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Kurzgeschichte

Hühnerkoch

© Margit Schaafberg


"Auf Wiedersehen, Frau Müller, und denken sie daran, nichts essen, bevor die Betäubung ganz raus ist. Frau Lenz soll ihnen gleich noch einen Termin geben."
Aufatmend komplimentierte Michael Plitz die letzte Patientin zur Tür hinaus. Endlich Feierabend. Oder doch nicht? An der Anmeldung stand ein Mann, der ihm vage bekannt vorkam. Jetzt drehte er sich um und sah den Zahnarzt an. Von irgendwoher beschlich Michael ein ungutes Gefühl.
"Herr Doktor, der Herr kommt von Dr. Rentz in Vertretung. Er hat starke Schmerzen, ob wir ihn nicht vielleicht noch drannehmen könnten?"
Seufzend hielt Michael dem Mann die Tür auf.
"Dann wollen wir mal sehen. Frau Lenz, haben sie die Karteikarte?"
Ein Blick reichte, und Michael wusste Bescheid. Hühnerkoch, diesen Namen gab es sicher kein zweites Mal in der Stadt. Das kleine, fiese Gesicht, die stechenden Augen, der verkniffene Mund. Das Schicksal hatte ihm seinen alten Sportlehrer auf den Behandlungsstuhl geschickt.
Michael versteckte ein boshaftes Lächeln hinter seinem Mundschutz.
"Plitz, noch ne Runde um den Platz. Ein bisschen Bewegung tut ihnen nur gut. Plitz, nun hängen sie nicht am Reck wie ein nasser Sack.
Plitz, wenn sie nicht endlich aufwachen, wird nie etwas aus ihnen."
Nun, in der Beziehung hatte Hühnerkoch sich geirrt, selbst die Fünf, die er Michael in der Dreizehnten im Sport verpasst hatte und ihm den Numerus Clausus versaut hatte, hatte daran nichts ändern können.
Ausgleichende Gerechtigkeit nannte man das.
"Dann wollen wir uns das einmal ansehen. Wo tut es denn weh?"
Michael zückte Spiegel und Untersuchungsinstrument. Die Frage war eigentlich überflüssig gewesen. In Hühnerkochs linken unteren Backenzahn klaffte ein beachtliches Loch. Also fing Michael in der rechten oberen Ecke an, alle Zähne einzeln zu untersuchen.
"Oh weh, das sieht aber gar nicht gut aus."
Mit den Instrumenten im Mund brachte Hühnerkoch nur ein unverständliches Murmeln zustande.
"Hat Dr. Rentz ihnen denn nicht gesagt, dass da dringend eine Wurzelbehandlung fällig ist? Diese drei Zähne halten sonst kein Jahr mehr."
Mit mitleidigem Lächeln schüttelte Michael den Kopf. Inzwischen hatte Frau Lenz das Behandlungszimmer betreten.
"Brauchen sie mich noch, Herr Doktor?"
"Nein, nein, ich komme schon alleine zurecht. Gehen sie nur, sie verpassen ja sonst ihren Zug."
Geschäftig stocherte Michael weiter in der einen oder anderen parodontösen Stelle, während draußen die Praxistür hinter Frau Lenz ins Schloss fiel.
"Und dieser Zahn lässt sich fürchte ich nicht mehr retten. Den werde ich wohl ziehen müssen."
Im Geiste sah Michael den völlig intakten Vorderzahn bereits an der Zange baumeln. Genüsslich leckte er sich die Lippen. Endlich hatte er die eigentliche Wurzel des Übels erreicht. Ein tiefes Loch. Genau so tief wie das, in dem er vor vielen Jahren in jeder Sportstunde am liebsten versunken wäre. Das musste er sich genauer ansehen.
Hühnerkoch stöhnte und jammerte, so gut es ihm eben möglich war.
"Ich weiß, ich weiß. Das tut weh, aber ich muss doch sehen, was wir da haben. Na gut, damit werden wir für heute einmal anfangen. Hatschi, Verzeihung. Hoffentlich passiert mir das nicht beim Bohren, dabei kann man leicht abrutschen!"
Niesen hatte er schon immer auf Kommando können. Aber daran würde sich Hühnerkoch nach all den Jahren sicher nicht mehr erinnern. Mit der linken Hand immer noch den Mund des Patienten aufhaltend tastete er nach dem Sauger. Der würde das Großmaul erst einmal ruhigstellen.
Voller Befriedigung sah er die Panik in Hühnerkochs Augen. Ob ihm wohl langsam etwas dämmerte? An seinen Namen würde er sich sicher nicht mehr erinnern nach all den Jahren. Aber wäre es denn nicht nur logisch, wenn sich gewisse Lehrer für den Rest ihres Lebens vor eben dieser Situation fürchteten?
Michael zückte den Bohrer und ließ ihn probehalber einmal aufheulen.
Die Maske verbarg zwar sein glückliches Lächeln, aber den irren Hass in seinen Augen konnte sie nicht überdecken. Panisch begann Hühnerkoch im Behandlungsstuhl zu zappeln. Sein Atem ging stoßweise, seine Augen waren verdreht, er schien kurz vor einem Kollaps zu stehen.
In diesem Moment war der Spaß vorbei. Niemand war es wert, wegen ihm die Zulassung als Zahnarzt zu verlieren, nicht einmal dieses Schwein.
"Ist ja gut, Herr Hühnerkoch, vielleicht sollte ich ihnen doch lieber erst mal eine Spritze geben, das könnte ganz schön wehtun."
Beruhigend tätschelte Michael die Hand des Patienten. "Regen sie sich nicht auf, ich bin auch ganz vorsichtig. Und wegen der anderen Sachen können sie ja wieder zu Doktor Rentz gehen."
Eine Viertelstunde später geleitete Michael Hühnerkoch aus der Praxis.
Mit freundlichem Lächeln schüttelte er ihm die Hand. Den würde er mit Sicherheit nicht noch einmal wieder sehen, schon gar nicht in seiner Praxis. Aber schön war es gewesen, genau die richtige Einstimmung auf das Wochenende.



Eingereicht am 31. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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