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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Ein Menschenleben

© Christine Kühnel


Die Kartoffeln hatten das Wasser getrübt. Sie schälte sie langsam und bedächtig, denn sie hatten schon gegessen. Später würde sie sie in Scheiben schneiden und backen, aber erst morgen daraus einen Auflauf machen. Das hatte sie nun schon seit einer Woche so geplant. Sie hielt inne und lauschte ärgerlich, aber wie es schien hatte sie sich verhört, die Uhr im Flur tickte gleichmäßig. Für einen kurzen Moment hatte sie geglaubt, dass sie schon wieder die Batterien würde wechseln müssen. Das wäre schon das dritte Mal innerhalb eines Jahres. Sie hätte sie dann zurück gebracht. In ihren Augen bedeutete eine solche Anschaffung eine unnötige Strapaze des Haushaltsplanes. Es gab in ihrem Hause nichts, was nicht funktionierte, rein gar nichts.
Sie lauschte weiter. Aus dem Zimmer ihres Sohnes drangen die monotonen Geräusche des Computers. Anfänglich hatte sie noch versucht, sich die Namen der zahlreichen Spiele zu merken, die er fast wöchentlich nach Hause brachte. Aus einer, wie sie damals meinte, blendenden Idee heraus, hatte sie angefangen, sich eingehend mit dieser schillernden Welt zu beschäftigen. Allerdings hatte sie feststellen müssen, dass es nahezu ein hoffnungsloses Unterfangen war, den Überblick zu behalten. Sie hatte sogar tatsächlich einmal den Versuch gewagt selbst zu spielen, aber sie hatte sich zu Tode gefürchtet und ihre Unbeholfenheit ging ihrem Sohn auf die Nerven.
Wie spät es wohl sein mochte?
Ihr Mann war wie immer in der Kneipe. Er trank und spielte Dart bis in die frühen Morgenstunden, wie immer an seinem freien Abend. Dann würde er nach Hause kommen und ins Bett fallen.
Ihre Tochter war unterwegs mit ihrem neuen Freund. Ein Zuhälter, sagte ihr Mann, ein Junkie, ein Drogendealer, einer der mit Nutten rumhängt. Später erst hatte sie sich gefragt, wie er das wissen konnte. Aber das war, wie gesagt, später gewesen. Selbst wenn sie wirklich ein Interesse daran gehabt hätte, konnte und wollte sie ihn nun nicht mehr fragen. In einem stillen Moment hatte sie sich neben ihren Sohn gesetzt, die Lautsprecher ein wenig herunter gedreht und ihn zu dem neuen Freund ihrer Tochter befragt. Ihr Sohn fand ihn cool, das musste ihr reichen. Sie drehte den Lautsprecher wieder auf die ursprüngliche Lautstärke und verließ das Zimmer. Wenn Gefahr drohen würde, dann wäre das sogar in den Horizont ihres von Computerspielen betäubten Sohnes vorgedrungen. Das bildete sie sich wenigstens ein. Außerdem war es ihr lieber nun anzunehmen, dass sie dem neuen Freund ihrer Tochter vertrauen konnte, als nun ihrem Sohn zukünftig zu misstr! auen. Seit der Freund ihrer Tochter dazu gekommen war, war die Atmosphäre in der Familie noch verhaltener geworden als gewöhnlich. Die anderen Mütter, mit denen sie sich Sonntags nach der Kirche einen kleinen Plausch gönnte, schienen ähnliche Erfahrungen zu machen. Genau konnte man das aber nicht sagen. Sie war mit keiner von den Frauen wirklich befreundet, daher galt es immer eine gewisse Distanz zu bewahren. Die Regeln hierfür waren innerhalb der Grenzen dieser sterilen Bekanntschaften festgelegt. Streit und Zwistigkeiten in der Familie blieben in ihrem gesamten Ausmaß unter der Oberfläche. Man konnte ein wenig vorstoßen, gewisse Fragen im Konjunktiv formulieren und musste anschließend Kreativität bei der Interpretation der Antworten beweisen.
Manchmal, wenn es schon still war im Haus, ihre Familie schon schlief und sie noch in der Küche zu tun hatte, oder ihr Nähzeug noch wegräumen musste, genau dann war der Wunsch nach einer Freundin am stärksten. Dann erlaubte sie sich individuelle Gefühle. Es schmerzte sie umso mehr, da sie das Gefühl kannte, eine wirklich gute Freundin zu haben. Die Zeit hatte sie noch nicht vergessen lassen, dass es einmal anders war.
