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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Das Maskottchen

© Manuel Sebastian Dold


"Wir haben ein neues Maskottchen." "Hab' ich ja noch gar nicht gesehen", erwiderte ich. "Wo denn?" Kathi streckte ihren Arm einem sich von uns entfernenden Mann hinterher: "Da-ha. Ist schon die zweite Woche hier, soweit ich weiß." Maskottchen, so nannte man hier die Leute, die sich aus ihrem Leben zurückgezogen hatten und ihre Zeit nach Dienstschluss von da an in der Bibliothek verbrachten. Als ich etwas später Rückgaben zurück in die Regale sortierte, sah ich ihn erneut, wie er da saß, in seinem blauen Sweatshirt, den Trench über die Stuhllehne geworfen. Er blätterte nicht in dem Buch vor sich, er las. Vielleicht würde es einer dieser verfluchten Typen sogar eines Tages schaffen, den gesamten Bibliotheksbestand durchzulesen. Ohne ihn zu beachten, ging ich weiter.
Abends, zurück in meiner Wohnung, spielte ich Saxophon. Man hatte mir einmal geraten, allen Frust in das Instrument zu blasen. Leider funktionierte es meistens nicht.
Ich erwachte auf überaus unangenehme Weise. Jonas strahlte mir von der Zimmertür aus entgegen: "Einen wunderschönen guten Morgen, wünsch' ich." "Was machst du denn hier?" brachte ich, begleitet von einem langgezogenen Knurren hervor. "Du hast mir den Wohnungsschlüssel gegeben." Seine Stimme besaß fast immer einen entschuldigenden Tonfall. "Tut mir leid, dass ich dich nicht geweckt habe, aber du sahst einfach zu niedlich aus, wie du da lagst, auf jeder Seite der Sofalehne einen Arm, deine Beine in das Bücherregal geflochten..." "Ist ja schon gut." Ich fragte mich ernsthaft, wie ich dass hinbekommen hatte.
Auch an diesem Tag, war das Maskottchen wieder in der Bücherei. Gelegentlich blieb uns einer seiner Sorte über mehrere Jahre hinweg erhalten, bis er dann irgendwann verschwand. Wohin auch immer. "Ob er sich wohl gut mit van Gogh verstehen würde", begann Kathi nach einiger Zeit zu überlegen. Van Gogh war der Name, den wir einem anderen Herren zugedacht hatten, der ebenfalls schon seid längerem mit einer gewissen Regelmäßigkeit gen Abend in der Gemeindebücherei erschien. Den Titel eines Maskottchens hatte er sich in unseren Augen allerdings nie verdienen können. Dafür wirkte er mit dem Werke vor sich stets zu persönlich beschäftigt. Familie hatte er aber offensichtlich keine. Tatsächlich kam es einmal dazu, dass er sich zufällig mit dem Maskottchen einen der Lesetische teilte. Reden taten die Beiden aber nicht mit einander.
Ein anderes Mal - ich war gerade einmal mehr am Rückgaben einsortieren - gab es Schwierigkeiten in der Bücherei. Dies war durchaus nichts Ungewöhnliches.
Als Gemeideeinrichtung wurden hier viele Bevölkerungsgruppen repräsentiert. So kam es, dass ich mich nun einem zornigen jungen Mann gegenüber sah, dessen gegenüber seinem bis eben noch mit ihm befreundeten Begleiter eingeschlagene Lautstärke, mich zum Eingreifen zwang. Während dieser Vorfall in mir Erinnerungen an ähnliche Beispiele aus meiner Ausbildungszeit weckte, fiel mein Blick zufällig auf das in der Nähe sitzende Maskottchen. Da musste ich mir, kurz nachdem sich die Situation aufgelöst hatte, vorstellen, wie es gewesen wäre, hätte einer der erregten Jugendlichen plötzlich ein Springmesser gezogen und ihn angegriffen. Ihm das Messer an die Kehle gehalten und sie durchtrennt. Dann wäre das Maskottchen jetzt tot. Später abends wartete ich auf meinen Bus.
Ich spielte wieder. Überhaupt übte ich in letzter Zeit beinahe regelmäßig auf meinem Saxophon, weshalb ich auch echt stolz war. Natürlich war Mitte dreißig ein Alter, in dem sich eine mittelmäßig verdienende Bibliotheksangestellte über einige Dinge klar werden musste. Andererseits, war es nicht alles vollkommen egal? Vielleicht lag genau hier der Grund, aus dem ich Typen wie das Maskottchen hasste. Alles nur übertragener Selbsthass. Ich schaltete das Übungsband aus und entlockte dem gebogenen Blech eine Reihe schiefer Töne.
Wenige Tage später, es war ein Donnerstag, hatte ich mit der Bigband, in der ich aushilfsmäßig spielte, einen großen Auftritt im städtischen Kulturhaus.
Trotz des Wochentages hatten sich erstaunlich viele Beruftätige eingefunden.
Mich störte die Publikumsmenge nicht. Ganz im Gegenteil, sie heizte mich auf.
Peinlich berührt merkte ich, dass ich mein leidenschaftliches Saxophonspiel zurückhalten musste, um mich in die Band einzufügen.
Leicht verschlafen erschien ich den Morgen danach zur Arbeit. Ich befand mich noch in der Tür zur Bibliothekshalle, als ich seitlich von mir die Stimme Hasimir Ruths, meines Vorgesetzten, vernahm: "Sie kennen sich damit sicher besser aus als ich. Haben wir so etwas im Hause?" "Über Musik viel, aber bei diesem speziellen Fachbereich bin ich mir nicht sicher." Es war Kathi, die ihm da antwortete. "Es ist nur so, dass meine Tochter gerade mit dem Saxophonspielen anfängt und ich dachte, vielleicht haben wir etwas darüber da." Sofort beschloss ich, Präsenz zu zeigen und klinkte mich in das Gespräch mit ein: "Morgen! Also ich habe den Bestand schon einmal gecheckt, konnte für mich aber nichts von Interesse finden." In seinem üblichen Ausdruck für Verwunderung zog Ruth die dünnen Brauen nach oben: "Ach, Sie spielen auch Saxophon? Davon wusste ich ja noch gar nichts." Das Maskottchen kam noch eine ganze Weile täglich in die Bibliothek. Ich habe nie darauf geachtet, was er las. Es war auch unwichtig. So ein Schwachkopf! Er vergeudete hier sein Leben.

Eingereicht am 04. März 2006.
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