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Kurzgeschichte

Straßencafé

© Anne Chlosta


Zwei mit Federn geschmückte Hüte unter einem rot-gelb gestreiften Sonnenschirm. Die rosa Federn beißen sich mit Stoff, der vor den heißen Strahlen schützen soll. Unter den Hüten zwei runzlige Gesichter, deren Alter mit einigen Lagen dezenter Schminke verschleiert wird.
Zwei trotz des Alters noch wache Augenpaare bilden die leuchtenden Mittelpunkte der Gesichter, die unter den weit ausladenden Hutkrempen hervorlugen. Sie blicken nicht in die Welt hinaus, diese Augen beobachten.
Sie sehen die Straße und ihre Menschen nicht, wie sie allen anderen erscheint, vielmehr schauen sie hinter ihre graue Maske, deren seltsam unbestimmt wirkender Asphalt grau zu verschwimmen scheint. Das Bild des Alltages flimmert von Zeit zu Zeit, Umrisse verlieren ihre Schärfe, Kanten werden für einen Moment zu weichen Rundungen. Nichts scheint konstant zu sein an diesem heißen Sommertag.
Zwei Straußenfedern, das letzte Restchen Anstand inmitten des ordinären Treibens. Schmale Lippen, mit einer spärlichen Schicht Lippenstift versehen, nicht geschmückt, eher der dringenden Notwendigkeit entsprungen, den einmal gekauften Lippenstift zu verwenden. Zwei hohe Gläser auf dem weißen Tischchen, in denen Perlen standesgemäßen Sektes wie Regentropfen in einer verdrehten Welt nach oben steigen. Der rot-gelb gestreifte Schirm steht vor einem Straßencafé; eine gute Lage, idealer Beobachtungsposten des Banalen.
Abdruck zweier schmaler Lippenpaare, dezent am Glasrand. Ab und zu vornehmes Nippen.
Da ertönt Lärm auf der rechten Seite, Unfall, zwei aufeinander geprallte Schicksale. Sofort entsteht ein Menschenauflauf, zum Helfen, aber die Meisten zum Schauen. Sie sehen, doch sehen sie nicht wirklich.
Zwei wache Augenpaare flitzen kurz nach rechts, verharren einen Wimpernschlag. Ein komplizenhaftes Lächeln und sie beobachten wieder. Ab und zu vornehmes Nippen. Es ist heiß.



Eingereicht am 10. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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