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Kurzgeschichte

Also eigentlich

© André Linke


Als ich bei meiner Haustür ankam, blieb ich erstmal stehen, senkte den Kopf, schloss meine Augen und atmete tief durch. Ich wusste, mir stand heute Abend die reinste Hölle bevor. Tatsache war, dass ich es ihm heute sagen musste.
Es ging einfach nicht mehr anders. Nun war es zu spät, nun war es passiert.
Niemandem würde es nützen, weiterhin 'Heile Welt' zu spielen. Ich konnte nicht mehr! Und so musste ich da nun durch, um anschließend endlich wieder frei zu sein.
Zerknirscht machte ich noch einen Schritt nach vorne und schloss langsam die Türe auf. Dann schlenderte ich hinein in unser geliebtes Heim - sehr zaghaft. Zerknirscht.
"Mami, Mami!" Zwei kleine Blondschopfe kamen mir entgegengelaufen. Meine 6jährige Tochter und mein 3jähriger Sohnemann. Sie waren der Lichtblick in meinem Leben und ich liebte sie über alles. Ich nahm sie in meine Arme und drückte sie fest an mich. Einen Moment lang verweilte ich so.
Ich lächelte sie an. "Na, meine Lieben?" Mehr wollte mir nicht einfallen.
Sie grinsten zurück und liefen wieder spielendkreischend davon.
Da sah ich ihn auch schon im weißen Türrahmen stehen.
"Hallo Schatz!", begrüßte er mich freudig.
"H-Hallo..."
Es erschreckte mich, als ich registrierte, wie glücklich er mich anschaute.
Er dagegen muss sogleich meinen besorgten Blick bemerkt haben, so dass er wissen wollte, was los sei.
Ich brachte wieder mein aufgesetztes Lächeln hervor, hing in aller Ruhe meine Jacke auf, während ich mich reden hörte. "Mhh, was riecht denn hier so köstlich?"
Schnellst ging ich zu ihm hin und gab ihm erst mal einen kleinen Kuss auf den Mund. Dann schaute ich ihm tief in die Augen und lächelte ihm wieder zu.
All seine Sorge um mich schien wieder vergessen. Ich hatte seine gute Laune wieder herbeigezaubert. Er war glücklich. Sehr glücklich. Glücklich mit mir.
Mit uns.
Nun nahm er mich am Handgelenk und führte mich in die helle Küche. Auf dem Weg dorthin erklärte er mir: "Die Kinder und ich haben heute Spaghetti gekocht."
Ich war selbstverständlich positiv überrascht. "Oh, sag' bloß?"
Meine Tochter hüpfte und klatschte. Dabei lachte sie mich herzhaft und stolz an.
"Ja.", erwiderte mein Mann. "Ich wollte an meinem freien Tag eben etwas Sinnvolles tun."
Ich musste lächeln. Aber diesmal wirklich. Von hinten kam ich an meinen Mann heran, umarmte ihn und küsste seinen Hals. Dann starrte ich auf den vollen Topf auf dem inzwischen abgekühlten Herd. "Das habt ihr aber fein gemacht!"
Ich fühlte mich stolz auf sie alle drei.
Beim Abendessen dann ließ sich wahrhaftig das Bild aus der Miracolì-Werbung wiederfinden: Es befand sich harmonisiertes, wohltuendes Leben am Tisch, wie man es wohl gesagt aus dem Bilderbuche kennt, so dass es immer heißt, es müsse einem Angst machen, aber im wirklichen Leben genoss man es doch einfach nur. So wie wir vier jetzt. Wir alle lachten und hörten und redeten und alberten, sahen und... ja, wir aßen natürlich auch.
Später dann - die Kinder hatte ich bereits ins Bett geleitet - saßen wir zwei Liebenden noch am Tisch und tranken süßlichen, billigen Rotwein. Ich ließ meinen Mann wissen, dass das heute ein sehr schöner Abend war.
Plötzlich lehnte er sich vor und fragte im ernsten Ton: "Also, Schatz, was ist los mit dir? Was bedrückt dich, hm?" Er nahm meine eine Hand und streichelte sie.
"Ähh.." Ich musste mich sammeln. Noch immer fühlte ich mich nicht bereit dazu, es ihm zu sagen. Nun musste ich überlegen, was ich ihm sagen würde. Ob ich ihm die Wahrheit sagen würde. Jetzt. Und wenn ja, dann wie? Trotz allem wusste ich, dass ich immer noch fest dazu entschlossen war, es durchzuziehen. Es musste sein, ging nicht anders. Nicht mehr.
Unsicher sah ich auf den Tisch und stotterte irgendwelche geräuscheähnliche Worte vor mich hin. Erwartungsvoll und erneut voller Sorge blickte er mich an. Er hielt noch immer meine eine Hand.
"Nun, ich... Weißt du, Liebster..."
Er nickte sanft. "Ja?"
"Ich..."
Dann schnaufte ich. Ich konnte es ihm einfach nicht sagen. Obwohl ich wusste, dass ich keine andere Wahl hatte, wenn ich frei sein wollte. Nach all den Jahren endlich wieder frei. Es fiel mir einfach zu schwer. Ich wollte es, musste es, jedoch brachte ich es nicht übers Herz, es ihm gegenüber ins Rollen zu bringen. Verzweifelt seufzte ich und schaute dabei verträumt zum gebrauchten Kochtopf herüber.
Mein Mann brachte Verständnis für mein Schweigen auf. "Wenn du es mir nicht sagen kannst, dann musst du nicht."
Überrascht schaute ich auf. Man konnte ihm ansehen, dass es ihn wahrlich interessiert hätte. Ja, natürlich hätte es das!
Nun ließ er meine Hand los und lehnte sich weit zurück. Sein Gesicht verfinsterte sich. "Auch ich habe etwas zu verkünden."
Ich war verdutzt. Ein wenig unsicher. Überaus gespannt.
"Ja, Schatz?", fragte ich nach.
Er zögerte nicht lange, blickte mich an - tief und direkt. "Ich will mich von dir scheiden lassen. Ehrlich gesagt kotzt mich das alles hier dermaßen an, das glaubst du gar nicht."
Schweigen. Entsetzen.
Am nächsten Morgen brachte ich mich in unserem Badezimmer um.



Eingereicht am 06. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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