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Kurzgeschichte

Erlebnis mit Herrn Müller

© Sabine Rohm


Loretta wachte durch das fröhliche Zwitschern ihrer beiden Wellensittiche auf und blickte mit ungläubigen Augen auf ihre fünf Wecker, die an den verschiedensten Stellen platziert im Schlafzimmer standen. Jeder Wecker zeigte dieselbe Uhrzeit: 9.14 Uhr.
9.14 Uhr! Sie hatte verschlafen! Sie wollte um fünf Uhr aufgestanden sein, da sie um acht ihre Arbeit präsentieren sollte. Sie fasste in ihren roten Lockenschopf. Sie musste sich noch die Haare waschen! Loretta geriet in Panik. Heute ging es um ihre Zukunft!
Sie sprang aus dem Bett, und stolperte auf dem Weg ins Bad über ihren Pflegegast Herrn Müller. Für ihn hatte sie jetzt wirklich keine Zeit. Sie ließ das Wasser am Waschbecken warm laufen und hielt ihren Kopf unter den Wasserhahn. Loretta wusch sich in Windeseile die Lockenpracht, putzte nebenbei ihre Zähne, wickelte anschließend ein Handtuch um ihre Haare und tastete mit halbverdeckten Augen nach ihrem Föhn. Als sie ihn endlich gefunden hatte, versuchte sie mit nervöser Hand den Stecker in die Dose zu balancieren.
Endlich! Sie schaltete den Föhn ein. Nachdem er jedoch nur ein paar schwache Puster von sich gegeben hatte, ließ ein lautes Knistern schließlich sein Ende ahnen. Loretta schüttelte ihn verzweifelt. Wenn er sie jetzt im Stich ließe, würde sie in ein paar Stunden aussehen wie Pumuckl.
Ein furchterregendes Geräusch in seinem Inneren und glühende, vorher nie beachtete Drähte, vermittelten ihr das endgültige Aus. Das Handtuch rutschte ihr vom Kopf, sie riss den Stecker aus der Steckdose und warf den Föhn auf den Boden.
Hätte sie ihn in der Hand behalten sollen? Vielleicht würde ihr dieser Tag dadurch erspart bleiben? Bruchteile von Sekunden, doch Loretta war ein positiv denkender Mensch und ließ schwermütige Gedanken keine Wurzeln fassen. Es galt zu retten, was zu retten war.
Sie strich, während sie zurück ins Schlafzimmer lief, mit den Händen durch ihre wirr vom Kopf abstehenden Haare, zog ein Kostüm an, schlüpfte in ihre hochhackigen Schuhe, rannte in den Korridor, strauchelte erneut über Herrn Müller, fasste ihre Schlüssel und ihre Tasche. Während sie verzweifelt versuchte, zwei Stufen auf einmal die Treppe herunter zu hechten, hatte sie nur einen Gedanken: Diesen Tag so schnell wie möglich überstehen.
Sie kletterte umständlich in ihr Auto und drehte den Zündschlüssel. Der Motor sprang an. Wenigstens etwas. Sie fuhr los.
Abgehetzt kam Loretta in ihrer Firma an, eilte durch lange Flure zum Konferenzraum, klopfte an und trat mit einem mulmigen Gefühl ein.
Die Gespräche im Raum verstummten.
Sämtliche Kollegen starrten Loretta an. Ihr Chef ergriff als erster die Initiative, indem er in lautes Gelächter ausbrach: "Ha, ha, ha." Er hielt mit den Händen seinen dicken Bauch. Seine vorstehenden Schneidezähne, blitzten auffallend im Schein der durch die halb geöffneten Jalousien hereinfallenden Sonnenstrahlen.
Nachdem er Luft geschöpft, und sich die Lachtränen von seinen Hamsterbacken gewischt hatte keuchte er: "Frau Brommeli, danke, dass Sie die Gnade haben unserer Besprechung beizuwohnen. Aber mal ehrlich, ha, ha, ist Ihr Föhn explodiert?" Er krümmte sich vor Lachen.
Lorettas Gesicht wurde so rot wie ihr Haarschopf und sie erkannte, dass der Zeitpunkt gekommen sein musste, in der sie aussah wie Pumukl. Sie setzte sich kleinlaut auf einen der freien Plätze und kramte umständlich ihre Unterlagen aus der Tasche.
Die Präsentation wurde fortgeführt und es sollten qualvolle Stunden für Loretta werden. Ob sie ihren Job behalten konnte, würde sich erst nach der Auswertung herausstellen. Sie blickte nachdenklich zu ihrem Chef und stellte wieder einmal seine Ähnlichkeit mit einem Nagetier fest.
Mit einem Nagetier!
Loretta sprang auf: "Ich muss unbedingt nach Hause."
Erneut wurde sie von den Anwesenden angestarrt.
"So, so, antwortete ihr Chef. Darf man erfahren, warum so eilig, Frau Brommeli?"
"Ich, ich habe in der Eile vergessen Herrn Müller in den Käfig zu sperren, ich habe vergessen die Türe zum Wohnzimmer zu schließen. Es könnte passieren, dass Herr Müller, Beethoven und Mozart etwas antut."
Verhaltenes Kichern der Kollegen.
"Müssen ja tolle Zustände bei Ihnen zu Hause sein." sagte ihr Chef bedächtig. Diesmal lachte er nicht, sondern zweifelte wahrscheinlich langsam an Lorettas Verstand.
"Wir sind sowieso fast fertig. Und nun ja, wer als letzter kommt, darf bei uns auch als erster gehen, liebe Frau Brommeli."
Loretta packte mit zitternden Händen ihre Unterlagen zusammen, floh aus dem Besprechungsraum, rannte die scheinbar endlosen Flure entlang, stieg in ihr Auto und fuhr nach Hause. Sie hetzte die Treppen hinauf, sperrte ihre Etagentüre auf und eine unheimliche Stille hieß sie willkommen. Sie hatte es geahnt.
"Beethoven, Mozart, geht es euch gut?" Loretta schlich auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer.
Beethoven saß verschüchtert auf dem Wohnzimmerschrank. Ganz dünn hatte sich der Wellensittich gemacht. Der Vogelkäfig auf der Fensterbank war geöffnet. Wo war Mozart?
Mozart, der zweite Wellensittich, konnte nicht fliegen. Auf dem Schrank brauchte Loretta deshalb nicht zu suchen. Plötzlich sah sie ihn.
Halb zerfetzt, lag er tot unter dem Beistelltisch.
Wo war dieser verdammte Herr Müller? Loretta lief wie von Sinnen durch ihre Wohnung. Sie würde ihn umbringen!
In der Küche fand sie ihn zusammengekauert in einer Ecke hockend. Er wusste genau was er verbrochen hatte, schließlich war er eine hochintelligente Hausratte. Nett anzusehen, mit seinem schwarzweißen Fell und seinen süßen Knopfaugen. Loretta hatten diese durchtriebenen Augen von Anfang an skeptisch gemacht, und nur ihrer Freundin zuliebe hatte sie Herrn Müller drei Wochen bei sich aufgenommen.
Loretta war mittlerweile zu müde um wütend werden zu können. Sie nahm das verschüchterte Tier auf den Arm und sperrte es in seinen Käfig. Sie alleine war schuld. Sie hatte ihm, im Strudel ihrer sinnlosen Hektik die Freiheit gelassen, er war auf den Käfig der Wellensittiche gesprungen, das Türchen war aufgesprungen… Nur sie hätte es verhindern können.
Herr Müller gehörte schließlich zu den Lebewesen, die einen in der freien Wildbahn nicht überlebensfähigen Vogel, instinktiv beseitigen mussten.
Loretta ging langsam zurück ins Wohnzimmer, kniete auf dem Boden, hielt Mozart in ihren Händen und weinte. Weinte um ihren Vogel und weinte um einen verlorenen Tag.



Eingereicht am 10. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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