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Kurzgeschichte

Die Nebentür

© Karl Köckemann


Auf einem eigenständigen Hof im Münsterland lebte Alwine, eine abergläubische Bäuerin in mühseliger Zeit, als bei jedem Schritt gewöhnlich Ratten und Mäuse miteiferten. Infolge nützlicher Anordnung der Dinge ging die alltägliche Plackerei unbekümmert von der Hand. Unter dem Abdache mit den Holzscheiten keilte das Beil im groben Schlagklotz, woherauf dann und wann in die eine Hand der Bäuerin ein Huhn sich verlor. Ein Stapel Papierstücke lag auf dem jedermann täglich dienlichen Sitzbrett mit der runden, zu groß geratenen Öffnung, die ein schrägkantig gesägter Holzdeckel verschloss. Auf der vom Messerschärfen am Rand hohlgewetzten Waschküchenfensterbank thronte der irdene Blumentopf mit schmackhaften Zwiebeln: Alwines geheiligter Zwiebeltopf. In der Tennenecke fläzte reglos ihr beseligtes Hündchen tagsüber - nachts in ihrem Bette. Und hoch oben über jeder Kammertür schwebte ein gesegnetes Kreuz.
Bei Regen prasselte Wasser gegen die tannenhölzerne, außen grün gestrichene Nebentür, so dass Sonnenschein und Väterchen Frost sich abwechselten, unten ein Loch zu nagen. Im Innern begann ein erster Holzwurm seine Wohnung einzurichten. Eines Tags saß die kräftige Alwine ungelenk hinter der berüchtigten Nebentür und erblickte eine durch das Loch hineinschnuppernde Maus, die sich ihr bald nahte. Dieses wäre nicht weiter von Belang, hätte das fidele Tierchen es dabei belassen, sich aufzurichten und Alwine blödsinnig in die Augen zu peilen, was sie in ihrer Art auch nicht anders erwiderte. Doch was geschah? Das zarte Geschöpf tastete sich einen Schritt näher! Lag es an der Bewegungsschwere bei Verrichtung ihrer notdürftigen Lage auf dem Sitzbrett? Oder eher an der die stets nach Abheben des Holzdeckels aufsteigenden Wolke, welche die enge Zelle beduselnd erfüllte? Zweifellos zum ersten Mal fühlte sie sich im Örtchen machtlos, ja, hilflos. Als die unscheinbare Maus, oder eine junge Ratte gar, schließlich an ihren klobigen Holzschuh entlangstrich und gelangweilt durch das Loch wieder gen Morgenrot entschlüpfte, war es um Alwine geschehn. Vorüber war das Stocken in ihrem Atmen und ihr Herz stand nicht mehr still. Von Stund an schwelte in ihr ein eigenartiger Ekel vor Nagern, den sie Zeit ihres Lebens nicht mehr verlieren sollte.
Es kam und ging ein grauenvoller Weltkrieg, die beherbergten Flüchtlinge aus Schlesien zogen weiter, wie eh und je ging alles wieder seinen gewohnten Gang. Ihren gepflegten Ekel in Schach haltend hegte Alwine nunmehr einen rattenscharfen Hund, zudem Katzen. Und auf dem Hofe war es an der Zeit, an einen Nachfolger zu denken. Ihre nur durch Operation überlebte Bauchentzündung vergönnte Alwine eigene Nachkommen. Sie adoptierte eine tüchtige Tochter im heiratsfähigen Alter. Sämtliche Fähigkeiten stellte diese bald hilfreich unter Beweis: auf dem Bauernhof krabbelten Nachfolger. Wo manches Jahrzehnt kein Kreischen ertönte, lauern dem viele Gefahren. Jedoch, die Kindern eigene Art sich zu helfen, kann oft verblüffen. So musste eines Tags geschehen, dass die kleine Petra beim Spielen, kläglich in der Waschküche drucksend, ein überdringlich großes Bedürfnis verspürte. Ihr noch kleinerer Bruder erfühlte ihren Kummer und wandte sich vom Hunde ab. Von unerwartetem Frieden schwallend übergossen, tröpfelte aufgestachelt brausender Groll zaudernd von der Seele des armen Lieblingshündchens Alwinens, dessen Aufknurren nur allmählich abflauen wollte. Unterdessen berieten die Kleinen sich, nicht wissend wo Mama oder Oma seien, was Petras Not lindere. Dreierlei wussten sie: die Zelle hinter der holzmehlrieselnden Nebentür war stetig von hartkühler Luft durchstählt; die zu groß gesägte Sitzöffnung ließ kräuselnde Kindernäschen sich in die darunter dampfende Jauchegrube fallen fürchten; und vor allem Andern bebte in ihren Köpfchen die sagenhafte Erzählung der Oma Alwine, welche - wenngleich nie gesehene - Ratten zu übernatürlichen Ungeheuern werden ließ. Nein, auf das Plumpsklo wollte Petra nicht, nicht allein und auch nicht von ihrem kleineren Bruder gestützt. Nach Behelf trachtend erspähte sein schelmend besonnener Blick den verzinkten Asche-Eimer. Petra errötete ihrer misslichen Lage bloß, sollte deren Folge ihre Pein lieber weniger zur Schau stellen. Wer will schon wissen, wie es kommen konnte, dass sie schließlich über dem von der Fensterbank entnommenen Zwiebeltopf hockte? Flugs wieder eine Lage Zwiebeln darüber gelegt und den tönernen Topf zurückgestellt, vertieften beide, die schwierige Frage sauber gelöst und Petra gar doppelt erleichtert, ja, vertieften beide sich wieder ins Spiel. Selten spielten Kinder so zufrieden, wie an diesem Vormittag - bis aus den Weiten des Hauses ein hoher Aufschrei erscholl und nie zuvor gehörte, umso tiefere Flüche seelenlos emporhissten. Von Alwine war später zu hören, als sie beim Kochen Zwiebeln holen wolle, dachte sie, die Waschküche betretend: "Watt rück datt hier?" …
Was immer sie begriff, niemals dieses: Sie hätte ihren Enkeln besser nicht maßlos übertrieben von ihrem unnötigen Ekel vor Nagegetier erzählt. So wie sich der Holzwurm viele Generationen tiefer in eine Nebentür bohrt, mag falscher Ekel sich verstohlen in eine Familie fressen.
Zwar verwittert, allein die beizeiten blau überstrichene Nebentür prangt wie ehedem in ihren Angeln.
Bemerkung: "Watt rück datt hier?" (westfälisches Plattdeutsch) "Was riecht es hier (komisch)?



Eingereicht am 28. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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