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Kurzgeschichte

Innere Tötungen

© Elisabeth


"Frau Anders, nun stellen Sie sich nicht so an" raunzte der Chefredakteur der kleinen Provinzausgabe einer großen Tageszeitung seine junge Mitarbeiterin an." Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht, und jetzt wird wirklich mal ein anständiger Mordprozess in der nahen Großstadt verhandelt und sie wollen nicht zum Gerichtstermin", moserte er weiter. "Ja, ja, ich weiß", erstickte er einen Einwand von Frau Anders im Keim, "im Mantel, dem überregionalen Teil unserer Zeitung, kommt ein großer Bericht. Ich weiß. Aber Frau Anders, hier wohnte die Mörderin! Hier in unserer Kleinstadt! Mensch", rief er enthusiatisch aus, "das ist doch toll. Sie müssen einfach hin. Sehen Sie zu, dass daraus ein toller Aufreißer für unsere Regionalseite wird", warf er ihr noch an den Kopf, bevor er aus dem Büro stürmte.
Frau Anders ließ er mit einem unguten Gefühl zurück. Sie wollte sich diesen Blick in menschliche Abgründe nicht antun. Zu viel hatte sie schon darüber im Fernsehen gesehen. Die aufreißerischen Berichte der Boulevardblätter waren ihr noch gut in Erinnerung. Zu gut, als dass sie gerne diesen Auftrag erledigt hätte. Aber was blieb ihr übrig?
Nachdenklich blieb sie an ihrem Schreibtisch sitzen und rief sich wieder die schrecklichen Ereignisse des 25. Mai ins Gedächtnis. Der Polizeibericht sagte aus, dass kurz vor 21 Uhr ein Notruf einging. Er kam aus dem Neubaugebiet, wo viele Zugezogene wohnten, die in der Großstadt nicht mehr leben wollten und gerne die günstigen Bauplätze am Rand der kleinen Stadt kauften. So auch das Ehepaar Wagner. Nach außen ganz unauffällig. Herr Wagner, groß schlank, die grauen Augen hinter einer Designerbrille, war der Inbegriff eines smarten Geschäftsmannes mittleren Alters. Seine bildhübsche junge Frau, wohl einige Jahre jünger als er, war eine nette, wenn auch zurückhaltende Nachbarin, so äußerten sich die Anwohner des Neubauviertels. Nichts war auffällig. Das Haus war gepflegt. Die beiden Autos teuer. Die vielen Besucher, die meist abends in teuren Limousinen vorfuhren, grüßten freundlich, wenn zufällig Nachbarn vorbeikamen. Es war ganz klar, dass dieses Ehepaar für Aufsehen sorgte. Wenn auch nur hinter den blütenweißen Gardinen der einzelnen Häuser. Dort wurde getuschelt und gerätselt. Da es aber keinen Anlass für nachbarschaftlichen Unmut gab, hielt man sich zurück und beäugte alles Geschehen des villenähnlichen Hauses nur aus den Augenwinkeln.
Keiner ahnte auch nur, dass es im schalldichten luxuriös ausgebauten Keller eine grausame Wahrheit unter der Wirklichkeit gab. Drei junge Frauen fristeten seit einigen Monaten ihr Dasein unter unvorstellbaren Qualen." Ihr habt doch alles, was man braucht und allen Luxus dazu", sagte ihnen Herr Wagner kaltlächelnd wenn sie ihrer Verzweiflung Luft machten." Und jetzt reißt Euch zusammen, sonst gibt es wieder ein schönes Bad im Eiswasser, oder ist den Damen ein Tag in der Kiste lieber"?, damit ließ er ungerührt die Verzweifelten zurück. Nein, geschlagen werden die Sü0en nicht, sagte er sich selbstzufrieden. Das verdirbt nur das Geschäft. Er hatte andere Methoden. Ja, die große dunkle Kiste, in die er eine der Drei manchmal einsperrte, wenn sie nicht gespurt hatte, war ein genialer Einfall, befand er. Ohne jede Gefühlsregung, kalt bis ins Innerste, tat er mit den Frauen was ihm beliebte. Menschliche Züge waren nur äußerlich bei ihm zu erkennen. Nichts konnte ihn rühren. Nicht die bedauernswerten Mädchen, die er nach und nach in Diskotheken charmant angeflirtet hatte und