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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Zeit

© Malaika Schippmann


Überall rennen Menschen herum. Von Gate zu Gate. Von Terminal zu Terminal. Von Flug zu Flug. Menschen drängeln, Durchsagen hüllen die Halle in Lärm. Und mittendrin steht ein junges Mädchen. Sie ist allein auf einem fremden Flughafen, in einem fremden Land. Sie hat noch drei Flüge vor sich, erst einer ist überstanden. Wenn bloß alles übersichtlicher wäre. Wenn sie bloß mehr Zeit hätte.
In einer halben Stunde geht der nächste Flug, seit zehn Minuten ist Boarding. Aber wo ist Gate 48? Das Mädchen spricht zwar Englisch, aber in der Aufregung fallen ihr nicht all zu viele Wörter ein.
Wenn sie an das kommende Jahr denkt, wird ihr übel. Ein Jahr ohne Eltern, ohne Geschwister, ohne Freunde. In einem fremden Land, in einer fremden Familie, auf einer fremden Schule. Ein Jahr im Ausland.
Suchend blickt das Mädchen sich um. Niemand hat Zeit. Zeit, ihr zu sagen, wo Gate 48 ist. Da sieht sie ein Schild. Gate 48! Endlich! Sie ist die letzte beim Boarding. Wenige Minuten später und sie hätte ihren Flug verpasst. Der Flug dauert drei Stunden. Zeit. Drei Stunden Zeit, sich zu ordnen, die Gedanken wieder zu sortieren. Worauf hatte sie sich die letzten sechs Monate so gefreut? Darauf, ihre Freunde, ihr Zuhause zu verlassen? Oder darauf, ein Jahr in einem fremden Land zu verbringen, ihr Englisch zu verbessern?
Die Vorfreude legte sich langsam, je näher der Abreisetermin rückte. Der Abschied von ihrer Familie, ihren Freunden, ist ihr so schwer gefallen. Hätte sie die Wahl gehabt, sie wäre in Deutschland geblieben. Bei dem Gedanken an Zuhause steigen dem Mädchen Tränen in die Augen. Noch zwanzig Minuten, bis sie wieder festen Boden unter den Füßen hat. Dann geht die ganze Hektik von vorne los. Eine dreiviertel Stunde Zeit, auszusteigen, das nächste Gate zu finden. Eine Stunde, bis das Flugzeug in die Luft steigt. Fünfzehn Minuten mehr Zeit, als beim letzten Flug.
Die Hälfte hat sie überstanden. Noch zwei Flüge. Dieser Flughafen ist übersichtlicher. Das Mädchen braucht nur zwanzig Minuten. Sie ist schnell im nächsten Flugzeug. Dieser Flug wird lang. Endlich einmal Zeit. Sie lehnt sich zurück, schließt die Augen.
Das erste Mal seit gestern Mittag schließt sie die Augen und findet Zeit zum Schlafen. Viel Zeit. Die Zeit im Flugzeug vergeht schnell. Und wieder beginnt die Hektik von neuem. In fünfzig Minuten startet die letzte Maschine, die Maschine in ihr neues Leben. Für ein Jahr. Ein langes Jahr. Der Flughafen ist fast leer. Nur wenige Menschen warten auf ihr Gepäck, auf die Familie, auf den nächsten Flug.
Noch vierzig Minuten. Wieder muss das Mädchen zu Gate 48. Sie findet es schnell.
Noch dreißig Minuten. Dann ist sie in der Luft. Boarding, sie ist an der Reihe. Noch zwanzig Minuten. Der Gang zum Flugzeug erscheint ihr endlos.
In einer Stunde und vierzig Minuten hat sie alle Flüge überstanden. Jetzt muss sie noch ein Jahr überstehen.
Sie ist zehn Minuten länger in der Luft, als geplant. Die neue Familie wartet schon. Ein letzter trauriger Gedanke an Deutschland, ihr Zuhause. Hinter der nächsten Tür wartet eine neue Welt. Eine fremde Welt. Sie tritt hinaus, blickt sich um. Entdeckt ein großes Willkommensschild. Mit ihrem Namen. Die Zeit ist so schnell vergangen.
Erst gestern war der tränenreiche Abschied, heute ist sie hier. In einem fremden Land. Die Gastfamilie begrüßt sie herzlich. Alle freuen sich, das junge Mädchen kennen zu lernen. Sie fahren nach Hause.
Ein Jahr, dann ist sie wieder Zuhause, bei ihren Eltern. Ein Jahr Zeit, neue Freunde zu finden.
Nach und nach schleichen sich auch die vergessenen englischen Wörter wieder in ihr Gedächtnis. Sie unterhält sich mit der Gastfamilie. Nach zehn Minuten Fahrt betritt sie ein Zimmer. Ihr Zimmer. Für ein Jahr. Morgen muss sie in die neue Schule. Noch vierundzwanzig Stunden. Die Schule ist groß. Ähnlich, wie ihre alte.
Die Zeit rast. In knapp einem Jahr lernt das Mädchen viele neue, gute Freunde kennen. Schließt neue Freundschaften. Der Termin zum Rückflug, nach Hause, rückt immer näher. Noch vier Tage. Ein neuer Abschied. Abschied von neuen Freunden, dem einst fremden Land, welches ihr jetzt so vertraut ist. Abschied von der Gastfamilie. Zurück auf die unübersichtlichen Flughäfen. Freude auf die Familie, die alten Freunde. Die letzten Tage in der neuen Schule. Das Zeugnis.
Wieder steigt Traurigkeit in dem Mädchen auf. Vermischt mit Freude. Ein lachendes, ein weinendes Auge.
Der Tag der Abreise. Noch zwei Stunden. Morgen schließt sie ihre Eltern, ihre Freunde wieder in die Arme. Diesmal sind es nur drei Flüge. Alles geht schnell.
Sie kann sich verständigen. Gut verständigen. Auf zwei Sprachen. Der Flughafen ist übersichtlicher als das letzte Mal. Wovor hatte sie vor einem Jahr Angst? Warum kam ihr alles so kompliziert vor? Sie freut sich auf Zuhause. Sie vermisst schon jetzt die Gastfamilie. Trauer und Freude. Weinen und Lachen.
Eine halbe Stunde bis zum letzten Flug. Zwei hat sie bereits hinter sich. Sie ist entspannt. Hatte sie sich hier vor einem Jahr so verloren gefühlt?
Ein drittes Mal startet die Maschine von Gate 48. Lächelnd betritt das junge Mädchen das Flugzeug. Drei Stunden. Dann ist alles vorbei. In drei Stunden ist sie zu Hause.

Eingereicht am 25. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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