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Hundsgemein

© Jean-Luc Wanawizzi


Ich bin kein netter Mensch, nein, ich bin hundsgemein. Ich kann mit den Idealen meiner Mitmenschen nichts anfangen. Ich interessierte mich als Kind nicht für Fußball und als Erwachsener nicht für Ehe, Kinder und Einfamilienhäuser. Esoterik geht mir auf die Eier und Religion ist für mich die heilige Einheit des Brechreizes. Politische Korrektheit halte ich für eine Gehirnkrankheit und die Ideologie des Globalismus für die größte Verarschung unserer Zeitrechnung.
Banale Worte? Ja, banale Worte für banale Ideologien. Ideologien, die in ihren Wortschöpfungen an Banalität gar nicht zu übertreffen sind. Ideologien, die aus einer Putzfrau eine Raumpflegerin machen, um sie dann freizusetzen, statt sie zu feuern. Ideologien, die Power-Frauen zum Power-Shopping schicken, sie danach auf einem Motion-Board heimwärts gleiten lassen, um dort Rope-Skipping zu ermöglichen. Ideologien, die Menschen ins Weekend-Feeling treiben, bei dem alles so easy und einfach per downloaden geht. Ideologien, die uns Leute zeigen, die in einem Container wohnen, Leute, "die wo voll kultig sind".
Diese Ideologien machen Leute, Leute, die politisch korrekt sind bis in die Vorsteherdrüse, machen Leute, die verbieten, Schwarze Neger zu nennen, aber gebieten den Kopf in einen Blumenkübel zu stecken, wenn auf Neger Jagd gemacht wird. Ich scheiße auf diese Ideologien, die uns zu leeren Hülsen machen. Leere Hülsen, die mit den schofelsten Phrasen aus der Fernsehwerbung aufgefüllt werden müssen. Leere Hülsen, die sich hinter einem Funktelephon mit aufgeladener Karte verstecken. Ich scheiße auf PC, in meiner Sprache werden Putzfrauen gefeuert und Damen-Boxen heißt Votzen-Boxen. Hundsgemein! Ja, hundsgemein will ich sein.
Unerträglich ist mir euer Getue, unerträglich in der U-Bahn und wenn ich ein Gerichtsgebäude betrete. Ein sogenannter Anzug, verziert mit einem Stück Stoff, welches vom Halse ab vor der Wampe baumelt, verleiht euch Autorität. Autorität, die euch berechtigt, die während des Abiturs erlernten Phrasen wiederzukäuen. Selbst ein Rindvieh wäre ob eurer Ausdauer des Wiederkäuens beeindruckt. Sogar während einer Busfahrt werden die Fertiggerichte eurer Allgemeinbildung aufgewärmt. "Da schau, Bauhausstil, und dort neue Sachlichkeit", so wird der Kollege mit dem verbliebenen Wissen aus dem Kunstunterricht ermutigt, seinerseits einige Evergreens des Abiturwissens ertönen zu lassen.
Offenbar geht es darum, sich an diesen Passwörtern zu erkennen, um sich dann gemeinsam zu langweilen. Die Zeiten hätten sich geändert, höre ich ständig. Gewiss, die moralische Messlatte wurde gesenkt, früher als anstößig empfundenes Verhalten wird nun als Spielart der Normalität anerkannt. Spielart einer Normalität, die noch vor Jahren Millionen im Krieg verrecken ließ und es heute als normal empfindet, sich in einer Diskothek auf allen Vieren im Lederkostüm mit einer Feder im Arsch auf einer drehbaren Plattform zu präsentieren.
Leckt mich am Arsch und gebt den Zeitgenossen Schmökel und Steinhäuser das Bundesverdienst-kreuz! Der Schmökel sorgte doch für ein "megastarkes Event", als er die Dummbullen am Schließmuskel vorführte, gelle. Und die Zuschauergemeinde ergötzte sich am Fernsehapparat, jeden Abend beteten sie, dass er nicht so bald erwischt wird, damit er noch n' paar Mädels durchziehen und abmurksen kann, auf dass sie später die in irgendeinem Gebüsch liegenden, verfaulten Babymösen bei Spiegel-TV angaffen können ... hundsgemein ... und unser Freund Steinhäuser verwirklichte doch nur euer aller Traum des Umganges mit Lehrern ... hundsgemein ...
"Sein Schreibstil ist nicht einheitlich", sagen sie, "mal macht er auf Latrinen-Goethe, dann auf akademischen Bukowski". "Gut aufgemerkt", antworte ich euch, denn ich bin ebenso uneinheitlich wie mein Schreibstil und bestreite dies nicht. "Ihr habt dieses Monster miterschaffen", rufe ich euch zu. Darum bin ich hundsgemein ...

Eingereicht am 07. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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