ihnen im Laufe des Abends Ko-Tropfen verabreicht hatte. Nicht seine eigene Frau, die ihm völlig ergeben war und litt wie ein Tier, wenn er mal wieder selbst Lust auf eine der kleinen Weiber hatte, wie er dann sarkastisch sagte. Aber Vorrang hatten natürlich immer die reichen Säcke, die ganz angetan von seinem Service waren, den er ihnen bot. Sein Schweizer Konto konnte sich inzwischen sehen lassen, ging ihm durch den Sinn. Ha, war das Leben schön. Nur die armseligen kleinen Arschlöcher, die jeden Tag in die Fabrik oder ins Büro rennen für ein paar Euro, die regen sich auf. Schreien nach Moral. Nach Anstand, Ethik und all dem Scheiß. Kopfschüttelnd zündete er sich eine dicke Havanna und pfiff nach seiner Frau. "Los Schatz, bring mir einen schönen Drink und massiere mir die Füße, oder nein, mach es mal wieder, wie ich es gerne habe", grinste er sie diabolisch an. "Aber erst den Drink", wehrte er ab, als sie seine Forderung erfüllen wollte. Leise, wie ein Schatten tat sie, was er verlangte. Für jede Aufmerksamt von ihm war sie dankbar. Sie hatte schon lange keinen eigenen Willen mehr. Sie lebte am Leben vorbei. Nur er erfüllte ihr ganzes Denken und Dasein.
Während er völlig entspannt im Sessel saß, rauchte und sich verwöhnen ließ, klingelte sein Handy." Geschäft ist Geschäft, Kleines. Los hol das Telefon", befahl er ihr. Sie kam zurück und reichte es ihm. Nach einigen Höflichkeitsfloskeln mit dem unbekannten Anrufer, zog ein breites Lächeln über das Gesicht von Herrn Wagner." Ja, sicher. ja gerne" antwortete er auf eine ihm gestellte Frage," bis bald. Ciao" und damit legte er auf. Plötzlich wurde er wieder geschäftig. Seine Hose hochziehend, befahl er seiner Frau, für Sekt und Häppchen zu sorgen." Ein richtiger Bonze kommt jetzt gleich, meine Taube, beeile Dich", trieb er sie an. Er schlüpfte in sein Designersakko, sah nach, dass alle Rollos geschlossen waren und schon klingelte es auch. Seine Frau ging wie immer zu Tür, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Mal waren es mehrere, mal nur ein Mann.
Heute war es ein schon auf den ersten Blick unangenehmer Zeitgenosse. Der stechende taxierende Blick verursachte ihr sofort Unbehagen. Aber zuvorkommend begrüßte sie ihn und bat ihn in die Wohnhalle. Der Ankömmling trug einen teuren Anzug. Dieser konnte aber seinen schwammigen Körper und sein feistes Gesicht, auf dem ein widerliches Lächeln war, nicht wirklich in ein besseres Licht rücken.
Inzwischen war auch Herr Wagner hinzugekommen, begrüßte den Fremden überschwänglich und wollte ihn gleich in den Keller lotsen.
Aber der hatte nur Augen für Frau Wagner. " Ich habe meine Wahl schon getroffen, Wagner. Die da will ich", deutete er mit seinen Wurstfingern
auf Frau Wagner. Diese wurde leichenblass und tat unwillkürlich einige Schritte zurück. Wohl war ihr das Elend der drei jungen Frauen bekannt,
schließlich brachte sie ihnen die Lebensmittil und Getränke, aber jeden anderen Gedanken an den Keller und seine Bewohnerinnen verbannte sie aus ihrem Denken. Auch stand bisher niemals zur Debatte, dass sie selbst einem der Gäste zu Willen sein sollte. Niemals würde das geschehen, hatte ihr Mann versprochen. "Alles was ich tue, geschieht doch nur für uns mein Kleines", hatte er ihr anfangs beschwörend ins
Ohr geflüstert." Wenn wir genug Geld haben, hauen wir ab und machen uns ein schönes Leben. Nur Du und ich". Voller Hoffnung darauf und ihren Mann für sich zu haben, fügte sie sich dieser bizarren Situation.
Jetzt, in diesem Augenblick drohte ihr Leben wie ein Kartenhaus zusammenzubrechen. Sie fühlte, wie eine lähmende Kälte in ihr hochstieg.
