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Kurzgeschichte

Das Wasser, das stoppte

© Freigeist


Madeleine saß an einem Bach, einem kleinen, mit ruhigen Bewegungen dahinfließenden Gewässer. Der Himmel war heute an diesem Tage blau. Ein leiser Wind bewegte die Halme auf der Wiese. Es versprach ein schöner Tag zu werden. Morgentau lag an diesem Sommertag auf der frisch anmutenden Wiese. Madeleine sah vor sich hin, dachte an sich und dachte an die Welt um sie herum. Ihr kleiner Hund tollte ein Stück weit entfernt, spielte Fangen mit einer dicken Hornisse, die er verjagen wollte ... oder aber auch umgekehrt.
Ein schön anmutender Tag, der so in dieser Art und Weise niemals enden sollte, ja, so wünschte es sich Madeleine.
Sie zog ihre Strümpfe aus und streckte die Beine aus, um ein wenig mit den Zehen im kühlen Nass zu baden, zu fühlen, wie es sich anmutete. Nachdem sie die Strümpfe ausgezogen hatte und den Zeh ein, zwei Zentimeter weit ins kühle Wasser steckte, wurde ihr sofort die Kühle bewußt, die sie spontan dadurch aufnahm. Sie zog ihre Strümpfe wieder an und schaute zum Himmel, der nun ein kleines Wölkchen um die Sonne kreisen ließ. Ein paar Vögel flogen vorbei, es waren lebensfrohe Geschöpfe, die sich dem Leben mit Begeisterung stellten. Madeleine genoss diesen Augenblick, der zu den Momenten zählte, denen man mit Tiefewidmen sollte, das wußte sie. Das Wasser plätscherte, als wolle es mit Madeleine ein paar Worte sprechen, sie aufmuntern mit ihm ein Gespräch zu beginnen. Worte, die niemand verstehen würde, Worte, die jedoch auch unausgesprochen im Raum stehen bleiben würden.
Sie hörte weiter und genauer hin, was das Plätschern ihr sagen wollte. Das Wasser war klar und rein und es schien die Gleichmäßigkeit des fortschreitenden Lebens aussagen zu wollen, wie es Madeleine schien. Ihr kleiner Hund, der Nano hieß, kam angesprungen, er hielt ein kleines Stöckchen in seinem Maul, stupste Madeleine an, damit sie mit ihm ein kleines Spiel machen sollte. Madeleine war von der Unterhaltung des Wassers aufgeschreckt und widmete sich spontan ihrem kleinen Vierbeiner, der das Leben aus voller Kraft genoss.
Sie warf das Stöckchen, das Nano ihr so auffordernd vor die Füße legte, stand auf und warf es ein großes Stück und in hohem Bogen weit weg, so dass Nano mit Begeisterung und freudigem Bellen dem Spielzeug hinterher jagte. Der Wind wehte erneut durch ihr Haar, das Wasser im Bach floß gemächlich mit leisem Geplaudere seinen Weg hinab, den es wohl schon seit Jahrhunderten nahm. Eine wohltuende Ruhe umfasste Madeleine, die das Spiel mit ihrem Nano jetzt mehr und intensiver betrieb. Stöckchen werfen, das Nano meist auch fand und ihr zurückbrachte, vor die Füße legte und sie es in laufender Folge auch wieder ein Stück weiter weg beförderte, mit einem starkem Schwung ihrer Arme.
Neben dem Bach stand eine Gruppe von Bäumen, Büschen sowie auch weiteren Gewächsen, wie die Natur sie zu schaffen vermag. Die leichte Brise, die noch immer um Madeleines Gesicht wehte, hatte seine Richtung nicht verändert und behielt den Gleichklang bei. Nano spielte mit seinem Stöckchen, das Madeleine in Folge warf, wieder und immer wieder. Weiter plätscherte auch der Bach. Die Sonne schien von einem strahlend blauen Himmel und eine Atmosphäre unbeschreiblicher Ruhe und Wohltat umgab Madeleine. Sie wünschte sich, es möge ewig so bleiben.
Ein Knacken und Krachen weckte sie aus ihrem Gefühl der Einheit mit der Natur und sich selbst, Nano und dem Rauschen des Baches. Der große Baum neben dem Bach, der so selbstsicher und majestätisch sein Dasein behauptete, neigte sich mit einem gewaltigen Geräusch von Empörung der Erde zu. Er fiel ins Wasser. Seine Wurzeln ragten nun zum Himmel. Die Einheit von Natur, die Atmosphäre der Ruhe und Beschaulichkeit hatte sich zu einem Donnergrollen entwickelt. Madeleine sprang sofort auf, erschrocken, die rechte Hand auf den Mund gepresst, die Augen weit aufgerissen, sah sie zu, wie der Bach die Reste des in die Ewigkeit strebenden Baumes aufnahm. Sein Wasser war nun nicht mehr rein und klar. Das sanfte Dahinplätschern war einem braunen Fluss gewichen, der durch die Schwere, wie auch die gewaltige Masse des Baumes seiner Ruhe beraubt wurde. Ein Stoppen war eingetreten, ein Stillstand im Gleichmaß des fortlaufenden Lebensflusses.
Madeleine nahm Nano nun an die Leine und sie gingen schnellen Schritten von diesem Ort der anfänglichen Ruhe und Entspannung weg. Das Wasser stoppte, das Leben aber ging trotzdem weiter.



Eingereicht am 31. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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