Ihre Hand tauchte in das kalte, trübe Wasser und umschloss eine Kartoffel. Genau in dieser Position verharrte sie, als ihr Blick auf den Bildschirm des Fernsehers fiel, auf das Feuerwerk, welches dort tobte. Ihr Herz begann wie wild zu rasen, denn sie erkannte es. Sie erkannte es, erkannte es!
Die zerklüfteten Felsen, das großartige Spiel der Flammen, der Nebel, der alles umschmiegte. Die Rhythmen, die an ihr Ohr drangen riefen Erinnerungen wach, derer sie sich schon gar nicht mehr bewusst gewesen war. Oh ja, sie war dabei gewesen. Ein großartiges Konzert, das erste auf das sie mit Wissen ihrer Eltern gegangen war. Gebannt starrte sie weiter auf den Bildschirm, die Kartoffel weiter unbemerkt mit der einen Hand umklammert, während die andere nach der Fernbedienung tastete, um die Lautstärke hochzudrehen. Als sie sie schließlich in der Hand hielt, drückte sie unbeherrscht ihren Fingernagel in das weiche Gummi des Knopfes, doch nichts geschah. Mit einem seltsamen, fast tierischen Laut warf sie sie von sich, und sprang auf, um zum Fernseher zu hasten. Das sie das Tablett mit den Schüsseln und Kartoffeln darauf umwarf, war ihr egal. Etwas, was vor wenigen Minuten noch eine kleine Tragödie gewesen wäre, war nun vollkommen bedeutungslos. W 'e4hrend sie sich auf die Knie warf, dachte sie bei sich, dass sie sogar schon vergessen hatte, wie sehr sie diese Musik geliebt hatte. Nun zeigten sie eine Großaufnahme des Sängers, James.
Mit einem Auflachen drückte sie die Handflächen ihrer Hände auf ihre Wangen und sang ein paar Zeilen mit ihm. Als hätte sie nie aufgehört, diese Lieder zu hören, hätte nie aufgehört die neuesten Poster aus den Zeitungen an ihre Wand zu hängen, ungeachtet des Unmutes, den die Zerstörung der guten Tapete bei ihrem Vater hervorrief. Oh, was war diese Zeit schön gewesen, wenn sie sie von der heutigen aus betrachtete. Das Leben war so leicht, so bunt gewesen. Eine unbeschwerte Aneinanderreihung von kleinen Überraschungen, die jeder Tag mit sich bringen konnte. Im Gegensatz zu vielen ihrer Freundinnen, hatte sie damals nicht dem erwachsen werden entgegen gefiebert. Sie hatte nicht zurückblicken wollen, um zu erkennen, dass sie die schönste Zeit ihres Lebens nicht erkannt hatte. Sie hatte damals bereits geahnt, dass diese Zeit so unwiederbringlich wie kostbar war. Alle Welt behauptet, dass die Weisheit mit den Jahren kommt. Bei ihr war es scheinbar umgekehrt gewesen. Sie kam sich jetzt dumm und naiv vor, unwissend und stupide.
Zögernd hob sie ihre Hand und berührte den Bildschirm. Das Trockeneis konnte sie riechen, den Duft ihres Haarsprays, ihr Parfüm - Sharlimar, ein paar Spritzer aus dem Flacon ihrer Mutter. Ein Zittern durchfuhr sie, das Zittern von damals. Nun erinnerte sie sich auch an das klebrige Gefühl auf ihrer Haut, hervorgerufen durch den Schweiß, die Hitze der Menge und den Rauch, den Alkohol. Der langen Fahrt in diesem winzig kleinen Wagen, den Klaus damals gefahren hatte. Wenn ihr jemand gesagt hätte, dass sie ihn eines Tages heiraten und vermutlich den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen würde, oh damals wäre dieser Gedanke aufregend, wunderbar gewesen, sie war die ungekrönte Königin an seiner Seite. Sie konnte sich in dieses Gefühl nicht hineindenken, denn nun wusste sie wie dieses Leben miteinander aussah. Eine weitere Erinnerung riss sie aus den Überlegungen der Gegenwart und sie presste unwillkürlich die Lippen fest aufeinander. Ja. Jetzt! erinnerte sie sich. An Stunden bevor das Konzert begonnen hatte in seinem Wagen, seine wilden Bisse und fordernden Hände, an ihr Lachen und das Gefühl auf ihrer Haut, weil er den gesamten Lippenstift in ihrem Gesicht verteilt hatte.
An die Sekunde, in der ihr Spiel bitterer Ernst wurde, weil sie noch nicht bereit war, ihre Jungfräulichkeit aufzugeben. Gerade als es schien sich geschlagen geben zu müssen, hatte Ella an die Scheibe geklopft.
