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Der Fremde

© Elisabeth


Das Licht der roten Ampel durchbrach das Dunkel der Nacht.
Ungeduldig trommelte Susanne mit ihren Fingern auf dem Lenkrad. Es war schon spät und sie wollte endlich nach Hause, wollte endlich die unbequemen Schuhe ausziehen, sich ihre schicken Fummel vom Leib reissen, duschen und die Gemütlichkeit ihrer Wohnung geniessen.
Die Vorfreude auf ein paar Häppchen und ein Glas Rotwein zauberten ein Lächeln auf Ihr Gesicht als sich plötzlich ihr Blick mit dem eines Mannes kreuzte, der an der Ampel, die jetzt für die Fußgänger rot zeigte, stand.
Susanne bemerkte nicht, dass sie losfahren müsste. Kein anderes Auto war hinter ihr, das ihr hupend bedeutete, endlich weiterzufahren.
Sie war gefesselt von seinem Blick. Sie nahm nur am Rande wahr, dass er hochgewachsen war und dunkle halblange Haare hatte. Sein Gesicht war schmal und ernst. Nur seine dunklen Augen hielten Ihren Blick fest. Sie sah ihn wie gebannt an und war zu keiner Gefühlsregung fähig, als er langsam auf ihr Auto zuging. Der kurze Moment, als sie ihn aus ihrem Blickwinkel verlor, weil er die Tür öffnete und sie mit ruhiger Stimme fragte, ob sie ihn ein Stück mitnehmen würde, brachte sie nicht in die Wirklichkeit zurück. Wie in Trance hörte sie sich fragen, wohin er wolle. Seine Antwort nahm sie nicht wirklich wahr. Er stieg ein, setzte sich auf den Beifahrersitz und bedankte sich, während seine Augen wieder ihren Blick festhielten. Sie sahen sich an und fühlten sich magisch angezogen voneinander. Es herrschte eine unbeschreibliche unwirkliche Stimmung im Wagen.
Inzwischen war die Ampel einige Male umgeschaltet. Keiner der Beiden nahm Notiz davon. Erst als endlich ein anderes Auto böse hupend sein Recht für Weiterfahrt forderte, kam Susanne erschreckt in die Wirklichkeit zurück.
Sie legte den Gang ein und fuhr los. Erst nach einigen Kilometern, die sie schweigend zurückgelegt hatten, spürte sie seine Hand auf ihrem Arm. Es war wie ein Stromschlag, der sie durchzuckte. Ihr Hals war trocken, sie bekam kein Wort heraus, sie hielt am Strassenrand an und wandte ihm ihr Gesicht zu.. Er fasste ihre Hand mit festem Druck. In seinen Augen brannte ein Feuer, dem sie sich nicht entziehen konnte und auch gar nicht wollte.
Sie hörte, wie er mit mit rauher Stimme nur ein Wort sagte - komm. Nichts weiter. Bar jeder Vernunft stieg sie aus. Wartete, bis auch er ausgestiegen war, schloß das Auto ab und ging langsam auf ihn zu. Er stand wortlos wartend da. Sah sie nur wieder mit diesem alles beherrschenden Blick an und nahm ihre Hand. Sie gingen schweigend einige Minuten an den letzten Häusern eines kleinen Ortes vorbei. Die Strasse mündete in einen kleinen Feldweg, der gesäumt war von einem Weizenfeld, das vom Mondlicht in silbernde Farben getaucht wurde. Dann lag plötzlich ein freies Areal vor ihnen, das sich als ausgedienter Sportplatz entpuppte. Eine Sitzgruppe aus rohem Holz gezimmert und gezeichnet von den Witterungseinflüssen, wurde zu ihrem Ziel.
Vor dem Tisch blieben sie stehen. Er liess ihre Hand los und zog sie mit ungeahnter Heftigkeit an sich. Susanne blieb keine Zeit, die Unmöglichkeit der Situation zu überdenken. Jegliches Empfinden für Moral, Zurückhaltung oder Angst, war ausgeschaltet. Nur seine Gegenwart, seine Leidenschaft, seine fordernden Hände, die immer ungeduldiger wurden, waren in ihrem Bewusstsein. Seine leise, jetzt vor Leidenschaft heisere Stimme flüsterte ihr Worte der Begierde zu und liess sie in einen Strudel unglaublicher Leidenschaft versinken. Seine Wildheit riss sie mit. Nun beherrschte die Beiden nur noch das Gefühl totaler Leidenschaft. Nichts war in diesem Moment von Bedeutung. Nur zwei Menschen die nicht gesucht und sich doch gefunden hatten.
Nachdem der Sturm dieser animalischen Gefühle abgeebbt war, fand sich Susanne nackt auf der Erde des alten Sportplatzes. Ihre Kleider lagen verstreut um sie herum. Sie fühlte feuchte Kälte an sich hochkriechen. Noch konnte sie nicht realisieren, was in den letzten Stunden passierte.
Ihr Herz klopfte in heftigem Rhytmus. Ihr Körper fühle sich seltsam schwer an und eine angenehme Müdigkeit machte sich breit. Wenn nur diese Kälte vom Boden nicht wäre...Nur aus diesem Grunde sammelte sie ihre Energie um endlich aufzustehen. Der Blick in die Runde der verstreuten Kleider liess sie urplötzlich wieder die Gegenwart begreifen. Sie fühlte ihre Nacktheit und die Unmöglichkeit der Situation.
Jetzt erst kam ihr zu Bewusstsein, dass sie allein war. Er war nicht mehr da.
Nichts war von ihm zu sehen. Kein Kleidungsstück. Kein Zettel. Nichts.
Seltsam beklommen suchte sie ihre Kleider zusamen, zog sich wieder an und fand zu ihrer Erleichterung auch ihre Tasche, die unversehrt im Gras lag. Mittlerweile färbte sich der Himmel glutrot im Osten. Die Sonne ging auf. Ein neuer Tag erwachte und mit ihm die Menschen, die sie hier finden könnten. Mittlerweile leicht panisch nahm sie die letzten Kleidungsstücke und ihre Tasche und lief den Weg zwischen den Feldern zurück zu ihrem Auto. Es schien ihr wie ein Freund zuzuwinken. Mit schnellen Schritten lief sie und war ungemein froh, dass ihr niemand begegnete. Sie startete, wendete und fuhr den Weg zurück, den sie in der vergangenen Nacht mit einem Frenden gefahren war. Ihr war selbst nicht klar, welche Gefühle sie beherrschten. Weder Wut, Scham oder Enttäuschung machten sie breit in ihr. So beschloß sie, das Erlebte als ein aussergewöhnliches Erlebnis zu sehen, das sie genau als solches in ihrer Erinnerung behalten wollte - bis sie an der nächsten roten Ampel anhalten musste........

Eingereicht am 25. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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