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Kurzgeschichte

Der Nebel

© Meiko Gutmann


In Nebelschwaden verhangen, sein Gedächtnis wie ausgeräumt. Er sitzt auf der Couch und atmet durch. Soeben vom ersten Gras geraucht, wechselt er die Position und schlägt gemütlich die Beine übereinander. Was für ein Abend! Keine Termine, keine Besuche. Der mobilen Erreichbarkeit überdrüssig, schaltet er das verteufelte Ding auf stumm. "The person you have called is temporary not available." Die Zeit mit sich und seinem Freund wird zur kurzen Auszeit, ein Rausch geistiger Umnachtung. Zug um Zug verdichtet sich das Gemüt. Kaleidoskopartig schweifen bunte Bilder durch den Raum. Die Anspannung verflüchtigt sich, er lehnt sich zurück und atmet wohl geformte Kreise Richtung Zimmerdecke. Er sehnt sich den Moment der Ewigkeit herbei. Wohlwissend um die Haltbarkeit seines Zustandes hastet er von Gedanke zu Gedanke. Ein wohliges Gefühl macht sich langsam auf den Weg und erfüllt das Zimmer. Umschlungen von der endbaren Kreativität seines Rausches, voller Ideen und Anregungen, entbrennt ein Feuerwerk in seinem Kopf. Ein Saal voller Menschen wäre jetzt die passende Bühne für ihn. Unterhalten, ja unterhalten will er sich jetzt gern mit jemandem. Doch mal wieder ist sein Freund nicht sehr gesprächig. Er schweigt ihn an, dampft vor sich hin, verzieht keine Miene. Toller Freund denkt er sich. "An so eine Type verschwende ich mein Geld." Nichtssagend geht er dazu hinüber sich selbst zu beschäftigen. Malt Situationen aus, geht in sich und genießt das kreative Schaffen in seinem Kopf. Ein Königreich für einen Stift und die Motivation seinen Gedanken wahre Taten folgen zu lassen. Die Emotion festzuhalten und zu kreieren im Rausch der Sinne. Es könnte für so vieles im Leben reichen. Goldene Luftschlösser stehen zur Genüge bereit.
Aber der Zeitpunkt wird kommen. Das hat er sich geschworen. Immer wieder während seiner zahlreichen Filme beschwört er sich und seine unendliche Schaffenskraft. Dann will er dem tristen Dasein auf 40 Quadratmetern entfliehen. Er wird was auf die Beine stellen, gewiss. Einmal wird er es zu was bringen. Sorgenfrei und Herr seiner Sinne. Das tun was er kann. Was immer es auch sein mag. Er kann es. Nie wieder Tiefkühlpizza, Flurwoche und gesetzlich krankenversichert. Keine Monatsanfänge und schon gar kein Monatsende. Ständig selbst auf Lebenszeit. Während dieser Minuten vergisst er in voller Vorfreude die Gegenwart.
Greifbar nah scheint die andere Welt. Er fühlt die Sonne, die prall gefüllte Geldscheinklammer, nickt grinsend ob der ihm entgegengebrachten Ovationen. Verbringt Monate eines erfüllten Lebens im Zeitraffer der geistigen Umnachtung. Unablässiges Gestöhne stört seinen Siegeszug, lasziv räkelnde Frauen über 40 künden das Ende seines Rausches an.
Im der Wirklichkeit angekommen rutscht ihm die greifbare Welt durch seine schweißnassen Hände. Ein Zeitsprung von zwei Stunden in fünf Minuten erlebt. Er schaltet den Fernseher auf leise und wendet sich seinem Freund zu. Dieser qualmt munter weiter. Zusammengekauert liegt er auf der Lehne der Zweiercouch. Dichte Nebelbänke umschleiern das karge Licht an der Zimmerdecke. Wie im Standbild verharren die beiden Delinquenten für Sekunden auf Ihren Positionen. Viel zu langsam vergeht die Zeit, was für ein unsägliches Dilemma. Satt vom Anblick seines Gegenübers wendet er sich dem Fernseher entgegen, schnappt sich die Fernbedienung und schaltet auf Stand-By. Ein kurzes Knistern der Bildröhre beendet den gemütlichen Fernsehabend. Ohne ein auf Wiedersehen geht er zur Tür und dreht den Lichtschalter um. Sein Freund verweilt weiterhin regungslos auf der Couch und qualmt dabei vor sich hin. Die Glut erlischt und es wird dunkel. Sein Freund Sticky hat seinen Dienst getan. Weder fand er in ihm einen Zuhörer noch einen Zuredner. Die Probleme von Gestern sind nach wie vor die von Morgen. Ein Ausflug aus der Sackgasse endet wie er begonnen hatte. Von vorne.



Eingereicht am 11. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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