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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Flucht

© Yersinia


Schwarz, alles, was er sah, war schwarz. Dunkelheit um ihn herum, er hatte Angst. Wie weit war er schon gelaufen? Kalter Schweiß lief ihm den Nacken herunter, er hörte die Luft aus seinem Körper ein und austreten, schwer, wie sein Gewissen, das ihn ständig verfolgte. Mit jedem Schritt den er tat, wurde sein Atem schwerer und schwerer, er musste sich ausruhen. Sein heißer Körper klatschte in die Dunkelheit, er zitterte; sein Herz rannte ihm davon. Er musste weiter, versuchen es einzuholen. Wo war er nur? Wie viel Zeit hatte er noch bis sie ihn fanden, um ihm das Gehirn rauszusaugen? Seinen Vater, der ihn liebte - viel zu oft und viel zu lange. Es tat jedes Mal weh, doch war es der seelische Schmerz, der ihn so quälte; eine Wunde, die immer wieder aufplatze und nicht mehr aufhörte zu bluten. Er bat ihn wieder und wieder aufzuhören, doch alles, was er schmeckte, war der Schweiß des alten Mannes, wie er auf seinen Rücken tropfte. Seine Kindheit, in der er lachte und sie ihn in den Arm nahm. Es war Sommer, der Tag leicht, ihre Hand schützend auf seinem Kopf. Doch wo war sie jetzt? Jetzt da er sie brauchte, ihre Hand, ihre schützende Wärme? Es gab sie nicht mehr die Wärme, die Hände, sowie die Mutter. Sie hatte ihn verlassen, verraten, ihren eigenen Sohn, doch war sie endlich erlöst. Salziges Wasser rann in seinen Mund, seine Sicht wurde trüb. Mit dem Handrücken zerrte er sich den Kummer aus dem Gesicht, schleuderte sein Leid von sich und folgte weiter den Spuren, die sein Herz auf seiner Flucht hinterlassen hatte. Der Regen stürzte auf ihn herunter, trommelte auf seinen Kopf. Die Nacht erschien ihm so weit, er wurde schwach, seine Arme fielen herab, seine Beine konnten ihre Last nicht länger tragen, er sank auf den Boden. Er fühlte die Farben, doch wo es sonst hell war und warm, war es nun kalt und einsam. Die Nacht zog über ihn hinweg und versuchte ihn zu umschlingen; er schlug die Augen auf, sprang in die Höhe und riss sich die Kleider vom Leib, ihm war kalt, so unendlich kalt. Seine Hände wollten den Mond greifen, ihn zerdrücken, doch er war Jahre entfernt, 100 Jahre. Seine Beine folgten ihm nicht mehr und schmissen sich vor seinen Körper. Seine Füße traten wieder in die Abdrücke, die sein Herz ihm gemalt hatte, bevor er es wusste und er rannte - rannte weg vor dem Tod. Er war ihm immer entkommen. Er war immer schneller. Doch heute sprang er ihn von hinten an, die Bestie und riss ihm die Kehle heraus, damit er nicht mehr schreien konnte. Sein Körper lag leblos da, kalt und steif. Und alles, was sie bei ihm fanden, war das Bild des Vaters und die Spritze, die ihn endlich erlöst hatte.

Eingereicht am 16. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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