Ella, die beste Freundin, die es geben konnte.
Wie hatte sie je den Kontakt zu ihr aufgeben können? Wie viele Jahre war es her, dass sie sich aus den Augen verloren hatten? Sie rechnete. Rechnete und stockte. Ihr Blick heftete sich wieder auf den Bildschirm, sie sah jedoch nichts, hörte nichts.
Das alles war vor 27 Jahren gewesen. 27 Jahre.
Wann bin ich so alt geworden, schoss es ihr durch den Kopf. Oh, wie alt sie war, so alt, wie sie sich noch nie hatte vorstellen können zu sein. Wie soll man sich auch eine solche Sache wie Alter vergegenwärtigen können, wenn man noch so jung ist und glaubt noch so viel vor sich zu haben. Auch wenn sie sich damals vielleicht schon davor gefürchtet hatte. Aber sie hatte diesen Feind nicht wirklich gekannt.
Ihr Blick heftete sich auf den Boden, sie betrachtete die verstreuten Knollen, mit Flusen und Haaren beklebt, die vermutlich größtenteils von Ihrem Mann stammten. Schon hatte sie sich halb erhoben, um bei dem Anblick das Schlachtfeld mit Müllbeutel und Staubsauger bewaffnet zu räumen. Nun ließ sie sich jedoch wieder zurücksinken und lenkte ihren Blick wieder auf den Bildschirm. Das alles rief so viele Erinnerungen in ihr wach. So viele angenehme Gefühle, die eine fast vergessene Sehnsucht in ihr schürten. Wann hatte sie aufgehört bewusst zu sein.
Wann war ihr Bewusstsein zu einfachem Sein übergegangen? Keine Weisheit mehr, statt dessen eine traurige Existenz, voller Kompromisse und Versagungen. Ohne Raum für Eventualitäten. Gradlinige Vernunft und matriarchalische Verantwortung, wenn alle hinsahen. Wenn die Öffentlichkeit ausgeschlossen war, ein erbärmlicher Kampf um jedes noch so kleine Recht mit dem Mann, den sie einmal als die Erfüllung all ihrer Träume angesehen hatte. So süß es gewesen war in die Zeiten ihrer Vergangenheit einzudringen, so bitter war das Auftauchen in der Gegenwart. Sie blickte sich um und fühlte sich angeekelt.
Die Kartoffeln mit dem ausgefallenen Haupthaar ihres Mannes daran.
Die Couchgarnitur aus dem ortsansässigen, völlig überteuerten und dabei doch geschmacklosem Möbelhaus.
Die durchschnittlichen Dekorationen, die wie ein verzweifelter Hilferuf nach Selbstverwirklichung aussahen, nur gut, um mäßige Bewunderung bei höflichen Treffen unter Müttern der Nachbarschaft hervor zu rufen.
Es widerte sie alles an.
Sie wollte es nicht sehen.
Sie wollte es verbrennen.
Wenn ihr Sohn nicht in seinem Zimmer gewesen wäre, hätte sie es vielleicht sogar getan.
So aber stellte sie nur den Fernseher aus, und ging in den Flur. Nahm den Staubsauger aus der kleinen Kammer, in der sie die Putzmittel aufbewahrte. Räumte auf. Warf die Kartoffeln weg, sie wollte keine Kartoffeln mehr. Kein Auflauf. Ein Bruch der Planmäßigkeit. Und sie spürte, dass die Erinnerungen an ihre Vergangenheit langsam verblassten. Dieses beunruhigende Gefühl, dass den Anfang bildete zu irgendetwas Unbekanntem, sie wollte es nicht. Schnell stand sie auf und löschte alle Lichter in der Wohnung. Sie setze sich in ihren Sessel am Fenster und blickte hinaus in den Abendhimmel. Noch ein wenig und das Vergessen würde sie wieder einhüllen. Schmerzfrei. Und wenn sie die Lichter wieder einschaltete, würde ihre Wohnung wieder so sein, wie sie sie sich wünschte. Ein gemütliches Heim, für ein Ehepaar, das gelernt hatte, sich mit Abstrichen zu lieben, zwei Kindern, die ihre Schwächen hatten, nichtsdestotrotz den stolzen Eltern im Grunde ohne Fehl und ohne Makel schienen. Ein Heim für eine kleine, durchschnittliche Familie. Sie entspannte sich und schloss die Augen. Nein, es gab in ihrem Haus wirklich rein gar nichts, was nicht funktionierte.

Eingereicht am 13. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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