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Kurzgeschichte

Behindert!

© Gaby Schumacher


Ich betrete zum ersten Male in meinem Leben eine solche Schule. Es ist eine Schule für körperlich und geistig wie auch für körperlich/geistig behinderte Kinder und Jugendliche. Nein, es ist kein Heim. Diese jungen Menschen leben in ihren Familien, erfahren zusätzlich auch zuhause die erforderliche Betreuung rund um die Uhr.
Es ist der "Tag der offenen Tür" , den ich nutze, um einen Einblick in den späteren Beruf meiner Tochter zu bekommen, die nach ihrem Abitur nicht studieren, sondern Heilerziehungspflegerin werden möchte. Es ist ihr Traumberuf. Ich beobachte sie im Umgang mit den teils schwerkranken Kindern. Ihr Gesicht leuchtet, sobald eines der Kinder sie anspricht. Ich erinnere mich daran, dass sie mir gesagt hat, wie glücklich sie das macht, wenn sie sie lächeln sehe, wie süß diese Kinder ihre Dankbarkeit für jede Kleinigkeit zeigen. Manche können sich nicht artikulieren, drücken vielleicht nur ihre Hand oder sehen sie lieb an. Diese Blicke gehen tief ins Herz.
Heute ist es mir möglich, den Alltag Behinderter ein wenig kennenzulernen. Ihre Welt fasziniert mich und ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus, zu welchen Leistungen sie fähig sind. Als gesunder Mensch schätzt man da vieles völlig falsch ein.
Ich besichtige die verschiedendsten Therapieräume wie Sprachtherapie, Motorik- und Musiktherapie. Die letztere hilft in besonderem Maße den Kindern, die entweder autistisch sind oder ansonsten kaum die Fähigkeit haben, sich mitzuteilen. Über Klänge bauen die Betreuer eine zwischenmenschliche Beziehung zu ihren Schützlingen auf.
Auch ein kleines Schwimmbad gehört zu dier Schule.
Hier mache ich die Erfahrung, wie sehr selbst die Schwerstkranken den Aufenthalt im Wasser geniessen. Vorsichtig und langsam werden sie quer durchs Becken getragen. Manche geben freudige Laute von sich, andere strahlen übers ganze Gesicht.
Natürlich besuchen wir auch die Stände mit den selbstgefertigten Werken der Kinder, die sie entweder sogar ganz allein oder auch mit Hilfe ihrer Lehrer geschaffen haben. Es sind Bastel- und Malarbeiten.
Mich beeindrucken sehr die Arbeiten einer jungen Malerin, die im Rollstuhl vor ihrem Tisch sitzt. an der Wand dahinter hängen ein paar ihrer Gemälde. Es sind wunderbare Farbkompositionen, die ich lange fasziniert betrachte. Auf dem Tisch liegen noch zusätzliche Arbeiten ohne Rahmen. Da entdecke ich eine Broschüre, in der ich nachlese, dass diese junge Künstlerin schon mehrmals öffentlich ausgestellt hat.
Das interessiert mich sehr und wir kommen ins Gespräch. Deutlich zeige ich ihr meine Begeisterung. Leider spricht sie nur sehr schwer, aber zwischen uns ist es Sympathie auf den ersten Blick. Ich merke ihr an, wie sehr sie sich über meine Worte freut. Das nimmt mir die letzte Hemmung und ich setze hinzu: "Ich kann leider gar nicht malen. ich könnte es so gern!" Sie strahlt mich an. "Und ich auch nicht!", verrät meine Tochter dem jungen Mädchen. Es tut diesem sichtlich gut, es tut uns gut... dieses kurze herzliche Gespräch.
Überhaupt verwischt der Schock der ersten Minuten beim Anblick des Elendes zusehends. Im Gegenteil fühle ich mich ausgesprochen wohl. Keines dieser Kinder sieht traurig oder verzweifelt aus. Stattdessen sehe ich in fröhliche Augen und vernehme helles Lachen. Auch ihre Betreuer und Lehrer machen auf mich einen lebensfrohen Eindruck. Wie anders aber wäre auch all dies zu ertragen?
Ja, es ist besondere Herzlichkeit, die zwischenmenschliche Wärme, die in diesem Hause überall zu spüren ist, die dem Leid seinen Schrecken nimmt und es uns Gesunden möglich macht, ein unbefangenes Verhältnis zu den Behinderten aufzubauen.
Nach einer Stunde verlassen wir die Schule. Auf dem Heimweg allerdings ist mir ganz eigenartig. Es zeigt aber, unter welch innerer Anspannung ich eben doch die ganze Zeit gestanden habe. Ich sage zu meiner Tochter: "Weisst du, es ist mir, als ob ich eine andere, besondere Welt betreten habe, in der das Wissen um die Krankheiten dieser Kinder der tollen Atmosphäre wegen in den Hintergrund tritt. Doch nun, zurück in dem "gesunden" Alltag, kehrt das Erschrecken wieder." Sie lächelt und versteht.
Doch etwas hat dieser Besuch in der Behindertenschule in mir bewirkt, wofür ich dankbar bin: Ich werde in Erinnerung an diesen Tag noch unbefangener mit behinderten Menschen umgehen können als bisher.



Eingereicht am 28. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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