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Kurzgeschichte Kurzgeschichten

Die Flucht

© Teodor Horvat


Die Peitsche des Kutschers flog durch die Luft und dabei ließ sich ein Knall hören. Für unser Pferdengespann war dies das Ausgangszeichen für die Abfahrt. Zwei gespannte Pferde setzten sich in Bewegung und damit begann die Reise. Auf dem Wagen saßen nur zwei Menschen, der Kutscher und meine Oma. Hinter ihnen auf dem Wagen war das Heu eingeladen und noch ein paar Kleinigkeiten für die Bewohner des Vernichtungslagers, sowie ein bewaffneter Wachmann.
Die beiden waren in eigene Gedanken vertieft und sprachen unterwegs nicht viel. Bald kamen sie ans Ziel; vor einigen hölzernen Baracken, ins Vernichtungslager Gakovo. Die Baracken waren mit Stacheldraht umzogen. Vor dem Eingangstor im Vernichtungslager stand ein bewaffneter Mann. "Haaalt, im Name des Volkes", sagte er und hob sein Gewehr. Der Pferdewagen blieb gleich stehen und meine Oma stieg aus dem Wagen. Dabei hielt sie schon eine Flasche Schnaps bereit für den bewaffneten und immer ein wenig betrunkenen Wachmann. Als er die Schnapsflasche sah und aus der Flasche einen langen Schluck zog, war auf einmal alles in Ordnung. Der Wagen konnte weiter fahren. Sobald das Pferdewagen innerhalb des Lagerhofes Stand kamen gleich ganz viele Lagerinsassen aus hölzernen Baracken und umkreisten den Wagen. Dass waren überwiegend ältere und kranke Menschen sowie kleine Kinder. Die Anderen, die noch arbeitsfähig waren, befanden sich um die Zeit bei Zwangsarbeit. Alle sahen irgendwie gleich aus: mager, abgehetzt und krank. In Fetzen angezogen und mit offenen Wunden, die mit dem Blut befleckten Lumpen, gewickelt waren. Und alle verlangten von uns nur eins, etwas zu essen. Meine Oma wusste schon, was sie am meisten benötigen: die gewürzte Mehlschwitze um ihr spärliches und ungenießbares Essen, essbar zu machen. Damals hatte sie auch kaum was zu essen und spürte auf eigenem Leib, diese Schwere und für viele unzuträgliche Nachkriegszeit. In diese Menschenmenge bemerkte sie ihren Vater (Andreas Hibl) und sechsjährigen Neffen (Joseph Hibl). Die beiden sahen ebenso dünn und geschwächt aus wie die anderen. Aber die Augen. Ja, die gut bekannten und lieben Augen konnte sie zwischen tausenden, erkennen. Die eingefallenen schwarzen Augen waren ausdruckslos und kalt unter schweren und stark geröteten Liedern. Er war farblos und leichenblass in Gesicht, verängstigt und unterdrückt. Alles in diesem Gesicht sah irgendwie unwirklich aus, wie in einem Halbtraum. So stand er im Hof zwischen den hölzernen Baracken mit zerrissenen und aufgekrempelten Hemdärmeln und schaute ausdruckslos vor sich hin. Er hielte den Oberkörper etwas nach vorn geneigt und zog beim Gehen das linke Bein nach. Trotzdem war er für meine Oma, der ehrlichste und gutmütigste Mensch auf der Welt. Neben ihn stand sein Enkelkind. Er hatte ebenso Hagerer, fast gespenstig dürrer Leib mit ganz dünnen Beinen und geschwollenen Knien. Er war nur sechs Jahren alt. Als meine Oma die beiden erblickte, konnte sie niemand mehr aufhalten. Und sie umarmte ganz fest die beiden. Aus ihren wunderschönen grünen Augen, kamen von selbst ein paar großen und heißen Tränen und sie spürte auf einmal im Herz gewisse Erleichterung. Dann sagte ihr lieber Vater. Er sprach mit gepresster und verbissener Stimme. Du hast doch keinen Grund zur Traurigkeit. Aber, sie weinte vor Glück. Dabei waren noch einigen Verwandten und bekannten aber ihre Mutter nicht. Wo ist meine Mutter (Regine Hibl geb. Windheim), fragte sie?
Wie sie später erfuhr, ihre Mutter blieb in Baracke und lag auf bloßen Fußboden. Sie war krank. Ihre offene Wunden am Beinen, hatten sich entzündet und sie bekam Fieber aber sie lebte noch und das war die Hauptsache. Nachdem was damals der Vater von meiner Oma sagte, es sei am wichtigsten die beiden nach Hause mitnehmen und sie zu Hause gut verstecken. Er konnte unter dieser unmenschlichen Umständen noch eine Weile im Vernichtungslager bleiben und nächstes Mal kommt er auch mit nach Hause. Er kann den Wagen mit seinen Liebsten, auf dem Weg nach Hause noch ein Stück begleiten aber dann muss er unbedingt zurückkommen. Der Wachmann war schon betrunken und anstatt die Wache zu halten, schlief er tief ein. Solange der betrunkene Wachmann, neben seinem Wächterhäuschen und weit geöffneter Eingangstor schlief und im Schlaf die ausgeleerte Schnapsflasche umarmte, traf meine Oma, nach der Überredung seines Vaters eine lebenswichtige Entscheidung. Sie nahm mit ihrer Mutter und ihren Neffen auf den Wagen und versteckte die beiden unter Heu. Der Kutscher nahm wieder seine Peitsche und die Pferde zogen langsam und traurig den Wagen mit meiner Oma, seine Mutter und den sechsjährigen Neffen, nach Hause. Ein weiter Zug von Freunden und Bekannten, verhüllt in zerfetzten Mantel, verfolgten stumm, jeder mit seinem schweren Schicksal, den Wagen bis zum Eingangstor. Aber ihrer Vater ging noch eine Weile hinter dem Wagen und guckte vor sich hin. Nach einem unvermeidlichen und herzlichen Abschied, hasten sie weiter mit tränen in den Augen und Trauer im Herz, durch einsame Alleen, die nicht enden wollen. Er blieb ganz allein und stand noch lange neben der gekrümmten Landstraße und guckte hilfslos hinter seinen Liebsten her, bis der Wagen nicht mehr sichtbar war. Dann setzte er sich auf einen Meilenstein neben den Weg, versinkt in seine Gedanken. Aus dem Urgrund seiner Seele kamen unnennbare Trauer und schwermütige Düsterkeit und mischte sich mit einer, unerklärbaren, unstillbaren Sehnsucht in seinem Herz. Aber seine Augen unter schweren und stark geröteten Liedern verraten nicht seine Absicht oder eine Bewegung seine Gedanken. Im ferne Westen türmten sich schwere Wolken auf, und die Sonne verschwand unter dem Horizont. Die ersten Schneeflocken kamen zusammen mit dem kalten Wind und bedeckten leise die ganze Landschaft. Erst im nächsten Frühjahr fand man ihn oder besser gesagt nur seinen Knochengerüst. Die Reste fraßen die Raubvögel und Tiere.
Vielleicht hatte er auch erkannt, dass im Tod alle gleich sind, und gab sich mit seinem schweren und traurigen Schicksal zufrieden.

Eingereicht am 28. Februar 2006.
Herzlichen Dank an die Autorin / den Autor.
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