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Kurzgeschichte

Ella und Fritz

© Elisabeth


Der Tag neigte sich dem Ende zu. Ein lauer sanfter Sommerwind blähte die Gardinen leicht auf, aber Ella störte das nicht. Sie gab sich ganz ihren kummervollen Gedanken hin. Ihre ernsten dunklen Augen sahen in weite Ferne, während sie in ihrem Korbstuhl auf der Terrasse saß.
Den betörenden Duft von Rosen und Lavendel, die Fritz für sie dort gepflanzt hatte, nahm sie jetzt nur am Rande wahr. Der Kummer, der seit einiger Zeit ihr sonst so ansteckendes Lachen erstickte, war zu groß. Was war nur mit Fritz geschehen, fragte sie sich verzweifelt. Immer und immer wieder kreisten diese Gedanken in ihrem Kopf. Seit vierzig Jahren waren sie verheiratet und nicht einen Tag hätte sie missen wollen. Fritz und sie hatten eigentlich nie große Sorgen gehabt. Die Rollenverteilung war klar geregelt, als das erste Kind geboren wurde. Ella wollte ihr Wunschkind selbst versorgen und war glücklich, wenn Fritz abends von der Arbeit nach Hause kam. Er vergaß nie, ihre Kochkünste zu loben und machte ihr auch noch Komplimente über ihr Aussehen, als längst die Spuren des Lebens ihr Gesicht geprägt hatten.
Die Erinnerung an all die schönen Jahre trieben ihr die Tränen der Verzweiflung in die Augen und sie konnte sich nicht aus dem Gefängnis ihrer traurigen Gefühle befreien.
Kurz dachte sie an Stefan, ihren Sohn, der in der Geborgenheit eines guten Elternhauses aufgewachsen war. Um ihn musste sie sich keine Sorgen machen. Sein Leben verlief in genau denselben ruhigen Bahnen, wie das seiner Eltern, beruhigte sich Ella kurz. Bis jetzt! fuhr es ihr wieder durch den Sinn. Bis vor vier Wochen. Seitdem war alles anders.
Ganz sicher hing es damit zusammen, dass Fritz, der in allen Ehren pensioniert worden war, sich vollkommen verändert hatte.
Wie sehr hatten sie sich auf diese Zeit gefreut, erinnerte sie sich. Wie viele Pläne hatten sie. Verreisen wollten sie wann immer sie Lust dazu hätten. Ihre Freiheit genießen. Und dann seine unverständliche Wandlung. Früher ging nie aus dem Haus, ohne seiner Ella zu sagen, was er vorhatte. Nie hatte er Heimlichkeiten vor ihr, durchzuckte es sie schmerzhaft. Seit vier Wochen jedoch ging er fast täglich gut gelaunt, seiner Ella einen Kuss auf die Wange drückend, weg. Fragen ging er aus dem Weg. Erst war Ella beleidigt und fragte auch nicht mehr. Dazu war sie zu stolz. Aber je länger die Zeit der Ungewissheit andauerte, umso mehr wurde ihr bewusst, dass sie diese Situation nicht länger ertragen konnte. Ihr war klar, dass Fritz nichts von ihrem Kummer wusste. Zu sehr war sie schon immer bemüht, keine nörgelnde Ehefrau zu sein, wie so viele ihrer Altersgenossinnen. Zwar kannte er sie gut genug, um zu spüren, dass etwas nicht in Ordnung war, aber da sie seinen Fragen geschickt auswich und ihm gegenüber gleichbleibend freundlich war, gab er sich damit zufrieden. Wahrscheinlich nur, weil er genug mit sich selbst zu tun hatte, dachte sie tieftraurig.
Ein Motorengeräusch riss sie aus ihrer Melancholie. Ungläubig erkannte sie erst ein Ungetüm von Wohnwagen, bevor sie durch die Hecken das niedrigere Auto erkennen konnte. Ihr Herz fing unwillkürlich schneller zu klopfen an, als das für eine ruhige Dorfstrasse ungewöhnliche Gefährt anhielt und sie ihr Auto erkannte. Im selben Moment entstieg ihm ihr Fritz fröhlich lachend, während er voller Elan auf seine Ella zulief. Stocksteif stand sie in ihrem Garten. Ihre Augen spiegelten ihre Sprachlosigkeit wider. Fritz umarmte sie stürmisch und zog sie mit zurück auf die Strasse. Seine warme, jetzt aber vor Freude jubelnde Stimme ließ Ellas Traurigkeit reiner Glückseligkeit weichen, als sie ihn erzählen hörte, dass er ihr jetzt, wo sie doch Rentner sind, eine eigene Finca schenken wolle, eine auf vier Rädern. Die letzten Wochen sei er auch brav zu einem Fahrsicherheitstraining gewesen, damit er sie beide sicher an alle Orte bringen kann wohin sie wollen, so, wie es immer ihr Traum war.



Eingereicht am 01. April 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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