahali Malberg


Auf dem Bahnsteig zieht es. Ich setze mich lieber in das Wartehäuschen. Aber hier zieht es auch. Zwei zerbrochene Fensterscheiben liegen sich gegenüber. Aber wenigstens kann ich mich hinsetzen.
Ich habe meinen Anschlusszug verpasst und muss sieben Stunden auf den nächsten warten. Schön! Ich weiß noch nicht mal wo ich bin. Der Ort ist nicht auf meiner Karte eingezeichnet, so klein ist er. Irgendwo zwischen Szczecin und Szczecinek.
Ok, dann warte ich halt. Aber ich muss mal. Ich blättere in meinem Wörterbuch. "Czy sa toalety?", frage ich die Frau, die die Fahrkarten hinter einem vergittertem Fenster verkauft. "Nie", antwortet sie schroff. Dann muss ich es halt so lange aushalten. Ich setze mich wieder hin und warte. Aber es drückt immer mehr. Also nehme ich meinen Rucksack und verlasse das Wartehäuschen. Der Bahnhof liegt mitten in der Pampa und hinter einem Busch erledige ich mein Geschäft. So wartet es sich schon viel besser.
Dann bekomme ich Hunger. Alles was ich habe sind fünf Balistos und ein Apfel. Ich habe gedacht, ich bin mittags dort, wo ich hinwollte und habe nicht mehr mitgenommen. Ich esse den Apfel und drei von den Schokoriegeln. Das reicht um das Gröbste zu stillen.
Inzwischen ist eine halbe Stunde vergangen. Erst. Ich hole mein Buch aus der Tasche und lese. Aber ich kann mich nicht konzentrieren. Ich bin müde vom frühen Aufstehen. Ich klappe das Buch wieder zu.
Ich schaue mir das Wartehäuschen genauer an. Außer den Bänken und der Anzeigetafel, die die Züge des Tages ankündigt, ist nichts weiter darin. Die Wände sind mit Sprüchen vollgeschmiert. In jedem Land das gleiche. Ich versuche sie zu übersetzen. Aber mit meinen paare Brocken Polnisch ist das fast unmöglich. Alkohol to szalenstwo. Alkohol irgendwas.
Ich sehe aus dem Fenster. Davor steht ein großer Kastanienbaum. Die Früchte sind schon ganz dick und die Blätter verfärben sich. Ich mag Kastanien. Im Frühling die Blüten und im Herbst die braunen, glänzenden Früchte. Wie lange sie da wohl schon wartet?
Dann merke ich, dass mir kalt wird. Ich hole meinen dicken Wollpullover aus der Tasche und ziehe den noch drüber. Aber es bleibt kalt. Ich muss an meinen Freund denken. In seinen Armen ist es immer so schön warm. Ich schließe die Augen und träume ein bisschen.
Als die Tür aufgeht werde ich wieder in die Realität zurück geholt. Ein Mann um die fünfzig und eine Frau, bestimmt seine Mutter, betreten den Raum. Sie setzen sich auf die Bank neben meiner und unterhalten sich. Ich höre zu, aber ich verstehe nichts. Die Frau erinnert mich an Oma Emma.
Dann hole ich doch noch mal mein Buch raus und lese. Eine Seite, zwei Minuten. Die Zeit vergeht nicht. Ich schlendere umher, sitze da, lese wieder, schlendere noch ein bisschen ... sieben Stunden sind lang.
Endlich hat der Uhrzeiger die vier erreicht. Mein Zug fährt in den Bahnhof ein und nach weiteren zwei Stunden bin ich dort, wo ich hinwollte. Nachdem ich etwas zu Essen bekommen habe, falle ich todmüde in mein Bett. Zehn Stunden Schlaf habe ich vor mir. Schön!
Als dann am Morgen der Wecker klingelt, denke ich, dass die Nacht wieder einmal viel zu schnell vorbei ist.




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Eingereicht am 09. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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