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Kurzgeschichte

Die verschwundene Straße

© Freigeist


Ich fahre ja liebend gerne mit der Karre, sprich dem Automobil, wie es landläufig heißt. Das habe ich seit mehr als dreißig Jahren intus und beherrsche das doch recht gut ... na ja, meistens jedenfalls. Eine Ampelschaltung nach der anderen wird hinter mir gelassen und die Großstadt mitsamt ihren vielen Straßen, Gässchen und auch vielen Eckchen sind mir nicht unbekannt.
Das Gewusle in einer solch großen Stadt, in der ich schon jahrzehntelang lebe, mit ihren vielen Menschen, Blechlawinen und sonstigen mit Lärm verbundenen Ansammlungen ist für mich kein allzu großes Problemchen mehr, so dass ich praktisch im Schlaf die Straßen finden könnte, so ich das denn wollte.
Neuerdings gibt es auch diese zusätzliche Hilfe in Form von Ansagen, die eine Stimme - seltsamerweise wohl nur weiblich - mir einflößt, so ich die Anleitung dafür gebe, die dann von ihr meist haargenau auszuführen sei. Meine "gute Dame" hatte sich also selbstredend bereit erklärt, mir die Anweisung ins Öhrchen zu flüstern, was ich mit Begeisterung zur Kenntnis genommen habe.
Nachdem es eine mir doch recht bekannt vorkommende Straße war, zumindest dem Namen nach hatte ich es noch im Hinterkopf, sollte das ganze absolut kein Thema darstellen. Meine "gute Dame", die es jedoch nur im technischen Detail der Ansage real zu geben schien, hatte mir also mit monotoner Stimme die Anleitung gegeben, die besagte Straße in Angriff zu nehmen: "Bitte nach 100 Metern rechts abbiegen und dem Straßenverlauf 50 Meter folgen!" ... usw. usf.
Ich folgte nun also dieser Anweisung und auch nach dieser Anweisung folgte des Weiteren dieselbe, welche ich wiederum ordentlich befolgte, sowie auch verfolgte.
Nach einer Zeitspanne von zwei Stunden beschlich mich ein ungutes Gefühl, denn mein angestrebtes Ziel schien noch immer nicht in greifbare Nähe gerückt, ganz im Gegenteil ... ich konnte es kaum glauben ..., nachdem dieselbe Straße und Häuserzeile am laufenden Meter, am laufenden Stück, inzwischen schon das zehnte Mal in Folge an mir vorbeigezogen waren, ist mir doch zu Bewusstsein gekommen, die "gute Dame" hatte entweder ihr Ziel verfehlt oder aber ich hatte wohl doch ein Hörschaden, was ich jedoch bezweifelte.
Auf jeden Fall war mir inzwischen schwindlig geworden vom "vielen laufenden Kreisverkehr", weshalb ich erst mal eine Pause einlegen musste, um mich von den "Schwindelanfällen" zu erholen, die mich doch recht drängend und dringend heimgesuchten.
Meine "gute Dame" bequatschte mich jedoch weiterhin am Stück, in der Länge wie in der Breite, immer in demselben Wortlaut, so dass ich doch mit dem Gedanken spielte, mit der Guten ein Machtwort .... oder zumindest -Wörtchen zu sprechen, damit da mal ein wenig Fakten geschaffen wurden. Denn zehnmal in Folge dieselbe Straße zu absolvieren, grenzte an eine Frechheit, die eine Dimension von unübersehbaren Ausmaßen erreichte, so daß die Überlegung anstand, ein ernstes Wörtchen mir ihr zu sprechen.
"Meine gute Dame", sagte ich daraufhin zu ihr, "ich glaube, sie verstehen die Sprache, welche die meine ist, nicht so richtig, denn ich wollte eigentlich nicht im Kreisverkehr fahren, sondern doch die Hubrecht-Meyer-Straße in real finden und glaubte sie auch durch ihre punktgenaue Anleitung in Folge zu finden!" - "... leider haben sie mir offensichtlich einen Bären aufgebunden, weshalb ich nun an fürchterlichen Kopfschmerzen zu leiden pflege und mein Auto auch noch zu flunkern anfängt, denn es gibt auch seltsame Geräusche von sich ..."
Daraufhin hörte ich ein Krächzen und ein unverständliches Gemurmel ... außerdem fing es auch noch an seltsam zu riechen ... Da ist mir klar geworden, dass mein Navigationssystem wohl einen Sprung in der Schüssel hatte, zumindest der Dachschaden schien schon mal felsenfest zu bestehen, weshalb ich den Stecker aus der Dose zog und die Straße nun in Form von realen Begebenheiten anfing zu suchen, nämlich die Straßenkarte zu Rate zog, die mich dann doch noch wohlbehalten ans Ziel meiner Wünsche führte.
Gottseidank und Gott auch lob, sind wir Menschen keine Maschinen, und haben unser Gehirn noch funktionsbereit, so dass etwaige Anschlüsse nicht zu flunkern anfangen, meistens jedenfalls. Dummerweise müsste man wohl ein wenig früher darauf kommen, dass die "Dame" entweder nicht ganz dicht im Oberstübchen sein könnte, zumindest darf man sich nicht blind darauf verlassen, was Maschinen den Menschen alles einflößen möchten.
Das Ausflößen kommt garantiert, in diesem Sinne ... immer rauchfrei bleiben, indem man lieber sein eigenes Gehirn an- und einschaltet, denn wie man sieht, rauchen maschinelle Gehirne auch und können immensen Schaden anrichten.
Zusammen eine rauchen, ist da zum Schluss noch eine Alternative ... denn gemeinsam geht´s eben immer noch am besten :-)))



Eingereicht am 29. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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