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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Rathmullen

© Volker Krauleidis


Auf der Fanad-Halbinsel kehrte ich in einem kleinen Pub in Rathmullen ein. Rathmullen ist ein kleines Dorf, dessen letzte Häuschen an den Atlantik grenzen. Es war schon fast dunkel, etwas regnerisch, doch ich erkannte auch hier, dass der Ort sich veränderte. Die Veränderung schritt sehr langsam voran, noch immer war der alte Dorfkern mit den Stallungen sichtbar: halbverfallene Häuser und Scheunen, zwischen denen das Gras wuchert. Doch etwas abseits des Dorfkerns waren Neubauten und Betonmischer zu sehen. Ein Dorf im Umbruch, wie so viele in Irland.
Ich lief umher, es war dunkel und der Wind wehte einen fischigsalznen Geruch vom Atlantik herüber. Ich liebe dieses ziellose Umherlaufen in fremden Orten, dort der Uncle-Brian-Laden, da der SPAR-Supermarkt. Und zwischendurch immer wieder diese alten, verlebten Häuser, sie sind mir am vertrautesten. Da schau, dieses Haus! Inzwischen ist es unbewohnt, über dem Fenster hängt ein Schild: "For Sale". Der Putz bröckelt ab, eine vergilbte Gardine schmiegt sich an das Fenster, im Zwischen-raum von Fenster und Gardine hat jemand eine alte Zeitung liegen lassen, auch sie weist einen Gelbton auf. Auf der für mich verkehrt herum liegenden Seite erkenne ich das Ergebnis irgendeines Fußballspieles. Für welche Mannschaft mag der frühere Bewohner sich begeistert haben? Dass er (wegen der Fußballbegeisterung stelle ich mir einen Mann vor) es tat, ist unübersehbar, einzelne Zeilen sind unterstrichen, unleserliche Kommentare stehen an den Zeilenrändern. Durch das zweite Fenster kann ich nach innen blicken: Wie in Irland üblich, stehen die Möbel noch im Raum. Es wirkt als sei der Bewohner nur kurz einkaufen gegangen. Später werde ich im Pub erfahren, dass hier ein Witwer wohnte, der im Sommer verstarb.
Ich schlendere durch den einen kleinen Laden, da es kein Gedrängel gibt, ist es selbst mir möglich, die einzelnen Artikel näher in Augenschein zu nehmen. Der Laden nennt sich Supermarkt, die Angebotspalette ist aber angeordnet, oder besser ungeordnet, wie die alten Läden in Deutschland Mitte der 60-er Jahre. In dem Regal, Marke Eigenbau, stehen unmittelbar neben den Soßen- und Suppentüten Wanderschuhe. Es scheint, als wolle ein genialer Marktstratege hier den Bezug zwischen den ungemein stärkenden Erin-Tütensuppen und einer langen Wanderung um die Fanad-Halbinsel dem Kunden tiefenpsychologisch nahe bringen. In der anderen Ecke finden sich Konserven und Anglerbedarf, zwischen zwei Erbsensuppendosen steckt eine Angel. Was mein gedachter Marktstratege hiermit wohl bezweckt hat, beschließe ich mir im Pub gegenüber zu überlegen.
Der Pub ist traditionell angeordnet, links vom Eingang die Bar für "heavy drinking" und rechts die "Lounge". Ich werfe ein Blick in die Bar, drei alte Männer beim heavy drinking! Da ich gestern erst heavy drinking hatte und zudem selbst schon fast ein alter Mann bin, betrete ich die Lounge. Ich finde eine lange Bar, zwei Tischchen mit den üblichen drei Hockern, eine Musikbox, einen Billiardtisch und zwei weibliche Teenager vor. Der Barkeeper erscheint, ich krächze das übliche "a pint of guiness" und pflanze mich an eines der Tischchen. Während ich auf mein Guiness warte, schreitet der eine Teenager mit selbstbewusstem Hüftschlingern zur Musikbox. Ich ahne das Dilemma und werde nicht enttäuscht: Übelster Techno-Einheitsbrei dröhnt aus dem Kasten. Ich beschließe dennoch durchzuhalten, denn in der Nähe gibt es sonst kein Pub.
Nun betritt eine junge Familie das Lokal, ein stark tätowierter, sehr dünner Mann, eine tätowierte Frau und ihre Tochter wagen ein Billiardspiel. Die Musikbox ist inzwischen verstummt (endlich!), der Barkeeper schaltet den an der Decke hängenden Fernsehapparat ein. Ein Fußballspiel ist zu sehen. Während Frau und Tochter versuchen, die Kugeln zu versenken, kom-mentiert der Ehemann jeden Spielzug mit einem satten "Fuck". Wie sich die Spieler der beiden mir unbekannten Mannschaften auch bemühen, das harte, kurze Urteil des Tätowierten ist stets ein lautes "Fuck". Da, fast ein Tor! Doch auch dies ist dem Tätowierten nur ein beiläufiges "Fuck" wert. Doch siehe da! Nun endlich eine Auflockerung der Monotonie, die Tochter äußert sich zum letzten Spielzug:
"Fuck!".
"Yeah, Fuck", stimmt die junge Mutter zu. Nachdem ich ca. 30 -mal das Wort "Fuck" gezählt habe, widme ich meine Aufmerksamkeit wieder den Teenagern.
Sie sehen ganz genau so aus wie in Killybegs oder in Spandau, neben dem Aschenbecher leuchtet das "Handy". Die Fuck-Family hat nun das Billiardspiel beendet, sie verlassen den Pub. Eines der Jungmädels bedient nun erneut die Musikbox, diesmal ertönt eine Pop-Schnulze. "Some day I will be free" ertönt es aus dem Schandkasten. Beide wiegen sich nun im Rhythmus auf den Barschemeln, recken die Arme in die Höhe. "Some day I will be free", haucht eines der Mädels, ich frage mich in diesem Augenblick, wovon sie wünscht frei zu sein. Frei von einem Leben in Rathmullen etwa? Mir erschiene genau dies als "Freiheit". Mein Leben in Berlin könnt ihr haben, lasst uns tauschen", denke ich. Da sie 15 sind und ich über 40, erspare ich mir (und ihnen) die Ausführung meiner Gedanken. Aber unterscheiden sich ihre Gedanken so sehr von meinen?
Bitter ist die Erkenntnis, bitter wie das Guiness, das mir wieder acht Minuten vermeintliche Freiheit beschert. Schön ist es, nach dem Verlassen des Pubs an den Ortsrand, an den Atlantik zu laufen. Es ist inzwischen kalt, ich besteige das Auto. Some day I will be free", denke ich und drehe den Zündschlüssel herum.

Eingereicht am 05. März 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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