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Kurzgeschichte

Fernfahrerleben

© Elisabeth


Das durchdringende Brummgeräusch des Spurhaltesystems liess die Alarmglocken in seinem Kopf schrillen. Im Bruchteil einer Sekunde war er wieder klar. Die bleierne Müdigkeit, die ihn ganz kurz seine Augen schliessen ließ war wieder gebannt. Das Band der Autobahn zeigte sich ihm schnurgerade, dunkelglänzend vor der großen Windschutzscheibe. Gottlob war er nur einige Zentimenter von der Spur abgekommen. Kein anderes Fahrzeug war in seiner Nähe. Wieder mal Glück gehabt, sagte sich Werner lakonisch. Die Gefahr, die sein 40 Tonner für ihn und alle anderen Verkehrsteilnehmer, sein könnte, war ihm wohl bewusst. Seit fast 30 Jahren saß er hoch über den PKWs in seinem Truck und fühlte sich eigentlich immer noch wohl. Er war kein Teamarbeiter. Die Einsamkeit seines Jobs war ihm lieb und vertraut. Versonnen hing er wieder mal seinen Gedanken nach. Klar, früher, da war alles einfacher. Da waren die Trucks wirklich noch mit Muskelkraft zu dirigieren. Da gab es keine Servolenkung, keine hydraulischen Sitze, keine Klimaanlage, keinen Fernseher und Kühlschrank. Aber die Strassen waren nicht so voll, die Hektik und der Zeitdruck nicht so immens. Da erzählten die Trucker über Funk oder auf den Rasthöfen noch miteinander. Man kannte sich und wusste von Sorgen und Freuden von vielen Kollegen.
Das ist heute anders, kam ihm etwas wehmütig in den Sinn, als er den Blinker setzte und in die Abbiegespur zum Rastplatz einbog.
Die Pausen werden kürzer. Die Menschen sind verschlossener. Die Lenkzeit - ja, die wird von der Politik geregelt. Pah, aber die Wirklichkeit? Die sieht ganz anders aus, weiß er. Wen interessiert es, wenn er gegen Ende seiner erlaubten Lenkzeit keinen Platz für seinen Truck auf dem Rastplatz findet? Er muss weiterfahren, ob er will oder nicht. Er muss weiterfahren, obwohl er todmüde ist, Er kann nicht auf der Autobahn stehen bleiben, aber die Polizei wird ihn zu Rechenschaft ziehen, wenn er weiterfährt. Wie paradox. Aber Egal,
Nein, auch hier wird er nicht die nötigen 45 Minuten Ruhe haben können.
Gottergeben legte er wieder den dritten Gang von den vorhandenen sechzehn Gängen ein und fuhr wieder auf die Autobahn.
Ein Blick auf die Uhr des imposanten Armaturenbretts, das aussah wie ein Cockpit im Flugzeug, sagte ihm, dass er in der nächsten halben Stunde unbedingt einen Parkplatz finden musste. Die Diagrammscheibe im Fahrtenschreiber war unerbittlich, wie die BAG - die Bundesauf- sichtsbehörde für Güterverkehr. Eine Geldstrafe wäre fällig, sollte der nächste Rastplatz auch voll sein und ihn Polizei oder BAG anhalten.
Mittlerweile war die Autobahn wieder voller geworden. Die Lichterkette der Autos auf der Gegenfahrbahn war endlos lang, ebenso wie die roten Rücklichter der vor ihm fahrenden Kolonne.
Gewohnt, aus Zeitdruck während der Fahrt zu essen und zu trinken, öffnete er mit der rechten Hand seine Kühlbox und entnahm ihr eine Flasche Apfelschorle, während sein Blick unentwegt das Geschehen auf der Autobahn registrierte. Ah, das tat gut und erfrischte wieder etwas, spürte er, während er das kalte Getränk schluckte.
