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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Fünfzehn(einhalb)

Von Wiebke


Sie trägt eine Jeans. Die hat sie an allen möglichen Stellen zerschnitten. Das findet sie wahnsinnig cool, obwohl sie im Winter friert. Sie wechselt diese Hose nur selten, denn sie liebt sie. Ihre wohlgeformte Figur präsentiert sie stolz der ganzen Schule uns schreckt nicht davor zurück, wenn ein Lehrer sie auffordert sich etwas zurückzuhalten. Meist trägt sie hautenge und bauchfreie T-Shirts, sogar wenn Schnee fällt, dann legt sie sich nur lässig einen Schal um den Hals, zieht ihren überlangen Mantel an und passt ihr Make-up dem Wetter an. Ich bewundere sie. Ihre Lässigkeit ist unbeschreibbar. Sie ist so cool und kalt wie der Winter mit seinem Schnee. Sie hat es nicht nötig im Unterricht aufzupassen, denn sie schreibt trotz allem gute Noten. Meist erzählt sie mit ihrem Nachbarn, der sie nur bewundernd anguckt. Ruft ein Lehrer sie zur Ordnung, guckt sie ihn mit einem herablassenden Blick an. Sie gibt ihm das Gefühl nutzlos zu sein. Sie ist fünfzehneinhalb Jahre alt. Lehrer sind für sie keine Menschen. Keine normalen jedenfalls. Ich frage mich manchmal, was in ihrem Kopf vorgeht, wie sie es schafft, immer so cool zu bleiben. Erwachsene versteht sie nicht oder will sie nicht verstehen. Sie sind zu alt für sie. Sie ist wahnsinnig intelligent und schreibt auch ohne zu lernen gute Note. Lernen ist für sie reine Zeitverschwendung. Da müsste sie ihre kostbare Freizeit opfern. Diese nutzt sie lieber um ihr Trommelfell mit überlauter Musik zu zerstören. Geht sie mit ihren zahlreichen Freundinnen durch die Stadt, folgen ihr stets mehrere Jungs. Sie ignoriert sie gekonnt. Sie ist in dem Alter in dem sie von sich überzeugt ist. Einen Freund will sie nicht. Er würde sie in ihrer Coolness einschränken. Sie könnte nicht mehr durch die Schule stolzieren mit dem Wissen, dass ihr die Jungs mit heraushängender Zunge hinterhergucken. Sie hat wenige Ängste. Spinnen und Mäuse hält sie als Haustier. Ihr Selbstbewusstsein schwappt fast über, sie hat sich ständig unter Kontrolle. Sie tut nichts, wenn sie keine Lust dazu hat. Gefälligkeiten sind ihr fremd. Im Haushalt der Eltern mithelfen unmöglich. Ihre Coolness lässt es nicht zu, ihr Selbstbewusstsein ist zu groß. Sie hasst es, wenn sie nicht frei sein kann, wenn man sie und ihren Geist, ihre Gedanken festhält. Deshalb verabscheut sie die Schule und die Menschen, die verzweifelt versuchen ihr etwas beizubringen.
Ihr Zimmer kann man nicht schreiben. Es ist wie ihre Gedanken oder ihr Geist. Durchwühlt, unordentlich, unschlüssig über das, was sie eigentlich will. Die Eltern trauen sich nicht in ihr Zimmer. Aufräumen!? Ein Fremdwort für sie. Wozu auch? Und für wen? Die Gedanken einer Fünfzehnjährigen sind schwer zu erraten. Mal so, mal so. Ich bewundere sie deswegen. Wegen der Lockerheit mit der sie sich durchs Leben tragen lässt. Sie lässt sich niemals unterkriegen und es gibt nur eine Sache mit der man sie bändigen und beherrschen kann: Taschengeld! Ihre Eltern haben es ihr eine Woche verboten. Für sie war es ein Schock. Sie war plötzlich auf ihre Freunde angewiesen. Sie brauchte einen Tag um wieder in ihr inneres Gleichgewicht zu kommen und ihr Selbstvertrauen wieder zu finden. Ihre Eltern wollten, dass sie mal ihr Zimmer aufräumt. Sie nahm sich einen Besen und schob alles unters Bett. Seitdem bekommt sie wieder ihr Geld. Es ist schwer ihr etwas recht zu machen. Sie stolziert durchs Leben. Probleme löst sie schnell und einfach oder gar nicht. Wie gesagt, ich bewundere sie!




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Eingereicht am 07. Dezember 2003.
Herzlichen Dank an die Autorin.
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