Unfähig, irgendeine Regung von sich zu geben, ertrug sie den feisten, keuchenden Mann, der gleich über sie hergefallen war. Ihr hilfesuchender Blick zu ihrem Mann ging ins Leere. Er hatte sich achselzuckend abgewandt und war hinaus gegangen, nicht ohne ihr vorher aufzutragen, dass
sie ihre Sache gut machen soll. Einer leblosen Puppe gleich ließ sie alles geschehen, bis der Widerling sich protestierend von ihr abwandte.
Wütend rief er nach Wagner und machte seinem Ärger über den schlechten Service Luft, während er einige große Geldscheine auf die immer noch bewegungslose Frau Wagner warf. Danach stampfte er empört aus dem Haus.
Dort war Wagner inzwischen maßlos wütend. Voller Zorn riß er seine Frau an den Haaren hoch, schleifte sie durch das Haus in den Keller, stieß sie schimpfend die Treppe hinunter, nannte sie eine nutzlose Schlampe und knallte die Tür zu.
Von den Geräuschen angstvoll alarmiert kamen sie drei bedauernswerten Mädchen aus ihren Zimmern und fanden Frau Wagner am Boden liegend, nackt, zerzaust, aber ohne Tränen. Stumm einander verstehend in ihrer gemeinsamen Not, sahen sie einander an, bis eine der Drei sich darauf besann, der neuen Mitleidenden zu helfen. Mit immer noch abwesendem Blick zog Frau Wagner den Kimono an, den ihr eines der Mädchen reichte. Ihre Bewegungen waren die eines Roboters, während sie mit tonloser Stimme darum bat, ihr zu helfen. Gemeinsam versuchten sie einen Barschrank auf die Seite zu rücken, was ihnen erst nach einigen Anläufen gelang. Alles geschah ohne Worte. Hinter dem Schrank war eine kleine Tür eingelassen. "Das ist unser geheimer Fluchtweg, wenn mal was schiefgeht", erklärte ihr beim Einzug ihr Mann voller Stolz. Er hatte an alles gedacht. Nur nicht daran, dass die große Liebe einer Frau in tausendmal größeren Hass umschlagen kann. Ohne jede Regung öffnete sie die Tür. Eine Treppe führte hoch zur Garage. Die Mädchen folgten ihr, erfüllt von der Hoffnung auf ihre Freiheit. Wie in Trance stieg Frau Wagner in den schweren Wagen, die Mädchen huschten in Windeseile auf die Rücksitze. Plötzlich wurde die Tür, die vom Haus direkt in die Garage führte, aufgerissen und Herr Wagner stand perplex vor dem Kühler. Bevor er auch nur einen Ton sagen konnte, ließ Frau Wagner, den Wagen, den sie schon gestartet hatte, mit aufheulendem Motor auf ihrem Mann los. Er wurde mit seinem Unterkörper regelrecht zermalmt. Sein Aufschrei war markerschütternd. Die Mädchen schrieen hysterisch. Nur Frau Wagner stieg seelenruhig aus, nahm das Radkreuz neben sich von der Wand, ging weiter in stoischer Ruhe zu dem schreienden Mann und stieß ihm mit ungeahnter Wucht das Metall in das Gesicht, in die Augen, in den Mund, immer und immer wieder. Längst gab der Sterbende keinen Laut mehr von sich. Längst war sein Gesicht nur noch eine blutende Masse, aber monoton stieß sie weiter. Die Mädchen kreischten völlig aufgelöst um Hilfe und trommelten gegen die Garagentür, bis die Polizei sie erlöste. Frau Wagner wurde in Handschellen abgeführt, was sie immer noch reglos geschehen ließ. Der Arzt konnte nur noch den Tod von Herrn Wagner feststellen.
Nun sollte also der Prozess gegen die Mörderin gemacht werden, kam Frau Anders wieder aus ihren Überlegungen. Die Justiz hatte leichtes Spiel. Sie musste die Mörderin nicht überführen. Alles war klar. Sie war schuldig. Sie muss bestraft werden. Dass der wahre Schuldige tot war, interessierte nicht. Die Richter dürfen wohl nicht nach einem Warum fragen. Sie müssen Recht sprechen.
Aber die Statue der Gerechtigkeit trägt ein Tuch vor ihren Augen.
Vielleicht, so dachte Frau Anders, konnte sie mit ihrem Artikel ein wenig Verständnis und Erbarmen bei den Lesern wecken, wenn sichtbar wurde, dass die Mörderin schon jahrelange innerliche Tötungen erlitten hatte.



Eingereicht am 02. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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