Ein Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit, als er sich plötzlich vorstellte, wie die Menschen reagieren würden, wenn von einem Tag auf den anderen, alle LKWs in ihren Höfen stehen bleiben würden. Wenn allen Leuten, die auf die blöden hinderlichen LKWs schimpfen, plötzlich der Gefallen getan würde - kein LKW auf den Strassen. Diese Vorstellung amüsierte ihn ungemein.
Er könnte eine Woche zu Hause bleiben. Nichts würde ihm fehlen. Wusste er doch, dass seine Frau, die eine unglaubliche HamsterMentalität hatte, Vorräte für mindestens zwei Wochen in Küche, Keller und Kühlschränken hatte. Wie aber ginge es den Menschen in Großstädten? Die, für die Trucks nur lästig sind? Es würde keine 3 Tage dauern und die Regale in allen Geschäften wären leer. Denken daran die Menschen eigentlich nicht, fragte er sich.
Hoppla, warum bremst der Kleinwagen vor ihm so plötzlich? Noch ehe er dies gedacht hatte, brachte er mit den Druckluftschreibenbremsen seinen Truck zum stehen. Ein Blick in den Rückspiegel an seinem Seitenfenster zeigte ihm, dass von hinten keine Gefahr bestand.
Wahnsinn! die Beifahrertür des Kleinwagens wurde aufgestossen und eine anscheinend junge Frau mit langen blonden Haaren sprang heraus und rannte wie von Sinnen zur Standspur, weiter über den daran anschliessenden Feldweg und war bald zwischen dem hohen Mais verschwunden.
Während dieses Geschehens ließ Werner das Lufthorn seines Trucks laut gellend erschallen. Nichts - keine Reaktion vom Kleinwagen. Na denn, was mag da wohl sein, dachte er, während er die Warnblinker einschaltete. Gerade war er im Begriff auszusteigen um nach dem Fahrer zu sehen, als der wieder Gas gab und mit durchdrehenden Reifen losfuhr. Da Werner nichts mehr wirklich erschütterte, notierte er sich kurz die Nummer des kleinen Autos - für alle Fälle, dachte er prakmatisch, und fuhr wieder los.
Wahrscheinlich haben sich die Zwei heillos zerstritten überlegte er. Diese jungen Leute sind hitzköpfig lächelte er vor sich hin. Was hatten er und seine Frau schon für Kämpfe hinter sich. Wütend hatten sie sich schon angeschrieen, ja und aus dem Auto ist seine Frau auch schon abgehauen, schmunzelte er in der Erinnerung an die stürmischen Anfangsjahre. Inzwischen waren er und seine Anja ruhiger geworden. Die Liebe und die Zusammengehörigkeit hielt sie mit einem festen Band. Der Gedanke an seine Frau ließ ein gutes warmes Gefühl in ihm aufkommen er freute sich, wie jeden Tag auf das Wochenende.
Da, endlich, das Hinweisschild auf den Rastplatz. Die Realität hatte ihn wieder im Griff. Konzentriert verlangsamte er das Tempo, blinkte und fuhr auf die Abbiegespur zum Rasthof. Das sieht schon besser aus freute er sich. Endlich fand er am Waldrand, abgewandt von der Autobahn einen Platz für seinen Megatrailer. Einparken, Motor abstellen und erstmal die Rückenlehne etwas zurück, nichts anderes hatte er im Sinn. Eine dreiviertel Stunde die Augen zumachen, relaxen, abschalten, dann würde er die letzten vier Stunden für diese Nacht fahren bis zur Reifenfabrik, wo er neue Ladung bekommen würde. Aber erst mal den Wecker stellen. Besser ist besser dachte er. Für die Koje reicht die Zeit nicht, war sein Empfinden. Also noch schnell ein Schluck Schorle, die Arme über das Lenkrad verschränken und den Kopf auflegen. Fernfahrers Traum sagte er sich noch mit dem ihm eigenen Humor, bevor Morpheus ihn aufnahm.
