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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein Wiedersehen

© Margit Schaafberg


Mit einem Ruck kam der Fahrstuhl zum Stehen.
"Verdammt, nicht schon wieder!"
Die blonde Frau hämmerte verärgert gegen die Außenwand. Zum ersten Mal sah sich Ute ihre Mitfahrerin genauer an.
"Stecken wir fest?"
"Ach, das passiert hier mindestens einmal im Monat. Der müsste endlich mal gründlich überholt werden, aber nein, die flicken hier ein bisschen und da ein bisschen und jedes Mal geht das blöde Ding an einer anderen Stelle kaputt."
"Glauben Sie, dass das lange dauert? Ich habe in fünf Minuten ein Vorstellungsgespräch hier im Haus."
"Kommt drauf an was es diesmal ist."
Endlich drückte die blonde auf den Notrufknopf. Wenig später meldete sich der Hausmeister und versprach sofort den Notdienst zu rufen.
"Na das kann dauern, das kenne ich schon."
Entsetzt begann Ute in ihrer Handtasche nach ihrem Handy zu kramen.
"Das können Sie vergessen, wir stecken im Funkloch. Was glauben Sie, wie oft ich das schon versucht habe..."
Sie hatte Recht.
"Verdammt, immer wenn es wichtig ist!"
"Warten Sie es ab, das lässt sich jetzt sowieso nicht mehr ändern. Wie heißen Sie eigentlich?"
"Ute, Ute Reck."
"Barbara Günther."
Konnte das sein? Neugierig sah sich Ute die andere genauer an. So selten war der Name ja nicht. Und trotzdem, das war Babsi. Ausgerechnet. Von all den Menschen in dieser Stadt musste sie ausgerechnet mit Babsi in diesem Fahrstuhl feststecken? Die andere musterte sie ebenfalls neugierig. Ob sie sie wieder erkannte? Zweiundzwanzig Jahre war das nun her.
Sie hatten sich beide verändert. Babsi eindeutig zu ihrem Vorteil musste Ute feststellen. Keine strähnigen Haare, keine dicke Brille, keine Zahnspange mehr. Schicke Kleidung, dezentes Make-up. Keine Spur mehr von der kleinen grauen Maus, die sie und ihre Freundinnen jahrelang mit ihren gehässigen Bemerkungen gequält hatten.
"Kennen wir uns vielleicht von irgendwoher?"
Ute sah erschrocken auf.
"Nein, ich glaube nicht. Ich kann mich nicht erinnern."
"Komisch, Sie kommen mir irgendwie bekannt vor. Ute, Ute... Das muss schon ziemlich lange her sein."
"Also, ich weiß wirklich nicht..."
Ute geriet ins Schwitzen. Was sollte sie denn bloß sagen? Dass es ihr Leid tat? Dass sie es eigentlich gar nicht so gemeint hatte? Was sollte das denn bringen nach all den Jahren.
"Waren Sie vielleicht auch am Schillergymnasium?"
Ute merkte wie sie rot wurde.
"Ja, das ist richtig."
"Warten Sie, aber in meiner Klasse war doch keine Ute, das kann nicht sein."
Stimmt, dachte Ute. Nur in der Parallelklasse, und ihre Klassenräume waren nebeneinander gewesen. Ob sie sich wohl erinnern würde? Wenn sie sie bloß ablenken konnte.
"Arbeiten Sie hier im Haus?"
"Ja, meine Kanzlei ist im neunten Stock. Günther und Herbst Rechtsanwälte."
Das wurde ja immer schlimmer, sie hatte sich bei Babsi Günther beworben. Jetzt konnte sie den Job endgültig abschreiben. Und gerade diesen Job hätte sie so gerne gehabt.
"Sagen Sie, bei uns wollte sich doch heute eine neue Rechtsanwaltsgehilfin vorstellen. Sind Sie das vielleicht? Natürlich, meine Partnerin hat doch irgendwas von einer Frau Reck erzählt."
Babsi lächelte freundlich.
"Na dann ist doch alles in Ordnung. Ich kann ja bezeugen, warum Sie zu spät kommen. Ist das nicht ein lustiger Zufall? Also ich bin sicher, wir haben schon mal miteinander zu tun gehabt. Erinnern Sie sich noch an Herrn Meier den Mathelehrer? Was war das für ein fieser Typ. In Sport hatten wir den auch. Da waren wir mit den Mädchen aus der Parallelklasse zusammen. Wenn ich daran noch zurückdenke. In Sport war ich immer eine Niete. Die anderen haben sich immer über mich lustig gemacht. Da war eine..."
