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Kurzgeschichte

Wie die Zeitfresser ihre Macht verloren

© Esther Wäcken


Sicher habt ihr ihre Bekanntschaft auch schon gemacht, die Bekanntschaft mit den Zeitfressern. Sie sind bösartige Dämonen, die davon leben, den Menschen die Zeit zu stehlen, sie buchstäblich aufzufressen. Wie oft geht es uns so, dass wir eine wichtige Arbeit dringend noch fertig kriegen müssen. Aber ehe wir's uns versehen ist die Zeit um und wir sind eben noch nicht fertig geworden. Oder wir müssen dringend noch den Bus oder Zug erwischen, aber in letzter Minute fährt er uns vor der Nase weg. Wir müssen einen wichtigen Termin einhalten und stellen plötzlich fest, verdammt, wir sind viel zu spät dran. Dies alles ist das Werk der Zeitfresser, die uns nicht mal in der schönsten Zeit des Jahres, im Urlaub, verschonen. Kaum sind wir am Urlaubsort eingetroffen, da müssen wir auch schon wieder die Koffer packen und nach Hause fahren ohne dass wir die Muße hatten, uns richtig zu erholen, all das zu tun und zu erleben, was wir im Urlaub eigentlich geplant hatten. Sie rauben uns selbst den erholsamen Schlaf, indem sie von der Nacht so viel stehlen, dass unsere Wecker lange vor der Zeit klingeln. Die gierigen Zeitfresser beißen sich immer wieder mehr oder weniger große Stücke von unserer Zeit ab. Manche begnügen sich mit wenigen Sekunden, andere fressen ganze Jahre unserer Zeit hinweg. Es gibt sogar welche unter ihnen, die so tödlich boshaft sind, dass sie einem Menschen in Lebensgefahr die wenigen Sekunden wegfressen, die zu seiner Rettung eben noch gefehlt hätten. Somit sind sie für so manchen vorzeitigen Tod verantwortlich und sicher für unzählige Herzinfarkte die den gehetzten, rastlosen Menschen ereilen.
Genau so spielte es sich auch in Relaxia ab, einer weit entfernten Welt. Die Menschen dort lebten glücklich und gemächlich vor sich hin, bis sich die Zeitfresser bei ihnen einnisteten. Seitdem hetzten die Menschen in Relaxia freudlos durchs Leben. Sie waren ständig unausgeschlafen, gereizt, abgeschlafft, sogar krank, weil sie eben für nichts und niemanden mehr wirklich Zeit hatten. Selbst die Kinder waren schon betroffen. Ihnen blieb keine Zeit mehr für fröhliches, entspanntes Spiel. Sicher wäre alles noch viel schlimmer gekommen, hätte es nicht in Relaxia einen weisen, gelehrten Mann gegeben, Professor Zeitheimer. Der Professor war eine Koryphäe auf dem Gebiet der Zeitforschung, hatte es sich zur Lebensaufgabe gemacht, den Menschen die gestohlene Zeit zurück zu geben. Unermüdlich forschte und experimentierte er, was natürlich sehr viel Zeit beanspruchte. Professor Zeitheimer blieb hartnäckig, gab niemals auf, nahm sich immer und immer wieder die Zeit, die er für seine Forschungen benötigte. Somit war er der erbitterte Feind der Zeitfresser. Und schließlich hatte er Erfolg. Professor Zeitheimer baute eine wundersame Uhr, die jede Manipulation, die die Zeitfresser an der Zeit vornahmen, sofort registrierte, selbst den kleinsten Sekundenbruchteil. Und diese wundersame Uhr war so mächtig, dass sie sämtliche Uhren in Relaxia beeinflussen konnte. Stets drehte die Zeit um genau so viel zurück, wie die Zeitfresser weggenommen hatten, bevor die Menschen überhaupt bemerkten, dass ihnen die Zeit abhanden gekommen war.
Von diesem Moment an waren die Menschen in Relaxia wieder friedlich und ausgeglichen. Jeder schaffte seine Arbeit, ganz ohne sich abzuhetzen. Niemand kam mehr zu spät. Die Menschen verbrachten viel mehr Zeit als je zuvor mit ihren Familien und Freunden, widmeten sich lange vernachlässigten Hobbys. Ja, es gab sogar kaum noch Unfälle, weil den Menschen genug Zeit blieb, eine Gefahr rechtzeitig zu erkennen und richtig darauf zu reagieren. Man kann also sagen, das Leben in Relaxia war wieder völlig in Ordnung.
Die Zeitfresser ärgerten sich gewaltig, dass sie nun immer und immer wieder leer ausgingen. Wieder und wieder versuchten sie gierig, immer größere Stücke der Zeit auf einmal wegzufressen. Sie verschlangen Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte auf einmal. Allein, es nützte ihnen gar nichts, da Professor Zeitheimers Uhr alles sofort wieder ins richtige Zeitgeschehen brachte. So waren die Zeitfresser gezwungen, sich einen neuen Lebensraum zu suchen. Und, ihr ahnt es sicher schon, jetzt haben sie sich bei uns in unserer Welt angesiedelt. Jetzt sind wir es, die rastlos durchs Leben hetzen. Wir verpassen nicht nur wichtige Termine, den Zug oder den Bus, sondern ganze, entscheidende Abschnitte in unserem Leben. Und leider gibt es bei uns keinen Professor Zeitheimer, der so eine wundersame Uhr für uns erfindet.
Aber vielleicht, nur vielleicht, gelingt es ja dem einen oder anderen von uns, den Zeitfressern ganz individuell ein Schnippchen zu schlagen. Wir müssen uns nur auf die Personen und Dinge in unserem Leben besinnen, die uns wirklich wichtig sind. Und dafür müssen wir uns die Zeit ganz einfach nehmen.
Ein erster Schritt wäre es, ganz in Ruhe diese Geschichte zu lesen.



Eingereicht am 30. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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