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Zwiesprache mit meiner Tochter

© Elisabeth F.


Ich bringe es nicht anders auf die Reihe. Ich brauche Deine Hilfe.
Keine Angst, es beeinträchtigt nichts in Deinem Leben.
Nur weil ich weiß, dass Du mich liebst, kann ich mit Dir darüber reden. nein schreiben. Nicht reden. Das kostet mich zuviel Beherrschung.
Bitte, lass uns dieses - mein - Problem schriftlich lösen. Sprich nicht darüber.
Ich bin mir vollkommen im klaren darüber, dass ich überreagiere.
Es ist nicht "normal". Werner nennt mich schlicht ergreifend bekloppt.
Gabi meint, dass ich eben eine Löwenmutter sei. Auch sie hatte unter ihrer Löwenmutter zu leiden. Sogar als erwachsene Frau traute sie sich nicht, ihr manches zu sagen. Sie fand es selbst entwürdigend, konnte aber nicht anders. bzw. hatte nicht den Mut zu Diskussionen mit ihr.
Renate hat ihre mütterliche Dominanz in den Anfangsjahren der Abnabelung auch übertrieben und ist mehr als einmal übers Ziel hinausgeschossen.
Ich weiß selbst, dass auch Du Dich deshalb in manchem zurückhältst. Eben der Kommentare wegen.
Aber das will ich doch nicht. Das macht doch alles nur noch schwieriger.
Ich fühle mich dann noch mehr ausgeschlossen.
Ich habe immer noch, seit 10 Jahren, damit zu kämpfen, loszulassen.
Ja ich kämpfe dagegen an. Ich versuche alles. Aber es beeinträchtigt mein Leben. Ich hocke da und weine. Ich weiß nicht warum-
Jetzt höre ich mitteln im bügeln auf und muss einfach schreiben.
Ob ich Dir diesen Brief gebe, weiß ich noch nicht.
Froh und glücklich bin ich von ganzem Herzen, dass es Dir gut geht. Dass Du den Job hast, den Du wolltest, dass Du den Mann hast, den Du Dir wünschtest. Dass Du Deine kleine Wohnung geniessen kannst -
all das freut mich so sehr für Dich. Ich bin stolz auf Dich.
Du bist eine gute Tochter und es gibt nichts zu tadeln.
Ich habe Dir Deine Wurzeln gegeben, aber mit den Flügeln habe ich immer noch Schwierigkeiten. Bin ich unnormal? Ja ! wenn ich es mir richtig überlege, funktioniere ich nicht richtig. Ich kann einfach nicht die Normalität akzeptieren.
Jede andere Mutter kann das. Ich kämpfe gegen die Windmühlen meiner Gefühle und den Gesetzen des Lebens
Es wäre abnormal, wenn Du da oben in Deinem Zimmer hocken und jeden Tag zur Arbeit fahren würdest. Aber es wäre schön - für mich. Für Dich nicht. Ich weiß das. Ich bin mir vollkommen bewusst darüber, wie unwirklich manchmal meine Gedankengänge sind. Genauso unwirklich, wie Du nie wieder das kleine Mädchen sein kannst.
Im Grunde trauere ich ja nur der Vergangenheit hinterher.
Das wird es wohl sein. Nicht Dich als erwachsene Frau vermisse ich so sehr, sondern mein kleines Kind, das Du nie wieder sein kannst.
Mache Dich also nicht so verrückt, weil ich verrückt bin, sondern versuche ein wenig zu verstehen.
Mir fällt es nur schwerer, als anderen Müttern, das kleine Mädchen von meiner Hand loszulassen. Die Unwiederbringlichkeit einer vergangenen Zeit anzunehmen. Damit kämpfe ich. Damit muss ich irgendwann fertig werden. Darum weine ich manchmal. Es hat keinen Sinn, dass ich die Problematik erkenne, mich zur Ordnung rufe und zur Tagesordnung übergehe. Dieses Gefühl muss ich ausmerzen. Dem "Übel" auf den Grund gehen. Nicht verdrängen - sondern verarbeiten.
Das ist wohl wichtig für mich. Vielleicht kannst Du mir dabei helfen?!
Gut, dass ich heute Allergie habe. Da kann ich meine verweinten Augen damit entschuldigen.
Ob alle Mütter weinen und es nur nicht zugeben, weil es eben nicht der Norm entspricht?
Meine Mutter hat mir vor kurzem erzählt, dass es ihr immer das Herz zerrissen hat, wenn ich von Nürnberg nach einem Besuch wieder weggefahren bin. Aber gesagt hat sie das nie.
Auch Gabi kommt gut damit klar, dass ihre Kinder und Enkelkinder nicht bei ihr, oder nah bei ihr wohnen.
Vielleicht kommen auch Mütter mit Söhnen besser damit zurecht. denn Sandras Mutter dagegen sagte, sie wird bald verrückt, weil ihre Töchter in Hinzweiler! wohnen. So weit weg. Was würde die an meiner Stelle tun?
So, jetzt habe ich mich wieder einigermaßen beruhigt und bügle weiter.

Eingereicht am 14. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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