Zum Glück meldete sich in diesem Moment der Hausmeister über die Sprechanlage. Der Notdienst war gekommen, aber es würde noch einige Zeit dauern, den Fahrstuhl zu reparieren.
"Wo war ich stehen geblieben? Herr Meier. Hatten Sie den auch?"
"Ja, allerdings."
Ute erinnerte sich noch sehr gut an die Sportstunden. Geräteturnen hatten sie damals gemacht, während die Jungs Leichtathletik machen durften. So was Albernes. Keine hatte sich besonders hervorgetan, aber Babsi hatte sich immer besonders dumm angestellt. Wäre ihr dabei nicht manchmal die Brille heruntergefallen, hätte sie sie vermutlich nie wieder erkannt. Himmel, was hatten sie sich über sie lustig gemacht. Und der schlimmste von allen war Herr Meier gewesen.
"Waren sie gut in Mathe?"
Bloß von den Sportstunden ablenken.
"Oh ja, da war ich immer gut. Aber Herr Meier konnte mich trotzdem nicht leiden. Ihn interessierten mehr die Leistungen im Sport."
"Bei mir war es umgekehrt. Deshalb habe ich auch das Abi nicht geschafft."
"Ob wir wohl ein Jahrgang waren? Da waren glaube ich drei Parallelklassen damals."
"Ich bin neunzehnhundertneunundsiebzig abgegangen."
"Nein, dann waren Sie eine Klasse über mir. Ich erst neunzehnhundertachtzig."
Ja, aber nach dem Abitur und sie schon nach der zwölften.
"Da habe ich Sie wohl nur mal auf dem Pausenhof gesehen. Kein Wunder, dass Sie sich nicht mehr an mich erinnern."
Barbara sah auf ihre Uhr.
"Schon viertel nach zehn. Ich müsste eigentlich längst im Gericht sein. Eigentlich wollte ich nur ein paar Unterlagen aus der Kanzlei holen. Wissen Sie was, diese idiotische Geschichte ist glaube ich Schicksal. Sie haben den Job."
"Aber warum? Sie wissen doch gar nichts von mir. Sie haben ja nicht mal meine Zeugnisse gesehen."
"Das kann ich ja noch nachholen. Die wird meine Partnerin ja sicher haben. Wissen Sie, Sie gefallen mir einfach."
Sie streckte Ute die Hand entgegen. Was sollte sie nun tun? Das würde doch nie gut gehen. Irgendwann würde Babsi hinter die Wahrheit kommen und dann? Was war sie doch für eine Idiotin gewesen damals. Nur um sich vor ihren Freundinnen wichtig zu machen hatte sie sich diese Chance versaut. Wer war sie denn eigentlich gewesen, dass sie sich über Babsi lustig gemacht hatte? Bestimmt keine Schönheitskönigin. Ihre tollen Leistungen im Sport hatten sie auch nicht weitergebracht und mit den Freundinnen von damals hatte sie schon längst keinen Kontakt mehr.
In diesem Moment setzte sich der Fahrstuhl wieder in Bewegung. Zwei Minuten später hielt er in der neunten Etage. Barbara stieg zuerst aus.
"Kommen Sie, ich sage meiner Partnerin, dass wir Sie nehmen. Dann muss ich schnell los."
Ute blieb in der offenen Kabine stehen.
"Wo bleiben Sie denn?"
"Es tut mir leid, Babsi."
"Wie?"
"Es tut mir leid. Vor meiner Hochzeit hieß ich Ute Kröger. Ich war damals in der zehn B."
"Ute Kröger? Also, das hätte ich nun wirklich nicht gedacht. Dann warst Du das damals im Sportunterricht? Komm, Schwamm darüber, das ist lange her. Vielleicht hätten wir schon vor langer Zeit mal miteinander reden sollen."
Ute nickte beschämt und wandte sich zum Treppenhaus, neun Stockwerke hin oder her, von Fahrstühlen hatte sie für heute genug.
"Wo willst Du denn hin? Hier geht es lang. Ich hab doch gesagt, Du kriegst den Job."

Eingereicht am 19. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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