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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Kleines Mädchen am Meer

© Felix Clervaux


Da läuft sie. Mit dem kleinen gelben Eimer, den Henkel mit ihren knubbeligen Fingern ungeschickt festhaltend. Immer weiter in Richtung Meer; und die blonden Zöpfe wippen auf ihre Schultern.
Ihre Mutter ruft hinter ihr her, dass sie warten solle. Da bleibt sie gehorsam stehen und dreht sich um. Ihr Blick ist ergeben, aber sehnsüchtig.
Natürlich: sie will ans Wasser.
Und ein süßer Schmerz durchfährt mich plötzlich, denn mir wird klar, dass ich das auch einmal war.
Von meinem ersten Besuch hier weiß ich nicht mehr viel. Warmer, weicher Sand, bunte Schirme, ein Wagen, an dem es Eis gab. Kaum mehr.
Doch selbst an das Wenige zu denken, ist angenehm.
Die kreischenden Möwen fand ich lustig; wenn sie nur hoch genug über mir waren. Näherten sie sich zu sehr, bekam ich Angst und sah hilfesuchend nach dort, wo ich die Eltern vermutete. Und meine Hand verkrampfte sich in den Griff meiner Schaufel.
Noch Jahre danach, eigentlich bis heute wird mein erster Satz beim Anblick des Meeres im Familienkreise zitiert. "Wer hat denn hier das ganze Wasser ausgeschüttet?" Und alle sind amüsiert. Ich kann mich nicht erinnern, das gesagt zu haben.
Wie alt mag sie sein? Vielleicht fünf, höchstens sieben.
Doch wie geschickt sie die Wände der kleinen Sandburg glättet und mit den Tropfen des durch ihre Finger perlenden Wassers festigt.
Ich möchte sie fragen, ob sie denn schon weiß, was sie später einmal werden will. Ob sie auch irgendwann richtige Häuser bauen möchte.
Aber nein, es ist dumm, und sie ist noch so klein. Ich schaue mit einem verschämten Seitenblick hinüber zu ihrer Mutter, die mit Argusaugen über das Kind wacht. Sicher möchte sie nicht, dass fremde Menschen der Tochter solch seltsame Fragen stellen.
Es wird in meinem Strandkorb unbequem, ich setze mich anders hin und kann in dieser Position das kleine Mädchen nicht mehr sehen.
Was habe eigentlich ich danach gemacht? Warum sind wir irgendwann nicht mehr ans Meer gefahren?
Die Schaufel und den Eimer haben meine Eltern bestimmt aufgehoben. Eingemottet im Keller als Erinnerung. Oder die Kinder meines Bruders spielen jetzt damit im Garten, wenn sie zu Besuch bei Oma und Opa sind. Ich nehme mir vor, Mama danach zu fragen, wenn ich zurück bin.
Eines Tages ist man zu groß für Sandburgen. Man räkelt sich auf einem Badetuch und will beachtet werden. Vor allem, wenn Jungs vorbei gehen. Anfangs weiß man nicht einmal, dass man das will.
Und alles, was kindlich ist oder auch nur wirken könnte, wird als unwichtig deklariert, ist gar verpönt, und man will damit nichts mehr zu tun haben.
Auch wenn man sich im hintersten Winkel seines Herzens nach den Förmchen und der Modderpampe zurück sehnt.
Es wird verdrängt, und mit den Jahren hat man auch gar keine Zeit mehr, darüber zu sinnieren. Weil so vieles im Leben passiert.
Nur manchmal noch, später, holt man sich den Moment zurück. Ganz absichtlich. Besonders, wenn man traurig ist, einsam oder enttäuscht. Denn seinerzeit war ja alles besser und so schön. Das tröstet oft. Leider nicht immer und auch nicht lange.
Ich drehe meinen Kopf wie zufällig nach der Seite, wo ich das kleine Mädchen aus dem Augenwinkel sehen kann.
Ihre Burg ist gewachsen, und sie arbeitet mit einer Hingabe daran, die in mir ein furchtbar melancholisches Gefühl aufsteigen lässt.
Ein Haargummi hat sich gelöst, und der vorhin noch fein geflochtene Zopf hängt strähnig an ihrem Gesicht herunter. Sie scheint es nicht zu bemerken, so intensiv ist sie mit ihrer Arbeit beschäftigt.
Ihre Mutter döst dicht daneben ausgestreckt in der Sonne.
Dieses Bild ist so friedlich und warm und scheinbar über alles erhaben, dass ich es am liebsten in Stein gemeißelt mit nach Hause nehmen möchte.
Doch dann klingelt mein Handy und der Augenblick verschwimmt.
Es ist der Einkauf. "Wenn die Ware nicht spätestens bis nächste Woche am Lager ist, dann seid ihr alle fristlos entlassen!", höre ich mich sagen und drücke das Gespräch entnervt weg. Meine Wirklichkeit hat mich binnen Sekunden eingeholt, und ich erschrecke im ersten Moment fast vor mir selbst.
"Vielleicht wäre ich heute anders, wenn ich meine blonden Zöpfe noch hätte", denke ich noch. Und nehme die letzten Geschäftsberichte zur Hand, deren Analyse keinen Aufschub mehr duldet.

Eingereicht am 10. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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