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Kurzgeschichte

Bitte verzeih

© Elisabeth


Nein, so konnte es nicht weiter gehen. So nicht! Das nahm ich mir in diesem Moment vor.
Ich musste raus in die freie Natur. Klare Gedanken fassen. Es war stürmisch und regnerisch. Genau das richtige Wetter dachte ich grimmig. Energisch rief nach Felix, der es sich auf seinem Lieblingsplatz im alten Ledersessel bequem gemacht hatte und sicherlich nicht im Traum daran dachte, dass wir heute nochmal einen Spaziergang machen.
Aber freudig sprang er sofort auf. Sein langer buschiger Schwanz wedelte aufgeregt und seine dunklen Augen lachten erfreut. Natürlich sagt jeder der keine Hunde mag, das ist verrückt und unmöglich. Aber diese bedauernswerten Leute kennen eben nicht den treuesten Freund des Menschen, schweifte ich kurz von meinem vorrangigen Problem ab. Jetzt galt es, Änderungen vorzunehmen. Die Zwei mussten aus meinem Leben verschwinden. Unwiderruflich. Nein, es gab kein Zurück. Das war mir beim Stadtbus klargeworden. Komm Felix wir gehen jetzt, befahl ich dem sich freuenden Hund. Einträchtig liefen wir durch die Strassen bis zum Ortsende. Dann liess ich der Auszugsleine freien Lauf. So konnte Felix im Umkreis von 8 Metern in alle Richtungen laufen, mal stehenbleiben und seine "Zeitung lesen" - so nannte ich sein Erkunden mit der Nase und wieder weiterlaufen, ganz wie er wollte. Er beeinträchtigte mich in keiner Weise. Ich lief schnell und zielstrebig. Der Wind beutelte mich tüchtig aber das wollte ich. Mein Kopf musste frei sein für meine Vorsätze. Felix, ich werde nie wieder mit ihnen auf der Couch sitzen, erklärte ich ihm mit Nachdruck. Nie wieder sollten sie Macht über mich haben und mich nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Sie haben mir genug zugesetzt, weißt Du das? fragte ich meinen treuen Begleiter. Er hatte zwar damit zu tun, seine Zeitung weiter zu lesen, aber zwischendurch sah er mich mitfühlend an. Ja, ich wusste, er verstand mich. Sein Mitgefühl war mir sicher. Aber ob er mir wirklich helfen konnte, mich der Beiden zu entledigen? Ein für alle Mal?
Klar, sagte ich mir, ich hatte auch tolle Zeiten mit ihnen. Es war einfach schön, sie zu spüren. Was hatten wir schon Spass miteinander. Viele meiner Freunde mochten sie auch, manche mehr, manche weniger. Aber eigentlich war es immer schön. Bis jetzt! Der Stadtbus hatte mir die Augen geöffnet. Mein Gott. Warum hatte ich ihre Nähe so lange zugelassen. Warum konnte ich nicht früher erkennen, dass es falsch war, mich ihnen hinzugeben? Es war angenehm, ihn und sie zu spüren. Felix mochte eigentlich nur sie, fiel mir ein und ich lächelte in Erinnerung daran, wie sehr er angetan von ihr war. Zu seinem großen Bedauern bereitete sie ihm nur selten Freude, dafür sorgte ich schon. Aber ein Hund verzeiht alles. Eigensüchtig wollte ich sie nur für mich haben. Verdammt, jetzt komme ich aber ganz schön ins schwitzen, schimpfte ich. Normalerweise ging ich mit Felix immer nur die geraden Wege durch Feld und Wald. Aber heute hatte ich in einem Anfall von Selbstbestrafung den sehr unbequemen Weg für die Berge genommen. Ich schnaufte wie ein altes Dampfroß während mein Blick die wunderschöne Gegend um mich herum wahrnahm. Sanfte Hügellandschaft, unterbrochen von Wäldern und Feldern. Weit konnte man blicken. Immer wieder und immer
noch begeisterte mich die Natur meiner Heimat. Abrupt wandte ich mich wieder meinem Problem zu. Stadtbus, Gespräch, Bild, das waren die drei Dinge, die momentan mein Denken beherrschten. Wie würde das Leben sein ohne sie? Aber es gab keine Wahl mehr.
Ein plötzlicher Ruck an der Leine machte mir klar, dass auch andere Geschöpfe ihre Probleme haben. Felix hatte in zwanzig Metern Entfernung ein Reh über den Feldweg springen sehen und wollte unbedingt hinterher. Schimpfend und meine von dem plötzlichen Ruck schmerzende Schulter, lenkten mich kurz von den Beiden ab, die mich in diese blöde
Situation gebracht haben. Halt nein, stimmt ja nicht. Gerechtigkeit muss sein. Ich bin selbst schuld, machte ich mir klar, während ich Felix zurückzog und ihm zum tausendsten Mal erklärte, dass man keine Rehe jagt.Zerknischt seinen Schwanz einziehend trottete er weiter.
Ja. Es wird ein Ende haben, beschloß ich. Dass es ohne die Beiden geht, hatte ich ja schon in der vergangenen Woche festgestellt, nach dem ersten Gespräch mit dem Stadtbus. Zwar wollte ich wenigstens nur noch IHRE Gesellschaft, ihn schon gar nicht mehr, aber auch das war zuviel, wie mir heute das Bild auf dem Monitor des Ultraschall-Gerätes klar gemacht hatte.
Ja, mein Stadtbus, dachte ich versonnen. Er ist einer der wenigen Ärzte heute, dem man vertrauen kann, der sich Zeit nimmt und sein Handwerk versteht. Jetzt musste ich doch lachen, als ich daran dachte, warum er für mich der Stadtbus ist. Vor Jahren, als ich einmal in seiner Praxis war, kam seine Sprechstundenhilfe und fragte ihn, ob er mittags zur Frau Müller fahren würde. Diese hätte Kopfschmerzen. Daraufhin meinte er entrüstet, dass er nur Notfälle besucht, schliesslich sei er kein Stadtbus.Felix schaute kurz zurück, um zu sehen, warum ich plötzlich lachte, wo ich doch die ganze Zeit so zornig war. Ja mein Hund, es ist alles gut. Ich bin wieder klar im Kopf,beruhigte ich ihn. In Zukunft werde ich den ach so guten süssen Portwein verachten und meine geliebten Pralinen, Marzipan und Nugat gegen Obst, Gemüse und Mineralwasser eintauschen. Ich werde den Schalter im Kopf umlegen und meine massive Fettleber um Verzeihung bitten. Ich werde ihr das, was ich ihr in den letzten Jahren angetan habe, gutmachen - versprochen!



Eingereicht am 28. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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