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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Gelb und Rosa

© Sabine Rohm


Erfunden wurden wir von einem Herrn, namens Heinrich Sachs. Er kam im Jahre 1919 auf die Idee, aus Kupfer - und Silberdraht, 0,9 mm dicke Klammern zu formen die den Zweck erfüllen sollten Papierstapel zusammen zu halten. Briefklammern wurden wir damals genannt. Viele Jahre erfüllten meine Vorfahren ihre Pflicht. In der heutigen Zeit meistens Büroklammern genannt, durch Plastiküberzug oft farbig aufgemotzt, sind wir mittlerweile unentbehrlich geworden. Wir werden täglich gebraucht und wenn es nur darum geht unauffällig einen nicht funktionierenden Reißverschluss zu ersetzen.
Das nur zur Vorgeschichte. Erzählen, möchte ich hier von uns beiden. Von mir und meiner Freundin Rosa.
Kennen gelernt hatten wir uns bereits in der Fabrik. Wir lagen auf dem Fließband und fuhren rasend schnell aneinander vorbei. Wir waren die Kupferdrähte und sollten innerhalb der nächsten Minuten zur Büroklammer geformt eine poppige Farbe bekommen. Sie rosa, ich gelb. Als wir auf dem Fließband aneinander vorbei rollten blickten wir uns nur kurz in die Augen. Wir wussten beide nicht, was mit uns geschehen wird und waren sehr ängstlich. Aber wir waren uns in diesem Moment einig: Wir gehören für immer zusammen.
Nachdem wir gelb und rosa waren, wurden wir mit grün, blau, schwarz überzogenen Kupferdrähten, zu hundert an der Zahl, in eine durchsichtige Schachtel gepackt und in einen Karton gelegt. Der Karton wurde von außen zugeklebt und es wurde dunkel. Es war schrecklich. Die mittlerweile kunterbunt umhüllten Büroklammern gerieten in Panik.
"Hey, was ist hier los, was passiert mit uns?" schrie eine der blauen.
"Ich kriege Platzangst!" kreischte eine der grünen.
In dem Gewühl, wo sich jeder seinen Platz suchte, tastete ich mich an Rosa heran. Sie lag wie versteinert und ließ sich von den anderen überrollen.
"Rosa, hab keine Angst. Ich bin bei dir." Sie schmiegte sich an mich und beruhigte sich.
So lagen wir wochenlang in der Dunkelheit.
Plötzlich wurde der Karton bewegt und in einem schaukelnden Etwas an einen unbekannten Ort gebracht. Der Karton wurde hin und her geschüttelt. Rosa und ich, klammerten uns aneinander um uns nicht zu verlieren.
Schließlich hatte die Ungewissheit ein Ende. Der Deckel wurde geöffnet.
Wir und hunderte von anderen, bunt überzogenen Kupferdrähte, schlossen geblendet die Augen. Was passierte jetzt?
Eingeschlossen in unseren durchsichtigen Schachteln, wurden wir in einem Schreibwarengeschäft von einer jungen Frau in ein Regal gelegt. Wir waren die vorletzte Packung und konnten uns ausrechnen, wie viel Zeit uns gemeinsam noch bleiben wird.
"Was tun wir, wenn wir getrennt werden?" fragte mich Rosa eines Tages. Es war ein warmer Frühlingsmorgen und wir hatten von unserem Regal direkten Blick aus dem Schaufenster. Die Bäume blühten, die Menschen auf der Strasse wirkten fröhlich nur wir, so schien uns, hatten Angst vor einer ungewissen Zukunft.
"Mach dir keine Sorgen. Egal was geschieht, wir bleiben zusammen." Tränen liefen über meine gelbe Plastikhülle.
Monate vergingen. Mittlerweile hatten wir innerhalb der durchsichtigen Schachtel Freundschaften fürs Leben geschlossen. Wir schlossen Wetten untereinander ab, wer die älteste Büroklammer der Welt werden würde. Tja, käme auf die Hände an in die wir geraten sollten. Und der Tag nahte. Die Schachtel vor uns war heute verkauft worden. Ein älteres Ehepaar hatte sie erworben. Die Geschäftsinhaberin orderte bereits neue Drähte. Sollten sie noch nicht hergestellt worden sein, sie würden spätestens morgen auf dem Fließband liegen. Wird nicht wehtun. Das wenigstens, konnten wir zu den Erfahrungen der zukünftigen Büroklammern beitragen. Doch unsere Fröhlichkeit flachte ab. Bald waren wir an der Reihe.
Wie das Schicksal es wollte, betrat am nächsten Morgen ein junger Mann das Geschäft. Was er benötigte waren ausgerechnet: WIR!
