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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Donnerstag Nachmittag

Von Nicole Kahn


Blätter fielen schon von den Bäumen, der Himmel war grau und endlos.
Regentropfen schallten in lautlosen Takten auf den Boden. Menschenmassen waren nur noch in ihren Wohnungen zu finden. Der Wind schien als ob er ein kleines Lied summte.
Sie war sich gar nicht mehr so sicher, ihre Gedanken waren gar nicht da, wo sie hingehörten.
Sollte sie es wirklich wagen? War die Sache es wert, ihre Ungeduld zu riskieren?
Monatelang saß sie vor diesem Bildschirm, tagelang, nächtelang. Jetzt hatte sie die Chance, aber wollte sie sie überhaupt ergreifen?
Das Brausen des Föns war durch den weiten, schallenden Hausflur zu hören. Es war nicht mehr lange hin, die Uhr tickte. Die Nervosität stieg ihr ins Gesicht, das sichtlich, durch die unendliche Aufregung, errötete.
Auf dem Gang war immer noch das Brausen zu hören, doch - Stille, endlose Stille. Es schien, als ob alles an diesem verregneten Donnerstag Nachmittag zu atmen aufhörte. Das Geräusch war nicht mehr da, nur die Stille blieb.
Es hörte nicht auf zu regnen, ein großer Stau hatte sich auf den Straßen angesammelt und er stand mitten drin. Schweißperlen bildeten sich schon auf der glatten Stirn. Eile, Hektik, aber ausgerechnet jetzt musste es passieren.
Stau, lang, endlos lang. Aus den Radioboxen tönte die Melodie eines Oldies, in solchen Momenten brauchte er diese Art von Musik. Die Augen weit aufgerissen, der Herzschlag bis zum Hals. Sekunden schien er aus dem Fenster zu schauen, Minuten Gedanken darüber zu machen, ob es sich lohnen würde an diesem verregneten Donnerstag Nachmittag im Stau zu stehen.
Sie zog an dem Rock, der sich in ihrem Kleiderschrank gut versteckt hatte.
Sollte es doch eine Hose sein, die von der Reise aus Spanien? Spanien, es war ein Donnerstag vor Monaten. Ein Lächeln war ihr ins Gesicht geschrieben, Spanien, Donnerstag, diese Gedanken hatten sie buchstäblich gefesselt. Ihre Hände schwitzten, ihr Atem war langsam, aber ihr Lächeln wich nicht von den Mundwinkeln.
Langsam öffnete sich der Himmel, der Stau löste sich. Schritt für Schritt. Die Rose lag auf dem Rücksitz, immer noch tönte der Oldie aus dem Autoradio.
Fünfzig, man darf hier nur fünfzig fahren. Er würde nie ankommen, so schien es ihm zumindest. Genau an diesem Donnerstag, wenigstens wurde das Wetter besser.
Die Hose war nicht zu eng geworden, sie saß wie vor Monaten. Jetzt hatte sie noch Zeit, genau eine Stunde. Sie schien nicht mehr so angespannt zu sein, der Monitor beruhigte sie, doch eigentlich könnte er ihr jetzt auch nicht mehr helfen. Die Hände schwitzten weiter, diese Anspannung kam wieder, die Zweifel, ob es richtig sei, was in Minutenabschnitten auf sie zukommen würde? Die Sonne schien, der Weg nicht mehr lang, einige Kilometer. Umkehren könnte er nicht mehr, dann wäre der weite Weg umsonst gewesen. Ganz umsonst die Schweißperlen auf der glatten Stirn, die Gedanken, die sich in seinem Kopf, die lange Fahrt über, drehten.
Nein, umkehren wäre keine Lösung, es wäre feige den letzten Monaten gegenüber. Eigentlich war er ja freudigen Herzens in diese Stadt gefahren und nahm sich den weiten Weg nicht umsonst vor. Bis hierher hatte er es jetzt geschafft, er wollte es nicht aufgeben. Die Zigarette in seiner zittrigen rechten Hand machte ihn voller Hoffnung und Mut auf diesen, nun nicht mehr verregneten, Donnerstag Nachmittag.
Tick tack, tick tack, das leise Klopfen der Wanduhr machte sie noch nervöser, als sie selbst schon schien. Doch es war jetzt Zeit zu gehen. Herzklopfen.
Das Internet hatte sie beendet, den Computer heruntergefahren, wie an diesen einen Donnerstag. Ihre schwitzigen Hände griffen nach der schwarzen Ledertasche. Ihre Beine trugen sie zur Türe, doch wirklich spüren konnte sie sie nicht. Ein letzter Blick zum Monitor, ein leiser Seufzer. Die Tür fiel zu, jetzt gab es kein Zurück mehr, ihr Herz pochte, doch trug sie eine gewisse Neugierde im Hinterkopf. Das gefiel ihr.
Der Himmel war wieder klar, der Regen verschwand ganz, nur das Summen des kleinen Liedes vom Wind war noch zu hören. Den Park schien dies nur idyllischer zu machen. Kinder fuhren mit dem Fahrrad vorbei, keiner nahm es wahr.
Seine Hose schlug schon Falten von der langen Autofahrt. Er wischte sich mit einem Tuch über die Stirn. Vielleicht ist es die Chance seines Lebens, vielleicht war es gut, dass er diesen Computerkurs vor Monaten belegte. Er ging seinen Weg weiter, voller Ehrfurcht.
Gut, dass sie kein Rouge benutzte, man könnte es denken. Ihre Schritte waren schnell. Sie könnte es - sie lächelte. Sekunden kamen wie Minuten vor.
Händeschwitzen, Herzklopfen, Aufregung.
Der Wind fegte die Blätter umher, die von den Bäumen fielen. Ruhe war im Park, aber Sonne. Endlos strahlende Sonne, die die Herzen erwärmte.
Ihr Lächeln wurde immer intensiver, die schwitzigen Hände waren nicht mehr zu spüren.
Sie kam an und da stand er mit der Rose in der Hand an diesem Donnerstag Nachmittag.




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Eingereicht am 07. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin.