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Kurzgeschichte

Valentinstag 2005

© Anne Chlosta


Was denkst du gerade? Worum kreisen deine Gedanken? Du hast den Blick nach unten gerichtet, ich sehe von deinen Augen nur die langen dunklen Wimpern.
Sie berühren fast deine Wangen. Eine Hand liegt auf dem Tisch zwischen uns, gespreizte Finger. Ich kann die blauen Venen sehen, sie sehen aus wie dicke knotige Stränge. Deine Fingernägel sind ganz sicher nicht geschnitten, wahrscheinlich hast du sie eher abgekaut. Deine Haare sind blond, sie sind in deine Stirn gestrichen ohne sie ganz zu erreichen. Sie sehen aus wie widerspenstige Haare, mit denen du jeden Morgen einen neuen Kampf austragen musst, damit sie liegen wie du es willst. Wie alt wirst du sein? Sicher nicht älter als achtzehn. Uns trennen also nicht mehr als drei Jahre, aber wenn wir uns unterhalten wollten, hätten wir uns wahrscheinlich nichts zu sagen.
Als ich mich hingesetzt habe, hast du konzentriert an etwas geschrieben.
Manchmal hoch geschaut und dann gleich wieder den Kugelschreiber über das Papier wandern lassen. Deine Schrift ist klein für einen Jungen. Oder wärst du beleidigt, wenn ich dich so nennen würde? Deine ganze Haltung strahlt etwas Selbstbewusstes aus, aber das kann auch an der dick gepolsterten Jacke liegen, die wenigstens deinem Umriss ein paar Muskeln mehr verleiht. Jetzt lehnt dein Kopf, in deine linke Hand gestützt, am Fensterglas. Ich höre deinen Atem, hast die Augen geschlossen. Wie würdest du es finden, wenn du wüsstest, dass ich gerade über dich schreibe? Deine Augen sind sehr blau und klar, sie erinnern mich an einen Bergsee bei blauem Himmel ohne Wolken. Ob du mich anschaust während ich schreibe? Mich beobachtest wie ich dich? Ich würde gerne wissen, was du geschrieben hast, gerade eben. Wahrscheinlich einen Schulaufsatz. Jetzt hältst du deine Colaflasche fest als hättest du Angst, sie könnte weglaufen. Ich mag deine Hände. Sie sehen aus wie schöne Hände, harte Haut und weiche Berührungen. Aber dies ist nur meine Einbildung. Jetzt versuchst du, jemand anzurufen, aber es scheint nicht zu gehen. Wir fahren gerade durch ein Funkloch. Auf deiner Stirn steht eine senkrechte Falte, sie sieht gut aus. Du hast keine Falten, deine Haut ist unglaublich glatt. Fällt mir das nur auf, weil ich selber älter bin? Die Falte macht dich älter als du wahrscheinlich bist, aber das weiß ich ja gar nicht. Ich könnte dich um einen Kuli bitten, seit meinem eigenen die Tinte ausgegangen ist, schreibe ich mit einem sehr unleserlichen Bleistift. Aber ich werde nicht mit dir sprechen, das würde die Stimmung zerstören. Du sprichst gerade mit jemand, vermutlich mit deiner Mutter. Du hast sie "Mutti" genannt, mit einem leichten Lispeln in der Stimme. Sie ist noch nicht ganz männlich, nur ein leichter Bass. Ich mag es, wie du "Mutti" gesagt hast. Man hat es hören können, aber das war dir egal. Ob Cindy da sei, willst du wissen. Hörst dich jetzt schon an wie ein alteingesessener Frankfurter. Vielleicht ist dein Vater nicht mehr da. Vielleicht musstest du ihn ersetzen. Du suchst eine Schrankwand, deine jetzige sei zu hässlich. Das ist das Letzte, was ich von dir höre, denn wir sind in Fürstenwalde, Ausstieg rechts.
Mit dem Handy am Ohr bist du an mir vorbeigelaufen, den Rucksack lässig über die Schulter geworfen wie ein Cowboy seinen Sattel. Als ich versuche, dir nachzuschauen, schiebt sich eine aufgeplusterte rosa Daunenjacke ins Bild, in der ein dumm schauendes Mädchen mit Kuhaugen steckt. Dann sehe ich dich wieder, du hast dir gerade eine Zigarette angesteckt. Wenn ich dir auf der Straße begegnen würde, wärst du mir nicht aufgefallen, das weiß ich genau.
Aber ich habe mich auf den Platz dir gegenüber (den Platz, der dir gegenüber
war) gesetzt, deshalb bist du in meinen Gedanken und auf meinem Papier gelandet. Das Kuhmädchen hat ein schwarzes Mäppchen mit einer pinken Blume.
Sie schneidet gerade mit einer Nagelschere die Plastikfolie um eine Valentinskarte auf. Ihr Diddl-Ordner ist auch rosa. Ich frage mich, welche Farbe ihre Unterwäsche hat. Jetzt schreibt sie etwas auf die Karte und mir fällt ein, dass heute der 14. Februar ist. Auf der roten Karte prangt eine verliebte Diddl-Maus, ich sehe sie nur halb. Der Ring, den das Mädchen am Mittelfinger trägt, ist auch rosa. Jetzt klingelt auch ihr Handy. Der Klingelton ist entsetzlich nervig. Es interessiert mich eigentlich nicht, mit wem sie telefoniert. Aber sie lispelt nicht, stattdessen schmatzt sie ein paar Küsschen in das Telefon. Draußen ist alles weiß und ich frage mich, ob du deine Zigarette schon aufgeraucht hast. Ich versuche, mit meinem Lamyfüller zu schreiben, aber die Patrone ist leider so leer wie es geht.
Das Mädchen schreibt mit der blauen Seite ihres Tintenkillers. Neben mir lässt eine Frau ihr Buch fallen. Es fällt mit den Seiten nach oben auf den schmutzigen grauen Boden. Aus den Augenwinkeln sehe ich wie das Weiß der Landschaft vorbeirast. Das Mädchen schreibt jetzt mit einem rosa Stift, sie malt was Schönes auf den roten Briefumschlag. Ihr Rucksack hat Tarnfarben, aber wenigstens die sind nicht rosa. Dein Kuli war cremefarben. Ich frage mich, wie du heißen könntest.
Wir sind inzwischen schon in Erkner, aber es wird wohl noch dauern. Auch der schönste Schnee kann die hässlichen Plattenbauten, an denen meine Augen sich wund starren, nicht schöner werden lassen. Sie wirken immer noch wie Gefängnisse, große Betonklötze hinter schneebedeckten Ästen. Das Kuhmädchen versucht, den Umschlag wieder in die Plastikfolie zu stecken. Sie schafft es nicht, natürlich nicht, wenn man die Dinger erstmal herausgeholt hat, lassen sie sich nicht mehr zurückstecken. Die Folie landet zerknüllt in den Tarnfarben des Rucksacks.
Ob du schon zuhause angekommen bist? So wie es klang, wohnst du nicht zuhause. Vielleicht in einem Wohnheim, wie ich? Aber du wirst kein Student sein. Ich sehe meine Augen im Fensterglas und frage mich, was du über mich gedacht hast. Das rosa Mädchen denkt nicht über mich nach, sie hat mich wahrscheinlich gar nicht richtig gesehen. Gut so. Aber du... es ist seltsam.
Wir werden uns nie wiedersehen, aber du bist jetzt ein Teil von meinem Leben. Ich werde alles abtippen und in meinem Computer abspeichern. Dann wirst du nie wissen, dass irgendwo in Frankfurt eine Geschichte existiert, die von dir handelt. Von dir, wie ich dich gesehen habe, im Zug am Valentinstag 2005.



Eingereicht am 10. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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