Wie lange er geschlafen hatte, wusste er nicht, als ihn ein lautes heftiges Pochen weckte. Gewohnt, während der Arbeit, immer in HabachtStellung zu sein, richtete er sich auf und sah in seinem Seitenspiegel eine Frau unten an seiner Tür klopfen. Sie reichte nicht mal bis zum Ende der fünf Stufen. Mann, das glaubst Du ja nicht. Das ist doch tatsächlich die Kleine aus dem PKW stellte er fest, bevor er die Tür öffnete. Er kletterte aus seinem Führerhaus und sah sich das Häufchen Elend genauer an, das da total aufgelöst vor ihm stand. Ihre langen Haare umrahmten ein hübsches, aber verweintes Gesicht. Ihre Kleidung unterstrich den guten Eindruck, den sie sofort auf Werner machte. Aber die Worte, die hastig und flehend sagte, verstand er nicht.
Etwas musste sie erschüttert und zur Flucht aus dem Auto getrieben haben. Das war Werner klar. Aber auch, dass er schon wieder in Zeitnot war, verriet ihm ein kurzer Blick auf seine Armbanduhr. Mit seiner ruhigen tiefen Stimme bedeutete er ihr, dass sie stehen bleiben sollte. Er kletterte wieder hoch in seine Kabine, nahm den Schlüssel aus dem Zündschloss, kramte seine Jacke hervor und war kurze Zeit später wieder unten. Ruhig vermittelte er der jungen Frau mit ihm mit zu kommen. Er nahm sie wie ein Kind bei der Hand und ging mit ihr zur Autobahnpolizei.
Widerstandslos ging das Mädchen, das, wie ihm jetzt schien, nicht älter als siebzehn Jahre war, mit ihm. Ihre schmale Hand lag vertrauensvoll in der seinen. Als sie durch die Tür eintraten und in den nüchternden hell erleuchteten Raum traten, schaute der Beamte am ersten Schreibtisch wie entgeistert auf die Beiden. Im gleichen Augenblick betätigte er einen Alarmknopf. Daraufhin stürzten mehrere Beamte mit gezogener Pistole herein und umstellten das ungleiche Paar. Das Mädchen schien das nicht zu beeindrucken. Sie stellte sich vor Werner, den sie mit ihrer Zartheit nicht mal zur Hälfte abdeckte und redete auf die Beamten ein. Die lösten etwas ihre Spannung während der Diensthabende den Raum betrat. Er fragte das Mädchen auf Englisch nach ihrem Namen. Mühsam konzentriert antwortete sie. Nun war Werner alles klar. Sie war die Tochter eines schwedischen Industriellen und studierte in Deutschland. Hier lernte sie einen jungen Mann kennen und verliebte sich in ihn. Dass er sich ihre Verliebtheit zunutze machen wollte, um an das Geld ihres Vaters zu kommen, wusste sie nicht. Erst als er sie überreden wollte, mit ihm unterzutauchen weil er ihre Eltern schon erpresst hatte wurde ihr klar, in wen sie sich verliebt hatte. Deshalb ihre Flucht auf der Autobahn. Auf der Landstrasse hielt ein Autofahrer an und nahm die vermeintliche Anhalterin mit bis zum Rasthof. Es war ein alter Bauer, der kein englisch verstand und auch nicht in irgendwelche Unannehmlichkeiten gezogen werden wollte. Deshalb war für ihn der Rasthof Endstation mit seinem Fahrgast. Und so klopfte das Mädchen nervlich am Ende ihrer Kräfte bei Werner.
Happyend für das Mädchen freute er sich und jetzt aber los, feuerte er sich selbst an, während er im Laufschritt zu seinem Truck rannte
Die Zeit drängt. Der Truck muss rollen. Weiter, weiter, die Ladung wartet.



Eingereicht am 26. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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