Für nur ein paar Cent, erwarb er Flexibilität, Freundschaft fürs Leben, Verlust nur durch Eigenverschulden und Einsatz, bis zum Zerfall durch Rost. Wir gingen mit ihm. Was blieb uns auch anderes übrig?
Wir gingen mit ihm, in seine chaotisch anmutenden Junggesellen Behausung.
Hundert Gedanken in einer durchsichtigen Schachtel verpackt purzelten plötzlich durcheinander. Fürs Saubermachen schien hier niemand verantwortlich zu sein. Hey, wir könnten zufällig unter das Sofa fallen. Bis er sich eine neue Wohnung sucht würden wir Monate, vielleicht Jahre vergnügt dort leben können. Oder unters Bett, hinter den Küchenschrank, oder unter den Teppich. Niemand würde uns vermissen.
Wir lagen knapp daneben. Der junge Mann setzte sich mit uns an seinen Schreibtisch. Ein toller Sekretär mit vielen Schubladen, aber mit Bergen von bisher ungeordneten Papieren die sich darauf stapelten. Er hatte anscheinend großes vor und das große Zittern begann. Doch der junge Mann schien unsicher. Er raufte sich die Haare, stand auf, ging in die Küche und kochte sich einen Kaffee. War das die Gelegenheit? Rosa und ich, pressten uns eng aneinander.
Nein, leider verpasst!
Der junge Mann kam aus der Küche, setzte halsbrecherisch die volle, dampfende Kaffe Tasse auf die ungeordneten Papiere, strich sich die Haare wieder glatt, atmete tief ein und aus, krempelte sich die Ärmel seines Pullovers hoch und fing an zu sortieren.
Er sortierte großzügig, griff eine Klammer nach der anderen aus der Schachtel, heftete sie an die entsprechenden Seiten und murmelte: "Das Schreiben nach Australien, das nach Hamburg, die Seiten nach London."
Zwischendurch schlürfte er laut aus seiner Tasse.
Uns restlich verbliebenen Büroklammern packte die nackte Angst. Was war das für ein Mensch? Hatte er denn gar kein Mitleid? Er konnte uns doch nicht auseinander reißen und uns in der Weltgeschichte verteilen!
Doch, er konnte. Schließlich hatte er uns gekauft. Was sind denn schon ein paar billige, bunt überzogene Drähte?
Es klingelte. Der junge Mann sprang vom Stuhl auf und ging zur Wohnungstüre. Das reichte. Ich hatte mir einen Plan zurechtgelegt, der jetzt funktionieren musste!
Jeder Mensch kennt Büroklammern, die oft benutzt, irgendwo herum liegen und unglaublich verzwickt miteinander verstrickt sind. Meistens fehlt die Zeit, diese unbegreifliche Logik der Verwickelung auseinander zu puzzeln. Darauf musste ich bauen!
Ein Geschäftspartner des jungen Mannes, kam ins Wohnzimmer um die ersten Papiere für den Rest der Welt abzuholen. Wir Freunde verabschiedeten uns auf die Schnelle voneinander und viele Tränen flossen. Doch ich musste an Rosa und mich denken.
In Windeseile verwickelten wir uns miteinander, wir wussten anschließend beide nicht mehr wie wir das hinbekommen hatten und verhielten uns ruhig. Der Geschäftspartner hatte inzwischen mitsamt unserer Freunde die Wohnung verlassen. Der junge Mann setzte sich wieder an seinen Sekretär und sortierte die nächsten Papiere.
Ein Stapel für Hongkong, ein Stapel für Oslo und so fort. Immer wieder griff er in die Schachtel. Zwischendurch fasste er nach Rosa und mir, schüttelte uns ungeduldig und warf uns wieder zurück in die Schachtel. Stunden voller Angst vergingen nur langsam. Unser ehemaliges Zuhause war fast leer und viele Freunde verloren. Der Papierstapel war abgearbeitet und Rosa und ich oft geschüttelt worden.
Seit vielen, vielen Jahren leben wir nun mit zwölf übrig gebliebenen Freunden, glücklich in einem Geheimfach des inzwischen mehrfach verkauften und mittlerweile antiken Sekretärs.
Uns geht es blendend und wir bedanken uns herzlich für Ihre Aufmerksamkeit.

Eingereicht am 15. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
Nachdruck und Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der schriftlichen Zustimmung der Autorin / des Autors.


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